Journalismus

Sie öffnete uns die Augen und kämpfte für ihre Sache: Kulturredaktorin Sabine Altorfer geht in Pension

Vor 36 Jahren schrieb sie die ersten Texte für unsere Zeitung, heute Montag hat sie ihren letzten Arbeitstag auf der CH-Media-Redaktion: Wie Sabine Altorfer, aufgewachsen auf einem Bauernhof, zur leidenschaftlichen Kunstjournalistin und Kämpferin für die Sache der Frau wurde. Und warum wir sie weiterhin lesen können.

Patrik Müller, Chefredaktor
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Wenige Minuten nach Ende des Museums-Lockdowns war sie zurück: Sabine Altorfer im Kunsthaus Aargau vor dem Bild «The End» von Urs Lüthi.

Wenige Minuten nach Ende des Museums-Lockdowns war sie zurück: Sabine Altorfer im Kunsthaus Aargau vor dem Bild «The End» von Urs Lüthi.

Britta Gut (12. Mai 2020)

Der Blick geht in die Weite, es herrscht Wellengang, und im Gegenlicht tauchen sechs Buchstaben auf: «The End». Sabine Altorfer hat dieses Bild des Künstlers Urs Lüthi vorgeschlagen für den Artikel, in dem wir der Leserschaft ihre Pensionierung mitteilen.

Was sie mit dieser Bildwahl sagen will? Ist es leise Selbstironie, eine subtile Provokation, oder dokumentiert sie damit einfach einen emotionalen Moment: Den ersten Besuch im Kunsthaus wenige Minuten nachdem dieses nach achtwöchigem Lockdown wieder öffnen durfte? Die Antwort liege im Auge des Betrachters, würde sie wohl selbst dazu sagen. Kunst ist mehrdeutig, Altorfer manchmal auch – sie mag das Vielschichtige, verabscheut Oberflächlichkeit und Vereinfachungen.

Die Faszination beginnt früh

Eindeutig ist, dass der Museumsentzug für sie eine harte Zeit war. Nie erlebt man sie ideenreicher und energiegeladener, als wenn sie von einer Ausstellung zurückkommt. Nicht nur ist bildende Kunst für sie die spannendste, sondern auch die beständigste Form von Kultur. Altorfer beschrieb in der «Schweiz am Wochenende» ihre Faszination wie folgt:

«Was ich hier sehe, gibt es nur einmal. Es sind Originale, geschaffen von Menschen, deren Hände Arbeit ich sehe, deren Gedanken ich nachspüren kann.»

Und diese Faszination begann früh. Sabine Altorfer, geboren 1956, wuchs im aargauischen Endingen auf, ihre Eltern führten einen Bauernhof. Sie waren keine konservativen Bauern, sondern teilten sich die Arbeiten paritätisch auf, die Mutter war fürs Geld zuständig. Und sie liebte Bücher. Die «Illustrierte Weltgeschichte» etwa stand im Regal, sie zog die junge Sabine immer wieder an: Geschichte verstehen anhand von Bildern. So fing das Spinnen des Fadens an, der sich durch ihr Leben zieht – und regelmässig Ausdruck findet in ihrer Kolumne «Bildbetrachtung».

Den Künstlerinnen eine Stimme geben

Die Mutter wollte für ihre vier Kinder, was ihr selbst verwehrt geblieben war: Eine gute Ausbildung. Altorfer studierte in Zürich Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. Unter anderem bei Professor Peter von Matt und anderen männlichen Koryphäen. Wo aber blieben die Frauen?

Sie fehlten, ebenso gingen sie in Literatur und Kunst vergessen. Dabei gab es sie dort, es galt sie nur zu finden! Ein zweiter roter Faden entspann sich: Sabine Altorfer wurde zur Entdeckerin von Künstlerinnen, gab ihnen als Journalistin eine Stimme und wurde so zur Augenöffnerin für ein breites Publikum.

Sie schrieb schon für den CH-Media-Verbund, bevor es diesen gab

Dieses erreichte sie früh auf allen Kanälen. Lange bevor die Verlage Newsrooms bauten, wo Text, Bild und Ton miteinander vereint werden, war Altorfer als Print- und zugleich als Radio-Journalistin unterwegs. Eine Pionierin des konvergenten Journalismus, als dieser Begriff noch gar nicht existierte. Ab 1984 verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Freelancerin für das «Badener Tagblatt», die «Neue Luzerner Zeitung», das «St. Galler Tagblatt» und weitere Zeitungen. Just diese Blätter fanden 2018 unter dem Dach der CH Media zusammen, doch sie druckten – jede Zeitung für sich – Altorfers Texte schon vor drei Jahrzehnten ab.

Nach einem Museumsbesuch verwertete sie ihre Einschätzungen aber auch auf der Tonspur. Sie berichtete kurz für DRS 1, ausführlich für DRS 2 und launig für das jugendliche DRS 3.

Frischen Wind gebracht – an mehreren Orten

Nach dreizehn rastlosen Jahren als freie Journalistin folgte 1996 ein Seitenwechsel: Sabine Altorfer übernahm die Leitung der städtischen Galerie im Amtshimmel Baden, die sie mit frischem Wind füllte.

Sabine Altorfer, porträtiert im Jahr 2017.

Sabine Altorfer, porträtiert im Jahr 2017.

Chris Iseli

Dasselbe gelang ihr, als sie 2003 in den Journalismus zurückkehrte. Sie wurde Ressortleiterin Kultur bei der «Aargauer Zeitung». Sie öffnete das Themenspektrum, wollte nebst Hochkultur auch farbigere und lockere Stoffe im Blatt. Und setzte kulturpolitische Akzente. Hob das Kantonsparlament den Sparhammer, hielt Altorfer dagegen – was in der Politik stets etwas auslöste. Zugleich liess sie sich nicht vereinnahmen und kritisierte immer wieder die Unbeweglichkeit der Kulturförderung und die Absicherungsmentalität von Kulturinstitutionen.

Beharrlichkeit und eine unbändige Kraft

Ist ihr etwas wichtig, wird Altorfer zur Kämpferin. Geht es um den Stellenwert der Kultur oder um die Sache der Frau, setzt sie Energien frei und lässt nicht locker. Da kann sie auch mal hässig werden. Entspannung bieten da der eigene Garten, das Velofahren und gemeinsame Unternehmungen mit ihrem Ehemann Jan Hlavica. An ihrer Beharrlichkeit änderte sich nichts, seit sie die Ressortleitung abgegeben hat und sich wieder aufs Schreiben konzentriert.

Eine unbändige Kraft entwickelte Sabine Altorfer vor einigen Jahren auch in eigener Sache, als sie an Krebs erkrankte. Während der Therapie tauchte sie immer wieder auf der Redaktion auf. «Ich will, dass ihr mich nicht vergesst», sagte sie einmal mit dem ihr eigenen Schalk. Sie besiegte den Krebs, und seither sind ihr Tatendrang und ihre Freude an der Kunst noch gewachsen.

Darum ist es nur logisch, dass die Leserinnen und Leser Sabine Altorfers Texten auch künftig begegnen werden, sie schreibt – wie in ihren Anfängen – als freie Mitarbeiterin für unsere Zeitungen weiter.

«The End»? Noch lange nicht!

Sabine Altorfer amtete lange Zeit als Präsidentin der Jury für den Kulturpreis der AZ Medien. Hier rechts im Bild, bei der Preisübergabe 2017 an Filmemacherin Petra Volpe. Links Verleger Peter Wanner.

Sabine Altorfer amtete lange Zeit als Präsidentin der Jury für den Kulturpreis der AZ Medien. Hier rechts im Bild, bei der Preisübergabe 2017 an Filmemacherin Petra Volpe. Links Verleger Peter Wanner.



Sandra Ardizzone / AGR