Unveröffentlichte Filmmusik von John Coltrane aufgetaucht

1964 hat John Coltrane Musik für einen Film aufgenommen. Sie ging vergessen. Jetzt ist das Material erstmals veröffentlicht worden.

Stefan Künzli
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John Coltrane am Scheideweg zwischen Rückbesinnung und Aufbruch.Bild: CBS/Getty Images (New York, Mai 1963)

John Coltrane am Scheideweg zwischen Rückbesinnung und Aufbruch.
Bild: CBS/Getty Images (New York, Mai 1963)

Es herrscht Goldgräberstimmung! Eine ganze Reihe von Schätzen aus der Blütezeit des Jazz sind in den letzten beiden Jahren gehoben worden. Bisher unveröffentlichtes Material von Grössen wie Charles Mingus, Eric Dolphy, Stan Getz, Miles Davis und John Coltrane (siehe Box). Aber nicht alles, was als Sensation angekündigt wird, besteht den harten Qualitätstest. Das hat unlängst die Veröffentlichung von «Rubberband», dem vergessenen Album von Miles Davis, gezeigt. Zum Vergessen!

Anders verhält es sich bei Coltranes vor einem Jahr veröffentlichten Album «Both Directions At Once». Denn bei den verschollen geglaubten Aufnahmen von 1963 handelte es sich um erstklassige Aufnahmen für ein komplettes Album aus den legendären Rudy-van-Gelder-Studios, also von dort, wo wegweisende Alben der Jazzgeschichte entstanden. Doch das Album wurde aus kommerziellen Gründen zurückgestellt und ging vergessen.

Coltrane stand an einem entscheidenden Punkt seiner Karriere, am Scheideweg zwischen Rückbesinnung und Aufbruch. In dieser Phase sind die Aufnahmen zum Album «Blue World» entstanden, das jetzt, 55 Jahre nach der Entstehung, erschienen ist. Sie fanden ein gutes Jahr nach «Both Directions» statt, ebenfalls in den Van-Gelder- Studios und ebenfalls mit dem klassischen Quartett: McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrison am Bass und Elvin Jones am Schlagzeug. Dabei handelt es sich um Aufnahmen für den Film «Le chat dans le sac» des kanadischen Filmemachers Gilles Groulx. Weil das Aufnahmedatum nicht vermerkt war, gingen die Aufnahmen vergessen und wurden erst vor einem Jahr wieder entdeckt.

Neue Schätze von gestern – die Bildstrecke

Miles Davis & John Coltrane: The Final Tour (1960). Die beiden Giganten auf ihrer letzten gemeinsamen Tour.
6 Bilder
Charles Mingus: Jazz In Detroit (1973). Eine Rarität. Eine Aufnahme mit einer selten gespielten Formation.
Eric Dolphy: Musical Prophet. New York Studio Sessions (1963). Nie gehörtes, neues Studiomaterial des Avantgarde-Genies.
Stan Getz:  Getz at the Gate (1961). Konzert-Trouvaille mit einem Stan Getz in Hochform.
Miles Davis: Rubberband (1985). Das vergessene poppige Album ist musikalisch umstritten.
John Coltrane: Both Directions At Once. The Lost Album (1963). Das famose, verschollen geglaubte Album im Quartett.

Miles Davis & John Coltrane:
The Final Tour (1960). Die beiden Giganten auf ihrer letzten gemeinsamen Tour.

Im Gegensatz etwa zu Miles Davis’ Soundtrack für «Ascenseur pour l’échafaud» («Fahrstuhl zum Schafott», 1959) von Louis Malles ist die Musik von Coltrane nicht im Dialog mit den Filmbildern entstanden. Regisseur Groulx hat die Aufnahmen danach für den Film fragmentiert. Coltranes Musik taucht oft aus dem Hintergrund auf und wieder ab. Umgekehrt bedeutet das: Die ungeschnittenen Aufnahmen stehen für sich selbst, funktionieren ohne Bilder. Mit der Veröffentlichung werden die Aufnahmen erstmals in voller Länge hörbar.

Es kann also durchaus von bisher unveröffentlichtem Material gesprochen werden, doch im Gegensatz zu «Both Directions At Once» handelt es sich bei «Blue World» nicht um neue Kompositionen. Vielmehr interpretierte das Quartett Stücke wie seine Ballade «Naima» neu. Das erlaubt aufschlussreiche Vergleiche in der rasanten Entwicklung des Saxofonisten.

Coltrane scheint noch nicht sicher zu sein

Die Ballade «Naima», eines der berühmtesten und schönsten Stücke Coltranes, hat er im Lauf seiner Karriere immer gespielt und dauernd, bis zur freien, hymnischen Explosion verändert. Hier bleibt er dem gedehnten, zurückhaltenden Original von 1959 weitgehend treu und bricht nur in einer kurzen Sequenz aus. Das Gleiche lässt sich über «Like Sonny» von 1959 sagen. Für die Tradition steht der einfache «Village Blues» von 1960. Drei Anläufe nimmt Coltrane, spielt kontrolliert, fast etwas träge und wagt sich nicht auf neues Terrain. Coltrane wägt ab, wirkt zögerlich und scheint sich noch nicht sicher zu sein, wohin die Reise gehen soll.

Das ändert sich auf «Traneing In», einem im Original swingenden Stück, das Coltrane zum ersten Mal 1957 mit dem Red Garland Trio aufgenommen hatte. Sieben Jahre später ist das Stück formal und rhythmisch kaum wiederzuerkennen. Garrison spielt ein langes unbegleitetes Solo. Coltrane setzt erst nach rund fünf Minuten ein und deutet das Thema höchstens noch an. Im Original sprudeln die Töne nur so aus seinem Horn (Sheets of Sounds), jetzt spielt er, angetrieben von Elvin Jones, dringlich, intensiv und expressiv.

Höhepunkt von «Blue World» aber ist der Titelsong. Er basiert auf dem Standard «Out Of This World» von Harold Arlen, den Coltrane 1962 erstmals aufgenommen hatte. In der neuen Version ist das Tempo reduziert und die harmonische Abfolge vereinfacht. Dreh- und Angelpunkt ist ein durchgehender Basslauf von Garrison, der Coltrane erlaubt abzuheben. Hymnisch, entrückt. Sein Spiel weist in Richtung des epochalen Meisterwerks von «Love Supreme». Ein halbes Jahr danach bricht Coltrane auf zu neuen Ufern.

John Coltrane: Blue World (Impulse).