Jüdisches auf Vinyl

HOHENEMS. Die Geschichte der Schallplatte ist eine jüdische. Das zeigt die Ausstellung «Jukebox. Jewkbox!» im Jüdischen Museum in Hohenems. Den Besucher erwarten knisternde Raritäten.

Roger Berhalter
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Zwischen den ersten beiden Vitrinen der Ausstellung liegt mehr als ein Jahrhundert Musikgeschichte. Links der wuchtige «Edison Standard» aus dem Jahr 1911, eines der ersten Musikabspielgeräte, mit grossem Trichter und Walzen aus Wachs, auf denen nur vier Minuten Musik Platz haben. Rechts der iPod Shuffle aus dem Jahr 2005, kaum grösser als ein Daumennagel, mit Platz für Hunderte von Songs. Zwischen der Wachswalze und dem MP3-Player liegen Welten oder genauer: «ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack und Vinyl». So bewirbt das Jüdische Museum in Hohenems seine Ausstellung «Jukebox. Jewkbox!», in der alte Grammophone zu sehen und Platten jüdischer Künstler zu hören sind.

Scheibenförmiger Tonträger

Ein «jüdisches Jahrhundert»? Tatsächlich: In der Musikgeschichte wimmelt es von jüdischen Komponisten, Sängerinnen, Produzenten und Entwicklern, das zeigt die Ausstellung in Hohenems eindrücklich. Schon der Erfinder der Schallplatte war Jude. Emil Berliner, aufgewachsen in einer jüdischen Familie in Hannover, 1870 ausgewandert in die USA. Am 26. September 1887 reicht er ein Patent ein, das die Welt verändern sollte. Er beschreibt darin erstmals einen scheibenförmigen Tonträger und das passende Abspielgerät. Mit anderen Worten: Die Schallplatte und das Grammophon. 1898 gründet Emil Berliner zusammen mit seinem Bruder Joseph in Hannover die «Deutsche Grammophon Gesellschaft» und bringt damit die Schallplatte nach Europa.

Seit jener Pionierzeit ist die Geschichte und Entwicklung des neuen Massenmediums eine Geschichte jüdischer Migranten. Zum Beispiel sind es nach dem Zweiten Weltkrieg meist Musikproduzenten aus jüdischen Einwandererfamilien, die den Mut haben, wenig beachtete Genres und musikalische Experimente populär zu machen. Zum Beispiel die Produzentenlegende Clive Davis aus New York, bis heute verantwortlich für Hunderte von Nummer-1-Hits. Er entdeckt Bands wie Pink Floyd und Aerosmith und verhilft so berühmten Künstlern wie Bruce Springsteen und Whitney Houston zum Plattenvertrag.

Die Titelmelodie von «Flipper»

Welche Vielfalt jüdische Migranten auf Platten pressten, das zeigt eindrücklich der grosse Raum im Untergeschoss des Museums. Ein leuchtender Tisch mit darin eingelassenen iPads zieht sich durch den ganzen Raum. Die Wände sind tapeziert mit Plattencovers: Woody Allen, Barbra Streisand, Lou Reed, Bob Dylan, Neil Diamond, Amy Winehouse – so viele bekannte Gesichter lachen von den Wänden, dass man glatt an die jüdische Weltverschwörung glauben könnte. Und wer die Museumstexte studiert, glaubt gleich noch stärker daran: Die Titelmelodie der Fernsehserie «Flipper»? Stammt aus der Feder eines Juden. «Over The Rainbow», der erfolgreichste Song des 20. Jahrhunderts? Komponiert von einem Juden. «RCA», das erste reguläre TV-Programm der Welt? Entwickelt von einem Juden.

Meistersänger der Synagogen

Die musikalische Bandbreite reicht von gesungenen Gebeten über jiddische Theaterlieder am Broadway und israelische Popmusik bis zu jüdischer Comedy und zu Folk und Punk. Per Kopfhörer erhält man Zugang zu knisternden Raritäten. Zum Beispiel Aufnahmen von Yossele Rosenblatt, einem jener Kantoren, die zunächst nur in den Synagogen zu hören waren, die aber dank der Schallplatte ab Anfang des 20. Jahrhunderts auch in den Stuben sangen. «Zur Erbauung und Unterhaltung im häuslichen Familienkreis», wie der Museumsbesucher erfährt. Die religiösen Gesänge werden zum bürgerlichen Kunstgenuss, und die Meistersänger der Synagogen zu Stars. Yossele Rosenblatt gilt bald als «König der Kantoren», als «jüdischer Caruso». Mehr als 180 Schallplatten nimmt er auf.

Wer sich durch die Liederauswahl hört, stolpert über weitere faszinierende Figuren. So wie Al Jolson, eine (jüdische) Ikone der amerikanischen Popkultur, der lange als «Blackface» durch die New Yorker Theater tingelte: Als schwarz geschminkter Sänger brachte er die «Negermusik» der Südstaaten einem weissen Publikum näher. Unsterblich machte ihn 1927 seine Hauptrolle im Film «The Jazz Singer», dem ersten Spielfilm mit Ton überhaupt.

Die Frage nach dem Warum

Wer mag, erfährt in der Ausstellung auch persönliche Geschichten zu den Liedern, vorgelesen von Persönlichkeiten wie Felicitas Heimann-Jelinek, der Kuratorin des Jüdischen Museums in Wien. Was «Jukebox. Jewkbox!» hingegen nicht beantworten kann oder mag, ist die Frage, warum denn so viele Musiker jüdischer Herkunft sind?

Ausstellung bis 8. März 2015, Di–So, 10–17 Uhr, Jüdisches Museum (Schweizer Str. 5), Hohenems; Führungen jeden ersten Sonntag im Monat, 11.30 Uhr; www.jm-hohenems.at