Jüdischer Krimi
Neuer Krimi von Alfred Bodenheimer: Ein Fall ganz ohne Rabbi Klein

Nach sechs Fällen mit Rabbi Klein, dem originellsten Hobbydetektiv der Schweiz, präsentiert der Basler Krimiautor Alfred Bodenheimer überraschend eine israelische Polizeipsychologin als Ermittlerin. Ins Bedauern mischt sich Freude über den neuen Schauplatz Jerusalem.

Hansruedi Kugler
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Alfred Bodenheimer.

Alfred Bodenheimer.

Bild: pd

Die Enttäuschung muss man erst mal setzen lassen. Da hat man sich schon gefreut über ein neuerliches Abenteuer des übereifrigen, neugierigen Zürcher Rabbiners Klein. Dieser gemütvolle Menschenfreund, der sich stets etwas zu sehr in stockende Mordermittlungen im jüdischen Milieu einmischt und sich dabei selbst zielgenau in Gefahr bringt. Er hat uns Krimifreunde bereits sechs Romane lang erfreut: Mit Humor, philosophischem Hintersinn und leichtfüssigen Einblicken in orthodoxe Lebenswelten in der Schweiz. Und nun das: Kein Rabbi Klein, keine schlaue Gattin Rivka, die dem Hobbyermittler immer wieder den Spiegel vor die eitle Nase hält.

Jerusalem im Coronatief und Politsumpf

Nun, Alfred Bodenheimer, Jahrgang 1965, Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte, zaubert eine neue Ermittlerin aus dem Krimihut. Der in Basel lehrende Bodenheimer schreibt seine Romane jeweils in den Semesterferien in Jerusalem, wo seine Familie lebt. Und dort lässt er sehr zeitnah seinen siebten Krimi spielen - und taucht mit uns mitten in den Corona-Lockdown: mitsamt Arbeitslosigkeit, steigenden Preisen, Einsamkeit, leere Strassen. Atmosphärisch funktioniert das sehr gut. Kinny Glass, Polizeipsychologin, hält gleich zu Beginn einen verzweifelten Familienvater vom Suizid ab, erfährt kurz darauf vom Doppelmord an einem befreundeten Paar: Ruchama, konservative Parlamentarierin, die den korrupten Ministerpräsidenten kritisiert, und Gio, ihr Mann, ein ehemaliger Architekt, werden auf offener Strasse erschossen. Rache aus politischen Gründen oder Islamismus? Polizei und Geheimdienst tappen im Dunkeln. Der Mord geschieht in der 29. November Street, gewidmet dem Tag im Jahr 1947, als die UN-Vollversammlung das Ende des britischen Mandats über Palästina und faktisch die Gründung des Staats Israel beschloss. Alfred Bodenheimer legt so unter das aktuelle Krimigeschehen immer wieder einen historischen Boden.

Israels Konflikte im familiären Brennglas

Dramaturgisch bleibt sich der Basler Krimiautor treu: Wie früher Rabbi Klein beobachtet und ermittelt nun Kinny Glass sozusagen von der Seitenlinie aus weiter. Auch in den psychologisch fein gesponnenen Konflikten im Umfeld der Hauptfigur wirkt seine Handschrift vertraut. Die politischen und religiösen Gräben zwischen Konservativen und Liberalen lässt er mitten durch die Generationen verlaufen. Man liest das mit Gewinn: So spiegelt er israelische und jüdische Verhältnisse im familiären Brennglas. Mit dem Wechsel seiner Ermittlerfigur geht Bodenheimer jedoch ein Risiko ein. Denn Kinny Glass ist etwas gar genrekonform charakterisiert: Geschieden, mit Teilzeitlover, im Dauerstreit mit der erwachsenen Tochter, aber ein Superhirn der psychologischen Polizeiarbeit, mit Talent zum Sarkasmus. Die eigene Prinzipienreiterei und ihr Gerechtigkeitsfuror stehen ihrem Lebensglück immer wieder im Weg.

Die Widerborstige wächst einem ans Herz

Weil Bodenheimer seine Krimis jeweils aus einem philosophischen Hintergedanken motiviert, wird die moralistische, aber eben letztlich gescheiterte Prinzipienreiterei von Figuren auf die richtige Spur führen. Die Polizei und mit ihr die Leser stochern aber bis fast zuletzt in den falschen Heuhaufen herum. Die Polizeipsychologin Kinny jedoch wächst einem gerade wegen ihrer lebendig geschilderten Widerborstigkeit rasch ans Herz.

Alfred Bodenheimer: Mord in der Strasse des 29. November. Ein Jerusalem-Krimi. Kampa, 218 S.