JUBILÄUM: Geboren aus der Isolation

Die Kreuzlinger Gesellschaft für Musik und Literatur (GML) wird hundert Jahre alt. In rund tausend Konzerten hat sie seit 1917 bis heute zur kulturellen Vielfalt am Bodensee beigetragen. Sorgen macht man sich aber um das jüngere Publikum.

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Vorstand: Paul Stähli, Manuela Eichenlaub, Jörg Engeli. (Bild: Reto Martin)

Vorstand: Paul Stähli, Manuela Eichenlaub, Jörg Engeli. (Bild: Reto Martin)

Das Festkonzert zum Geburtstag findet im Februar statt, mit russischer Sinfonik und der Südwestdeutschen Philharmonie. Der Kontakt zu diesem Konstanzer Orchester prägt die Geschichte der Gesellschaft für Musik und Literatur bis heute. Ihre Geburtsstunde hatte auch mit den Wirren des Ersten Weltkriegs zu tun. Kreuzlingen war isoliert, nach Deutschland hin sowieso. Und die Wege nach Zürich oder St. Gallen, um ein Konzert zu ­besuchen, waren weit. So ist die GML quasi aus der Not einer kulturellen Isolierung entstanden.

Eine Insel war die Schweiz auch während der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkriegs. Viele Weltklassekünstler suchten hier Auftrittsmöglichkeiten, auch in Kreuzlingen. Durch den Kontakt mit Konstanz in der Zwischenkriegszeit kamen berühmte Dirigenten wie Othmar Schoeck oder Fritz Busch nach Kreuzlingen. Nach 1945 waren auch grosse Solisten wie Dinu Lipatti, Pablo Casals, Lisa della Casa oder Clara Haskil Gäste der GML.

Schwerpunkt auf regionalem Kulturschaffen

Immer noch lädt die GML renommierte Künstlerinnen und Künstler ein, wie heute Abend das legendäre Carmina Quartett (in neuer Besetzung), legt aber bewusst einen Schwerpunkt auf das regionale Schaffen. Neben abwechslungsreichen Programmen hat sich die GML in den letzten Jahren auch als erfolgreiche Vernetzerin erwiesen. Das Museum Rosenegg, der Oratorienchor Kreuzlingen, das Festival Kammermusik Bodensee sind da nur einige Beispiele. «Kooperation ist wichtig», sagt Jörg Engeli, der seit 2003 als umsichtiger Präsident amtet. Froh ist er über die Unterstützung der Stadt Kreuzlingen, weniger froh über sinkende Mitgliederzahlen. 300 waren es einmal, heute sind es 190, davon die meisten über sechzig. «Viele Menschen legen sich heute nicht mehr fest», sagt der Pianist und ehemalige Musiklehrer am Seminar Kreuzlingen.

Sorgen macht sich Engeli – und damit ist er unter Konzertveranstaltern nicht alleine – auch um das junge Publikum. Fünf Franken kostet bei der GML der Eintritt für Schüler. «Aber das jüngere Publikum hat eine Hemmschwelle, in die Konzerte zu kommen, wo die Älteren in der Überzahl sind», sagt Engeli. Vermehrt darüber nachdenken, wie man jüngere Menschen für Klassik gewinnen kann, will der Vorstand in Zukunft.

Die Vernetzungsarbeit geht weiter, auch durch den guten Kontakt zum Schweizer Intendanten der Südwestdeutschen Philharmonie, Beat Fehlmann. Das Orchester ist bis heute gern gesehener Gast in Kreuzlingen. Umgekehrt sei es der GML aber nicht gelungen, Konstanzer in ihre Veranstaltungen zu locken. «Konstanz ist mit seinem Angebot versorgt», sagt Jörg Engeli. Dass die Konzerte der GML nicht nur für Kreuzlingen interessant, sondern auch einen weiteren Weg aus der Region wert sind, zeigt das Programm zum Jubiläum. Es ist gewohnt farbig und vielfältig. Heute startet die Jubiläumssaison mit zwei wunderbaren Kammermusikwerken, dem Streichsextett von Brahms und dem Oktett von Mendelssohn.

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Mi, 20.9., 20 Uhr, evang. KGH, Kreuzlingen; gml-kreuzlingen.ch