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Von Illegalen gegründet: Roman erklärt Entstehung der Nudelindustrie im thurgauischen Donzhausen

In ihrem Roman «Wie die Milch aus dem Schaf kommt» beschreibt Johanna Lier neun Generationen zwischen Russland, der Ukraine, Israel und der Schweiz. Wichtige Station: Die Nudelfabriken im thurgauischen Donzhausen.
Interview: Valeria Heintges
Die Zürcher Autorin Johanna Lier hat ihre Wurzeln im Thurgau schriftstellerisch verarbeitet. (Bild: Mara Truog)

Die Zürcher Autorin Johanna Lier hat ihre Wurzeln im Thurgau schriftstellerisch verarbeitet. (Bild: Mara Truog)

Wie thurgauisch ist Ihr Roman?

Johanna Lier: Er erzählt, ausgehend von den Geschichten, die mir meine Grossmutter immer erzählt hat, über osteuropäische Vagabunden, die im Gebiet Kradolf, Donzhausen, Sulgen gestrandet sind. Sie sind Migranten, Illegale, leben ausserhalb der Gesellschaft, ohne Geld, ohne Rechte. Aber sie begründen trotzdem eine Nudelindustrie.

Ihre Vorfahren stammen aus der Nudeldynastie?

Meine Grossmutter hat schon mit den Nudeln nichts mehr zu tun gehabt. Aus den Manufakturen sind ja nie grosse Fabriken geworden. Sie konnten sich nur behaupten, weil die ehemaligen Vagabunden ihre Nudeln an die Italiener verkaufen konnten, die im Zuge der Industrialisierung Strassen, Brücken und die Eisenbahnstrecken durch den Thurgau bauten. Das ist sozusagen eine innermigratorische Erfolgsgeschichte. Erst danach fingen dann auch die Schweizer an, Nudeln zu essen. Vorher hiess es: Die sind für die dreckigen Einwanderer, nicht für uns.

Sie folgen der Geschichte Ihrer Vorfahren. Wie vermischen sich im Buch Autobiographisches und Fiktion?

Es geht mir um das Spannungsfeld von Fiktion und Erinnerung. Wie Max Frisch gesagt hat: «Jede Fiktion ist eine Erinnerung, und jede Erinnerung ist eine Fiktion.» Es gibt Fakten, die ich recherchiert habe. Aber zum Beispiel über die Migration in der Schweiz im 19. Jahrhundert gibt es nicht so viel Literatur, wie man denken könnte. Ich musste mir vieles aus Quellen zusammensuchen. Trotzdem blieben Lücken – und in denen entstand die Fiktion. Dann habe ich den Erzählfluss fliessen lassen und das Entstandene wieder mit der Realität abgeglichen.

«Ich wollte die Geschichte aus Sicht der Frauen erzählen» - Autorin Johanna Lier über ihren Roman. (Bild: Mara Truog)

«Ich wollte die Geschichte aus Sicht der Frauen erzählen» - Autorin Johanna Lier über ihren Roman. (Bild: Mara Truog)

Die Geschichte umfasst neun Generationen in vier Ländern. Wie haben Sie das zusammengehalten?

Zwischendurch dachte ich auch, ich schaffe es nicht, das Material in eine ordentliche Form zu bringen. Ich wollte nicht einfach eine historische Geschichte schreiben, sondern sie ins Verhältnis setzen zur Gegenwart. Es sollte auch ein bisschen geheimnisvoll sein, auf mehreren Ebenen spielen. Und ich wollte die Geschichte aus Sicht der Frauen erzählen. Das Buch hat über die Jahre ganz unterschiedliche Fassungen durchlebt. Man könnte auch diese Version wieder ändern, aber irgendwann muss man sagen: So bleibt es jetzt.

Sie geben auch Einblick in das Leben der Haredim, der sehr frommen Juden.

Schon bei meiner Grossmutter war das Judentum zum Tabu geworden. Meine Vorfahren waren sehr assimiliert. Ohne den Nationalsozialismus wäre das Bewusstsein wahrscheinlich einfach versickert. Aber so wurden sie gezwungen, sich wieder damit auseinanderzusetzen. Ich war in Israel und habe intensiv recherchiert. Es ging mir aber nicht im engen Sinne um eine Suche nach Herkunft, nach Wurzeln, nach Identität. Vielmehr hat mich interessiert, wie mit den Tabus in Familien auch Erfahrungen verlorengehen, verschwiegen werden. Diese Erfahrung wollte ich wieder hervorholen und greifbar machen.

Erklären Sie uns den Titel Ihres Buches?

Er wird erst ganz am Ende erklärt, in einer Geschichte, die mir ein Freund in Tel Aviv erzählt hat. Vielleicht nur soviel: Sie beinhaltet im Kern alles, worum es mir beim Erzählen dieser Geschichte geht.

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