JUGENDTHEATERCLUB: Im Chaos der Hormone

Ferien zu Hause, zwischen Kybunpark und Rosenberg: Vom Warten auf den grossen Knall erzählen zwölf Jugendliche im Stück «Sommerloch». Die locker gefügten Szenen sind wie der Sommer – ziemlich schnell vorbei.

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Was, wenn wir plötzlich in der Schusslinie wären? Wenn eine Kampfdrohne in den Kybunpark donnerte oder ins Theater, wo wir gerade sitzen? Nicht auszudenken – und so schlimm kommt es denn auch nicht in der Geschichte, die das Jugendstück «Sommerloch» beiläufig in kurzen, locker gefügten Szenen erzählt. Im Gegenteil. Es ist nichts los. Die Zeit zwischen Anfang Juli und Anfang August tröpfelt dahin. Die sprichwörtliche Bombe schlägt höchstens in den Köpfen ein. Oder gerüchtehalber.

Je länger es dauert mit dem Warten auf den grossen Knall, desto schneller verfliegt die vermeintlich so bleierne Sommerlochzeit am Premierenabend, im schon sommerlich schwül temperierten Studio des Theaters St. Gallen. Die Figuren gewinnen immer mehr Kontur. Sie werden echter, ehrlicher. Selbst Jakob Jäger, dieser aggressive Kerl, vor dem sich ein «Opfer» wie Otto Oswald möglichst hinter das nächstbeste Auto wegduckt, lässt irgendwann die coole Maske fallen. «Es lohnt sich nicht, ein Arsch zu sein», gibt er Otto mit auf den Weg, als der ihm endlich mannhaft entgegentritt.

Flaschendrehen auf Drei Weieren

Das ist schon fast zu viel des Guten für den Schluss; viel mehr kommt danach auch nicht. «Ihr dürft jetzt gehen», ruft einer der jungen Darsteller vom Bühnensteg herunter, als selbst nach dem Applaus noch alle sitzen bleiben. Geht nicht das Leben weiter? Gespielt wird es in «Sommerloch» von Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19, aus den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Thurgau. Seit Dezember haben sie dafür mit Theaterpädagoge Mario Franchi und Schauspielerin Diana Dengler wöchentlich geprobt; das Stück entstand aus Improvisationen, auf der Basis bestehender Texte und eigener Erfahrungen: eine Collage mit kräftigem Lokalkolorit. Dieses beschränkt sich nicht auf die Rückwände. Ausstatterin Tabea Stiefel hat darauf wild durcheinander alles gezeichnet, worauf die Gallusstadt stolz ist: Kirchtürme und Aller Stern, Waaghaus und Vadian, nicht zu vergessen die Startblöcke auf Drei Weieren.

Hier beginnt die szenische Sommerlochbohrung; hier suchen sie ihr Ferienglück: Typen, die Anna Alder heissen, Heinrich Hanselmann oder Ida Inauen. Richtig, das ist die höhere Tochter vom Rosenberg, filmsüchtig, nein: Stammgast im Kinok. Was ihre zehnwöchige Langzeitbeziehung zu Emil Egli in die Krise treibt. Immer neu sortieren sich die Paare und Grüppchen; die Darsteller springen in ihre Rolle und halten sie sich zugleich vom Leibe – was das Stück witzig macht und leicht, nicht allzu problemorientiert. Überraschenderweise kommen die Figuren einander dadurch wirklich näher und tappen dennoch nicht in die Kitschfalle; das zeugt von einer klugen, einfühlsamen Theaterpädagogik.

Angepackt werden die gängigen Themen: erotische Entdeckungslust, Selbstinszenierung und der Wunsch, dabei erwischt zu werden, das wahre Gesicht zeigen zu dürfen; Alkohol und Papis Porsche, Angstmacher und Opfer, Naturromantik und Terror, Syrienkrieg und Bandprobe. Ohne das Chaos im Kopf, das Chaos der Hormone in Ordnung bringen zu wollen. Dafür ist es im Sommerloch sowieso zu heiss.

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Weitere Vorstellungen: Fr/Sa, 19./20., Mo–Mi, 22.–24. 5., 20 Uhr, Theater St. Gallen, Studio