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Johannespassion wird zur Herzensreise

Konzert Rudolf Lutz und die Bachstiftung gaben in der St. Galler Kirche St. Laurenzen eine ­reflektierte Interpretation von Bachs Werk. Eindrücklich, wie es immer stiller wurde.

Alle Weltreligionen haben sich dem Leiden verschrieben. Da unterscheidet nichts christliche Märtyrer von anderen. Bei Jesus scheint Passion allerdings subversiv, sie ist Schmerz und zugleich Überwindung, ihre Texte sind auf der Schwelle zwischen Mitgefühl und Betroffenheit, Empathie und Anklage.

Mit der Aufführung der Johannespassion in der Kirche St. Laurenzen gelingen Rudolf Lutz und der Bachstiftung eine Herzensreise. Die Arien werden zu Gräben der Empfindung, aufgerissen und aufgeschüttet an ­Jesus’ Kreuzweg. Als Hörer und Mitläufer ist man gezwungen, immer wieder innezuhalten, aber der rote Faden wird durch den Evangelisten zusammengehalten – so glaubhaft und spannend wie Daniel Johannsen hat noch keiner diese Geschichte erzählt! Berückend ist auch der Chor. Die Fäden werden in den schnellen Partien aufgelöst und in den Chorälen wieder verbunden, manchmal wie überirdisch zum Leuchten gebracht («In meines Herzens Grunde»).

Der Beginn mit den rasend kreisenden Ostinati und den sich mühevoll kreuzenden Stimmen ist ein Schock. In der spitzen Kirchenakustik kommt der Klang etwas dick und fast romantisch, gewinnt aber schnell Fokus bei den blitzartigen Rufen des Chors und den Akzenten im Holz. So erhält der Streicherfluss und die Bass-Pulsierung Kontur.

So viel Luft zwischen den Wörtern, dass es knistert

Dass diese Passion nicht nur Gebet ist, sondern lebendiges Theater, hört man in vielen kleinen Details: Rudolf Lutz gibt den Rezitativen ihren eigenen Ton und zeigt die Palette musikalischer Psychologie. Das Continuo agiert und reagiert hervorragend. Mal werden die Liegeklänge ausgehalten, mal verstärkt, oder es wird zwischen den Wörtern so viel Luft gelassen, dass es knistert.

Die Chöre, eigentlich Konzerte mit Chor und Orchester, bestechen durch irrwitzig rasende Fugen und vertrackte Gegenrhythmen. Eine Todeseuphorie, die jubelnd wie eine swingende Bigband in die finale Stille rennt.

Die Soli berühren durch makellose Virtuosität und Sensibilität. Man begreift Pilatus (Matthias Helm, Bass) als handelnden und leidenden, man wird bei jedem Spruch Jesus (Peter Harvey, Bass) geradezu aufgerichtet und ist überwältigt von der gefassten Trauer der Arie «Es ist vollbracht» (Alex Potter, Altus). In «Zerfliesse mein Herz» (Julia Doyle, Sopran) spürt man die Tiefe solcher Zurückhaltung, und wie Johannes Kaleschke in «Erwäge ...» die Stimme führt, wie leise, gerade an der Schwelle zum Unhörbaren der Gesang über den glitzernden Viola d’amore-Klängen schwebt, lässt aufhorchen.

Der letzte Chor «Sei gegrüsst» ist weder Jubel noch Klage, das schnelle Tempo wirkt eher gefasst und schon jenseitig. Der Schlusschoral beginnt a cappella. Aber dann kommt das Orchester – und wieder die Blitze! (chu)

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