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Joachim Rittmeyers neues Programm: Blumen für den Komapatienten

Kabarettist Joachim Rittmeyer lässt in «Neue Geheimnische» die Kultfiguren Brauchle und Metzler auftreten. Sie müssen einen Tiefschläfer hüten. Die lustig-absurde Nummernrevue ist ab morgen in der Kellerbühne St. Gallen zu Gast.
Hansruedi Kugler
Joachim Rittmeyer als Theo Metzler mit dem Blumenstrauss für den Tiefschläfer Zemp. (Bild: Casino Theater)

Joachim Rittmeyer als Theo Metzler mit dem Blumenstrauss für den Tiefschläfer Zemp. (Bild: Casino Theater)

Ein wunderbar schrulliger Wirrkopf ist er immer noch, der Bühnen-Rittmeyer: Herzig, unbeholfen, bieder, zögerlich, gehemmt, verschroben. Eigentlich eine graue Maus. Vor allem aber macht er sich die Welt viel komplizierter als es ein praktisch veranlagter Mensch je machen würde.

Erhält er eine schwarze Plastik-Fliegenklatsche als Geschenk, erzählt er davon, wie ihn das in Bedrängnis bringt: Er hat nämlich schon eine rote, will aber den Schenkenden ja nicht beleidigen. Deshalb bricht er der schwarzen Fliegenklatsche den Griff, damit der Schenkende beim nächsten Besuch sieht, dass er auch wirklich benutzt worden ist. Nicht dass der noch denkt, man sei undankbar!

In solche verzwickten Situationen lässt Rittmeyer seine Figuren seit vielen Jahren sich in immer neuen Varianten verheddern. Und grotesk-rührende Verlegenheitslösungen finden – zum kopfschüttelnden Vergnügen des treuen Publikums. Man sitzt also mit einem vertrauten, fast familiären Gefühl lachend im Casino-Theater Winterthur, wo am Donnerstag Premiere war.

«Bitte halten Sie sich an die Fakten!»

Aber oha! Joachim Rittmeyer ist eine Wundertüte. Auch in seinem 21. Programm «Neue Geheimnische» findet der 67-Jährige für seine Kultfiguren nochmals eine überraschende dramaturgische Idee. Hinter dem blauen Paravent auf der Bühne liegt nämlich ein Tiefschläfer, ein Komapatient, den er einen Theaterabend lang hüten muss: Bauer Roman Zemp wollte bloss den Batteriealarm im Kornfeld überprüfen, kam aber nicht zurück. Statt dessen war da ein 80 Meter breiter Kornkreis, Zemp lag bewusstlos am Boden. Um nicht nur zu Hause zu liegen, ist er Gastschläfer: Zweimal schon bei Konzerten, nun als Premiere auch bei einem Kabarettprogramm – für ein anregendes Aufwachambiente. Auf solch absurde Situationen muss man erst mal kommen.

Joachim Rittmeyer kann Blödelei, Alltagssatire, Absurdität und auch mal Zynismus. (Bild: PD)

Joachim Rittmeyer kann Blödelei, Alltagssatire, Absurdität und auch mal Zynismus. (Bild: PD)

Rittmeyer gönnt dem Publikum einen kurzen Blick auf Zemp, der als Puppe im Krankenbett liegt, stöhnt und ab und zu im Schlaf hörbar in den Saal murmelt. Denn über ihm hängt ein Mikrofon. Für einige Nummern lässt sich Rittmeyer durch den Tiefschläfer inspirieren. Er spielt die Pressekonferenz nach dem Auffinden des Schläfers im Kornfeld nach und mimt den Dorfpolizisten («Bitte halten Sie sich an die Fakten!»).

Assoziationskünstler Rittmeyer nutzt das Stichwort «Fakten»: Er habe gerade im Internet ein «Faktum» ersteigert. Denn wer sucht nicht Halt im Leben: «Da kamen dann viele Kollegen vorbei, die auch mal am Faktum festhalten wollten.» Er habe es aber dann wieder verkauft, sagt er achselzuckend, «aber ich schweife ab».

Genau darin liegt Rittmeyers Talent: In der skurrilen Abschweifung. Dann stehen plötzlich Blumen vor dem Krankenbett und er schweift mit seiner Figur des Ungarn Jovan wieder ab: In eine groteske Abdankung mit dramatisch verwelkenden Blumen. Auch hier sprachlich virtuos.

«Was dachten Sie beim Torschuss?»

Träge Bewegung, schleppendes Sprachtempo: Man unterschätzt Rittmeyer leicht. Hört man genau zu, erweist sich sein Humor als vielstimmig und hintersinnig. Vom Kalauer steigert er sich bis zur überraschenden alltagsphilosophischen Frage («Warum sagt der Mensch dem Tier immer Du?»). Da gibt es ein satirisch überspitztes Fussballer-Interview («Was dachten Sie beim Torschuss?», «Ähm, nüt»); dann karikiert er mit herrlich gedrechselter Sprache den Dichter Leupi (eine Mischung von Dürrenmatt und Frank A. Meyer), dessen Jugendliebe im Publikum Gedichte verbietet.

Rittmeyer kann Blödelei, Alltagssatire, Absurdität und auch mal Zynismus: Soll man sich doch nicht über die Verödung der Innenstädte mit all den Modeboutiquen beklagen. «Kommt das Jüngste Gericht, muss man angesichts der zu wenigen Beichtstühle in den Kirchen froh sein um die Alternativen der vielen Umziehkabinen.» Der sitzt!

Joachim Rittmeyer: «Neue Geheimnische»; Di, 30.4. bis Sa, 4.5.2019, je 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen.

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