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JUBILÄUM: Literaturfest der Aufmüpfigen

Die 40. Solothurner Literaturtage sind eröffnet: ein politischer Stachel und immer noch der wichtigste Literatur-Treffpunkt der Schweiz.
Hansruedi Kugler
Literaturtage für Publikum und Prominenz: Passanten vor dem offenen Bücherschrank an der 38. Ausgabe des Literaturfests im Jahr 2016 und hoher Besuch von Schriftsteller Günter Grass im Restaurant Kreuz (Mai 1998). (Bilder: Peter Klaunzer,)

Literaturtage für Publikum und Prominenz: Passanten vor dem offenen Bücherschrank an der 38. Ausgabe des Literaturfests im Jahr 2016 und hoher Besuch von Schriftsteller Günter Grass im Restaurant Kreuz (Mai 1998). (Bilder: Peter Klaunzer,)

Hansruedi Kugler

Die Solothurner Literaturtage – ein Familientreffen linker Autoren? Franz Hohler, der schon bei der Erstausgabe 1979 dabei war und gestern Abend die Eröffnungsrede zu den 40. Literaturtagen hielt, sagt: «Heute wäre mir diese Definition zu eng.» Die Vielfalt, die von Spoken Word bis zu Kinderliteratur reicht, lasse sich nicht einfach dem Sammelbegriff «links» unterordnen. Dennoch: Was für Idealisten das doch waren! Literatur sollte zum Übungsraum gesellschaftlicher Veränderungen werden und die Utopie eines freieren, gerechteren, sozialeren Lebens aufrechterhalten.

Das war die eine, etwas hochtrabende Ambition der Solothurner Literaturtage. Otto F. Walter, der diese utopische Haltung in den späten 1970er-Jahren am prominentesten vertrat, war neben Peter Bichsel einer ihrer Gründerväter. Schon mit seinem Debütroman «Der Stumme» hatte Walter sich 1959 in die erste Liga der Schweizer Autoren geschrieben und prägte das Image der Literaturtage in seiner Anfangsphase. Diese seien ein «republikanisches Bankett», formulierte Walter deren Idee: eine Tischrunde, in der die Demokratie die Bevormundung unterwandert. Man könnte auch sagen: ein Treffen von Weltverbesserern. Die Rede war damals auffällig oft vom «demokratischen Sozialismus», ein Lieblingswort auch von Max Frisch.

Zu viel Übereinstimmung in gesellschaftspolitischen Fragen

Wenn an den diesjährigen Literaturtagen Schriftsteller über das Verhältnis zum Fremden diskutieren, beweist dies eine Kontinuität im gesellschaftspolitischen Selbstverständnis des bedeutendsten Literaturfestes der Schweiz. Darum verwundert nicht, dass ein provokativer Autor wie Lukas Bärfuss zum Dauergast geworden ist. Vor drei Jahren plauderte er mit SP-Bundesrat Alain Berset in vorhersehbarer Übereinstimmung über das Verhältnis von Kunst und Politik, im Jahr darauf las er ohne neuen Roman aus unveröffentlichten Essays, und letztes Jahr sass er mit dem belgischen Autor David van Reybrouck auf einem Podium über neue Formen der Demokratie. Wieder etwas gar viel Einigkeit. Öffentlichkeit erzeugt das trotzdem.

Dass die Ernsthaftigkeit gelegentlich zur Posse abrutschen kann, erlebte man vor drei Jahren, als der als Podiumsgast eingeladene SP-Nationalrat Cédric Wermuth auf offener Bühne die Schriftsteller zu seinen Gesinnungsgenossen erklärte. Das war dann doch zu viel Anbiederung und falsch verstandene Kumpanei. Bei all dem konnte man leicht den Eindruck bekommen, die Solothurner Literaturtage seien ein harmonisches sozialdemokratisches Fest. Es war jedoch ironischerweise gerade Max Frisch, der dem Optimismus schon früh einen Dämpfer verpasste: 1986 hatten die Solothurner Literaturtage ein Fest zu dessen 75. Geburtstag organisiert. Doch dann erklärte Frisch in einer viel beachteten Rede das Projekt der Aufklärung für gescheitert und stürzte die sogenannte «engagierte» Literatur in eine Sinnkrise.

Dank Solothurn gibt es eine Schweizer Literaturszene

Die politische Schlagseite mindert die herausragende Bedeutung nicht, welche die Solothurner Literaturtage für die Literatur in diesem Land hatte und immer noch hat. Dass es überhaupt eine Schweizer Literaturszene gibt, ist ihr Verdienst. Das hängt auch mit der Gründung zusammen. Es waren nämlich die Autoren selbst, die 1978 in der legendären Solothurner Genossenschaftsbeiz Kreuz das Festival aus der Taufe hoben. «Sie wollten die Distanz des Literaturbetriebs zum Publikum abbauen», sagt Franz Hohler. «Die Schweizer Autoren sollten einmal jährlich zusammentreffen und persönliche und fachliche Gespräche führen, an denen sich das Publikum beteiligen soll.» Nebst Lesungen gab es Werkstätten, etwa mit den «Schreibenden Arbeitern Zürich» oder den «Schreibenden Frauen Bern». Hohler selbst hat während der Erstausgabe 1979 in einer Werkstatt eine Geschichte zusammen mit dem Publikum entwickelt. Literatur wurde so als Ermutigung verstanden, eine eigene Sprache zu finden. 1979 betrug das Budget 25000 Franken, die 27 Autoren bekamen je 200 Franken für ihre Lesung. Übernachten mussten sie entweder im Massenlager oder privat, «bei Leuten aus unserem Bekanntenkreis», erzählte Veronika Jaeggi in einem Interview. Die Buchhändlerin Jaeggi war die ersten 33 Jahre Geschäftsführerin der Literaturtage. Es folgten zwei Literaturwissenschafterinnen: Bettina Spoerri, die lediglich ein Jahr blieb, ab 2013 dann Reina Gehrig. Ihr Verdienst ist es unter anderem, die Literaturtage geöffnet zu haben. Spoken Word gehört seither auch in Solothurn zum festen Bestandteil.

Lese- und Autorenfest statt Verkaufsmesse

Herzstück der Literaturtage und Publikumsmagnet war und ist die Werkschau, eine Auswahl von Neuerscheinungen des zurückliegenden Literaturjahres – ausgewählt von einer alle drei Jahre wechselnden Jury. Auch wenn die Literaturtage nach und nach eher zu einer Leistungsschau der Schweizer Literatur geworden sind: Im Unterschied zu Buchmessen, die von Verlagen zur Verkaufsförderung benutzt werden, ist Solothurn ein Lesefestival geblieben. Das sieht auch Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes (SBVV), so: «Solothurn ist das Fest der Schweizer Literatur, an dem primär die Autoren im Vordergrund stehen, und das ist auch gut so.» Nach den Lesungen stehen hier keine Büchertische aufdringlich im Weg. Da herrscht zudem eine familiäre Stimmung: Weil alle lesenden Autorinnen und Autoren für die ganze Festivaldauer eingeladen sind, kann man ihnen in Beizen oder an der Aare begegnen. Die Leseorte befinden sich alle in der überschaubaren Solothurner Altstadt, wo man unter anderem – so sagen nicht nur die Solothurner – den besten Falafel der Schweiz essen kann: in der Pittaria an der Theatergasse.

Reina Gehrig, seit fünf Jahren Geschäftsführerin der Literaturtage, erzählt von einer frühen Begegnung: «Ich habe in Solothurn die Kantonsschule besucht, und am Abend vor meiner Matura sass Klaus Merz neben mir am Tisch. Mein Exemplar seines Buches ‹Jakob schläft› hat deshalb die Signatur ‹Reina Matura› drin.» Diese persönlichen Begegnungen seien es, die für sie die Solothurner Literaturtage ausmachten. Und hört man sich bei Autoren und Verlegern um, so schwärmen alle von der Gastfreundschaft, die Gehrig als typisches Merkmal dieser Literaturtage pflege. «Die Verlässlichkeit, mit welcher dieser Treffpunkt jedes Jahr zwischen Auffahrt und Pfingsten stattfindet, grenzt schon fast an einen christlichen Feiertag», sagt Franz Hohler. Und: «Es ist das einzige Lesefestival der Schweiz, das Autoren aus allen Sprachregionen eine Plattform bietet», sagt Dani Landolf.

Einladung zu Literaturtagen ist Ritterschlag für junge Autoren

In Solothurn gibt es die Dauergäste wie Franz Hohler, der schon elfmal Gast war, gleich oft wie Hanna Johansen; Adolf Muschg war zehnmal hier, Martin R. Dean, Matthias Zschokke und Jörg Steiner neunmal; Ernst Burren, Gertrud Leutenegger, Ilma Rakusa, Klaus Merz und Fabio Pusterla achtmal. Einige Nobelpreisträger waren hier zu Gast: Günter Grass, J. M. Coetzee, Herta Müller. Besonders wichtig ist Solothurn für junge Autoren. Peter Weber las hier aus seinem noch unveröffentlichten «Wettermacher», Arno Camenisch und viele andere ebenfalls. Lukas Bärfuss erzählte mal von seiner ersten Lesung in Solothurn: Er sei so nervös gewesen, dass er eine Banane für einen allfällig nötigen Zuckerschub eingepackt habe. Aber als er sein Manuskript aus der Tasche ziehen wollte, sei alles total verschmiert gewesen. Er hatte aus lauter Angst die Tasche viel zu fest an sich gedrückt.

Wie auch immer man die Solothurner Literaturtage einschätzt: als alljährlicher politischer Stachel oder als Familientreffen der Schweizer Literatur. Eines ist sicher: Diese Literaturtage «haben beigetragen, die Stimme der Literatur hörbar zu machen», sagt Franz Hohler. Und sie hatten Vorbild- und Ermutigungscharakter für die vielen Literaturfestivals, die nach ihnen entstanden sind.

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