JUGENDSTÜCK: Die eigene Haltung finden

Mit seiner neuen Eigenproduktion «Wo ist A?» zeigt das Theater Bilitz ein Stück über einen Teenager, der verschwunden und doch omnipräsent ist. Ein wichtiges, ein sehenswertes Stück für alle ab 13 Jahren.

Severin Schwendener
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Wut, Hoffnung, Enttäuschung: Vater, Schwester und Freundin werweissen, wo Alex ist. (Bild: Lukas Fleischer/PD)

Wut, Hoffnung, Enttäuschung: Vater, Schwester und Freundin werweissen, wo Alex ist. (Bild: Lukas Fleischer/PD)

Seine neue Eigenproduktion hat das Theater Bilitz aus der Initialzündung eines zweitätigen Brainstormings entwickelt, zusammengesetzt aus Ideen aller Beteiligten, verändert und verfeinert während der Proben. Das Ergebnis dieses kreativen Prozesses ist ein vielschichtiges Patchwork, das viel mehr zeigt als die einzelnen Teile, aus denen es gemacht ist.

Der Anfang ist merkwürdig vertraut, wir haben das so oder ähnlich bereits in Zeitungsartikeln oder Nachrichtensendungen gesehen. Alex ist verschwunden. Siebzehn, ausgewaschene Jeans, athletische Figur. Zurück bleiben eine ratlose Schwester, ein fassungsloser Vater, eine verzweifelte Freundin. Sie machen sich sofort auf die Suche: nach Alex, aber fast mehr noch nach dem Warum. Doch gerade diese Suche führt die drei Protagonisten nicht zu Alex, sondern zu sich selbst.

Projektionsflächen als ­Bühnenbild

Risse im heilen Familienleben tun sich auf, verschwiegene Konflikte kommen zur Sprache, stillschweigende Ansprüche werden erstmals in Worte gefasst. Und wieder kommt einem alles so vertraut vor, werden Sätze auf der Bühne gesprochen, die man selbst, wenn nicht gesagt, so doch schon einmal gehört hat: «Er hatte doch alles!», «Ich wollte nur das Beste!», «Wir waren doch früher auch immer einer Meinung!». Über allem diese eine grosse Frage, zigfach ausgesprochen: «Warum hast du nichts gesagt?»

Das Stück spielt vor, hinter und mit einem Bühnenbild, das so einfach wie genial ist. Bürostellwände, eine Seite weiss, die andere dunkel. Sie werden gedreht, geschoben, formen Barrieren zwischen den Figuren, bilden die Projektionsfläche für ihre Schatten und die Gedanken der Zuschauer. Als hielte einem das Bilitz die glatte, weisse Fläche als Spiegel vor, in dem man sich selbst erkennen kann und soll. Wie die Figuren streiten, wie sie genau das tun, was sie dem verschwundenen Alex vorwerfen: nicht miteinander über das reden, was sie in ihrem Innersten bewegt.

Dichte Handlung

Auch diese Scheingefechte kommen dem Zuschauer bekannt vor, sie sind beileibe nicht nur auf den Umgang mit aufmüpfigen Teenagern beschränkt. «Wo ist A?» nennt sich Jugendstück, aber die Älteren sollten sich nicht allzu ­erhaben über diese Probleme fühlen. Immerhin lebt mit den Eheberatern eine ganze Berufsgruppe von der Unfähigkeit der sogenannt Erwachsenen, miteinander zu kommunizieren. Im Stück schaffen die Figuren das, was auf der Bühne des Lebens leider oft nicht gelingt: Sie springen am Ende über ihren eigenen Schatten und finden so, wenn schon nicht den verschwundenen Alex, so doch sich selbst.

Kaum mehr als eine Stunde dauert «Wo ist A?» – eine Stunde voller Wut, aufkeimender Hoffnung, abgrundtiefer Enttäuschung. Das Stück überzeugt durch Dichte, lässt die Zuschauer kein einziges Mal aus seinem Griff. Die Schauspieler haben grosses Verdienst daran: Roland Lötscher als Vater, Christina Benz als Schwester, Sonia Diaz als Freundin. Sie überzeugen durch Glaubwürdigkeit, zeigen ungeschminkt das Wechselbad der Gefühle, das ihre Figuren durchleben.

Auch die Inszenierung überzeugt: Regie führt Agnes Caduff, für die Dramaturgie ist Sysy Vieli besorgt. «Wo ist A?» verzichtet auf Firlefanz und Klamauk, um den Kern des Stücks unverfälscht ins Zentrum zu rücken: die Menschen. Die Hauptfigur Alex tritt nicht auf – er ist das stille Auge, um das sich der Hurrikan dreht. Als der Sturm schliesslich abebbt, verliert auch sein Zentrum an Wert, das Stück findet in seinem letzten Wort einen starken Schluss. Kein Wunder, applaudiert das Premierenpublikum begeistert. Stück und Schauspieler haben es verdient.

 

Severin Schwendener

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Mi, 15.3., 20.15 Uhr, Theaterhaus Thurgau, Weinfelden. bilitz.ch, theaterhausthurgau.ch