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Sterben ist eine Gemeinheit

Jostein Gaarder lässt in seinem Roman «Genau richtig» einen Philosophen am Sterben verzweifeln. Und rettet ihn doch.
Bettina Kugler
Jostein Gaarder eroberte mit «Sofies Welt» einst die Herzen seiner Leserschaft. (Bild: Picasa)

Jostein Gaarder eroberte mit «Sofies Welt» einst die Herzen seiner Leserschaft. (Bild: Picasa)

Ohne ihn wird es im Oktober nicht gehen in Frankfurt. Der Zeitpunkt für einen neuen Roman des 1952 in Oslo geborenen Jostein Gaarder ist genau richtig – sein Heimatland Norwegen ist 2019 Ehrengast der Buchmesse. «Genau richtig»: So heisst auch das Buch, das diese Woche in deutscher Übersetzung erscheint und zweifellos ein Bestseller werden wird. Denn Gaarder macht darin das, wofür Millionen Leser ihn seit seinem Erfolg mit dem Philosophieroman «Sofies Welt» von 1991 schätzen, genau richtig.

Für «eine kleine Erzählung über fast alles», wie der Roman im Untertitel der Originalausgabe heisst, genügen Gaarder 120 sorgfältig durchkomponierte Seiten. Es könnten sogar noch weniger sein: zu bereitwillig übernimmt er das Deuten, zu belehrend wirken manche Passagen. Wie schon in etlichen seiner Romane wählt er die Form eines Briefes, abgefasst in aufgewühlten Stunden. Die dabei erzählte Geschichte lässt Gaarder zwischen nüchternster Realität und einem märchenhaft aufgeladenen Schreib- und Zufluchtsort hin- und herwandern. Er taucht ebenso tief in den Mikrokosmos ein, wie er in die endlosen Weiten des Universums ausschweift und die grossen Fragen berührt: in einem Moment der Hinfälligkeit, der zu Demut zwingt.

Eine tödliche Diagnose als Auslöser

Er überlässt das Erzählen einem Mann von knapp sechzig Jahren, Philosophielehrer wie Gaarder selbst, seit langem glücklich verheiratet mit der Frau, die ihn am ersten Tag seines Studiums entdeckt und erobert hat, «als ob die Nornen ihre Schicksalsfäden gesponnen hätten». Die beiden haben einen erwachsenen Sohn, eine bald zwölfjährige Enkeltochter. Albert führt ein erfülltes Leben in geordneten Bahnen, aus dem er wenige Stunden, bevor er zu schreiben beginnt, jäh herausgerissen wird. Seine Hausärztin und einstige Jugendliebe Marianne hat ihn für eine niederschmetternde Diagnose in die Praxis bestellt: Die nachlassende Kraft in seiner linken Hand deutet auf eine amyotrophe Lateralsklerose hin. Nur wenige Monate werden ihm bleiben; eine Zeit, in der er schon bald die Kontrolle über seinen Körper verlieren und am Ende ersticken wird.

Nach dem ersten Schock gibt sich Albert vierundzwanzig Stunden Zeit, um die Gedanken zu ordnen, auf sein Leben zurückzublicken und eine Entscheidung zu treffen. Wird er sich, um das Kommando nicht abgeben zu müssen und seine Würde zu bewahren, das Leben nehmen? Oder wird er seine Frau Eirin benachrichtigen? Dass Eirin gerade bei einem wissenschaftlichen Kongress am anderen Ende der Welt weilt, kommt ihm gelegen. Albert folgt einem Impuls und macht sich im Auto auf den Weg nach Ostnorwegen. Dort hat das Paar eine Holzhütte tief im Wald, an einem kleinen See: das «Märchenhaus», mit dem beide ein überaus romantisches Geheimnis verbinden.

Jetzt ist für ihn der Zeitpunkt gekommen, dieses Familiengeheimnis zu lüften – und ein paar andere Dinge, die Albert seinen Liebsten verschwiegen hat. Gaarder tut es mit Lust, doch ohne das All und überhaupt alles aus dem Blick zu verlieren. Durch die Nachricht erschüttert, ist Albert überempfindlich: für die stille Schönheit der Natur rings um das Waldhäuschen, für die Bedeutung kleiner Details. So ziehen sich eine Reihe von Motiven geradezu aufdringlich durch die Erzählung: sei es Eirins roter Mohairpullover, der vor Jahrzehnten verräterische Flusen in der Hütte hinterlassen hat, sei es das Märchen von den drei Bären.

Das Märchen als Schlüssel zur Erkenntis

Der Buchtitel «Genau richtig» ist ein Zitat aus diesem Märchen, in welchem das Mädchen Goldlöckchen in ein Waldhaus einbricht, sich einen süssen Brei kocht und in den Betten der drei Bären liegt, die dort wohnen. Die «Goldhaarzone» wird auch das Schlüsselwort der kosmologischen Grübeleien sein, in die Albert angesichts der sich im Glitretjern («Glitzersee») spiegelnden Sterne verfällt. Mag das All auch schweigen, so ist die Welt doch ganz offensichtlich «sinnreich eingerichtet», unter glücklichen Umständen «in der Goldhaarzone» der Sonne entstanden – ob man nun an einen «intelligenten Designer» glauben will oder nicht. In Gaarders literarischer Welt gibt es ihn. Es ist er selbst: Der liebe Gott und rettende Engel, den er noch rechtzeitig in Erscheinung treten lässt.

Während Albert im Hüttenbuch schreibend «nach dem roten Faden in dem ganzen Chaos» sucht und dabei ab und zu, von seinen Gefühlen überwältigt, «auf Schnulzenniveau» herabsinkt, wird ihm klar, dass er noch eine Aufgabe hat. Er erkennt sich als Teil des Kosmos, als «Teil der Herde». So versöhnt er sich mit dem Schicksal, das er mit allen teilt – und will diese Erkenntnis weitergeben.

Auch Jostein Gaarder braucht ihn, für diesen kleinen Roman, weder zu schwermütig noch zu leichtgewichtig, sondern genau richtig. Wie es der Titel sagt.

Hinweis

Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht. Hanser, 128 Seiten.

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