Jodeln mit Tanz und Tiefgang

In Wattwil fand am Samstag die Uraufführung des ersten Schweizer Jodelmusicals «Stilli Zärtlichkeite» statt. Die Geschichte überzeugt durch starke Charaktere und hohe Emotionalität.

Michael Hug
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Neues Terrain: Jodel goes Musical. (Bild: Michael Hug (Wattwil, 1. Oktober 2016))

Neues Terrain: Jodel goes Musical. (Bild: Michael Hug (Wattwil, 1. Oktober 2016))

Die Geschichte der gescheiterten Liebe von Annemarie und Sepp ist schnell erzählt: Die Schmetterlinge flattern beim Bauernnachwuchs ziemlich turbulent, als der barsche Götti des Adoptivbuben Sepp sich einzugreifen genötigt fühlt und der jungen Liebe ein Ende bereitet. 22 Jahre vergehen, bis sich die erwachsen geworden und längst vergebenen Einstverliebten wiedersehen. Das dramatische Zusammentreffen aber nimmt nicht den erwarteten Verlauf. Hier verlässt der Drehbuchautor und Komponist der meisten Lieder, der ehemalige Hemberger Landwirt Ruedi Roth, den Pfad des sich andeutenden «TV-Traumschiff»-Plots und gibt der Geschichte eine unerwartete Happy-End-Variante.

Geboten werden Tiefsinn und viel Drama

Es ist Roths starke Handschrift, die «Stilli Zärtlichkeite» prägt. Der Komponist, der sich wie alle Beteiligten am ersten Jodelmusical auf neuem Terrain bewegte, hat bis anhin durch neue, progressive, aber nicht rebellische Jodelkompositionen und eine Jodelmesse überzeugt. Doch es konnte erwartet werden: da wird viel Tiefsinn und noch mehr Drama geboten werden. Ein einschlägiges Publikum, von Laien-Bauern-Komödien geprägt, und ein weiteres einschlägiges, von freudig-lustig-flüggen Melodien-Musicals verwöhnt, kommt bei dieser Inszenierung nur teilweise auf seine Kosten.

Und doch vereint Roth gerade diese beiden Zuschauersegmente und zeigt, wie eine simple, eigentlich alltägliche Geschichte aus dem ländlichen Milieu auch mit Drama und Tragödie funktioniert. Roth lässt auf der Bühne sterben, legt seinen Protagonisten derbe Ausdrücke und Phrasen wie «Frauen können doch gar nicht denken!» in den Mund. Er lässt tief in die lüsternen Instinkte des Pfarrers blicken oder in die schwarze Seele des alternden Bauern, er lässt gestandene Männer zweifeln und schier zerbrechen.

Und doch, wie es der Titel verspricht, schimmert Licht, öffnen sich Herzen, drückt das Zarte des harten Lebens durch und damit auch das Zarte und Weiche des Autors selbst. Doch der ist auch ein Humorist und versteht es, mit Schalk und situativer Komik umzugehen. Die Geschichte, so leicht und fröhlich sie mit einer geschickt gesetzten Zeitverschiebung beginnt, nimmt bald ihren fatalen Verlauf. Dem Haupthandlungsstrang, dem Zerwürfnis des Buben mit seinem Götti, räumten Roth und Regisseur Peter Zimmermann fast den ganzen ersten Akt ein. Darauf gingen die Zuschauenden im komplett ausverkauften Wattwiler Thurpark-Saal mit einem beklemmten Gefühl im Magen in die Pause. Der Autor liess das Publikum auch danach noch eine ganze Weile leiden. Sepp und Annemarie kommen wieder zusammen – und werden sogleich noch einmal auseinandergerissen. Nicht durch äussere Umstände diesmal, sondern wegen Tugenden wie Respekt, Ehre und Dankbarkeit. Die Liebe geht dabei unter, zumindest zum Teil, denn Sepp, so sehr er «seine» Annemarie nicht zurückbekommt, erhält eine wunderschöne, erwachsene Tochter.

Frische Mischung von Können und Talenten

«Stilli Zärtlichkeite» ist ein Musical. Es wird also getanzt, gesungen und gespielt und reichlich auch gezauert und gejohlt. Es ist auch eine Inszenierung nach den ungeschriebenen Regeln des Bauerntheaters mit entsprechend flattriger Kulisse und alltäglichen Requisiten. Die Darstellenden stammen aus ländlichem Milieu aus der ganzen deutschsprechenden Schweiz. Es sind professionelle Jodlerinnen und Jodler aus dem Toggenburg, aus Ausserrhoden, dem Entlebuch, aus dem Wallis und aus Freiburg.

Das kleine Orchester stellt Willi Valotti mit seiner «Wyberkapelle», verstärkt vom Toggenburger Akkordeonisten Simon Lüthi. Mindestens die Hälfte des Ensembles besteht auch aus Laiendarstellenden und Freizeitjodelnden. Diese frische und ungewohnte Mischung von Können, Talenten, Dialekten und Charakteren tut dem Musical gut. Es tut auch dem selbstverliebten Genre gut und es bleibt zu wünschen, dass «Stilli Zärtlichkeite» mit seinen nun folgenden 27 Aufführungen an neun ländlichen Orten der Deutschschweiz auch einmal in die Städte kommt.

«Stilli Zärtlichkeite» kommt am 18. und 19. März 2017 in die Ostschweiz (Herisau) zurück; Tickets: www.jodelmusical.ch