Interview

«Jetzt habe ich sogar AC/DC für mich entdeckt»: Die Rheintaler Lenzin-Brüder sprengen mit ihrer Musik Grenzen

Die Rheintaler Brüder Enrico und Peter Lenzin wurde das Musizieren in die Wiege gelegt. Seit einiger Zeit sind die «Lenzin Brothers» auch solo unterwegs.

Valentina Thurnherr
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Im Frauenhof in Altstätten spielen Peter (links) und Enrico Lenzin noch immer gemeinsam.

Im Frauenhof in Altstätten spielen Peter (links) und Enrico Lenzin noch immer gemeinsam.

Bild: Ralph Ribi (5. März 2020)

Wie habt ihr eure Instrumente ausgesucht?

Enrico Lenzin: Ich habe schon früh auf allem herumgetrommelt. An der Fasnacht im Städtli hab ich mir sogar eine Persiltrommel umgehängt. Obwohl es also schon früh klar war, was ich spielen möchte, habe ich zuerst Trompete gelernt wie mein Vater. Erst als ich in die Lehre kam und Geld verdiente, konnte ich mir ein Schlagzeug kaufen. Ich habe also erst mit 17 losgelegt. Und mit 40 habe ich angefangen Alphorn zu spielen.
Peter Lenzin: Rhythmus war bei mir nie ein Thema, nur Melodien. Der Wunsch Musik zu machen hat schon immer in mir geschlummert. Ich habe auch nie nach Noten gespielt, sondern einfach improvisiert. Ich wusste früh, dass ich Saxofon lernen wollte, musste dafür aber mit Klarinettenunterricht anfangen. Bei meinem Lehrer lag dann jeweils ein Saxofon auf dem Tisch, aber ich durfte nicht darauf spielen. Nach etwa vier Jahren habe ich schliesslich gesagt, ich wolle wechseln, sonst würde ich ganz aufhören. Ich hörte dann auch auf. Erst mit 14 durfte ich endlich Saxofon spielen.

Wer war euer musikalisches Vorbild?

Peter: Ein Vorbild hatten wir nicht wirklich. Aber das Talent haben wir definitiv von unserem Vater. Noch ausgeprägter ist bei uns aber der Musikvirus, von dem wir angesteckt wurden. Denn am Ende zählt Durchhaltevermögen und harte Arbeit. Talent alleine genügt nicht, denn es gibt so viele grossartige Musiker. Du musst es schaffen, dich abzuheben, und den Mut haben, deinen eigenen Weg zu gehen. Dazu fällt mir spontan Udo Lindenbergs Lied «Mach dein Ding» ein.
Enrico: Ja, dieser «Virus» hat bei uns viel ausgemacht. Ich hatte in Pierre Favre zum Glück auch einen Lehrer, bei dem immer der Mensch im Zentrum stand. Ich bekam von ihm nie Notenblätter. Er hat mir Raum gelassen, denn Musik hat sehr viel mit menschlicher Entwicklung zu tun.

Peter Lenzin

Peter Lenzin

(Bild: Ralph Ribi)

Wie kam es zur Gründung der «Lenzin Brothers»?

Peter: Dazu kam es eigentlich recht spät. Wir hatten sehr viele verschiedene Bands, davon auch einige, in denen wir gemeinsam gespielt haben. Eines der grössten Projekte war sicher das mit Goran Kovacevic. Mit ihm haben wir 10 Jahre lang zusammengespielt und sind in ganz Europa aufgetreten. Als das endete, standen wir plötzlich ohne Band da. Irgendwie aus der Not heraus sind dann die Lenzin Brothers entstanden. Das war am Anfang etwas seltsam, da es nur Perkussion und Saxofon war. Uns fehlte etwas, als wir damals im Spital Altstätten zum ersten Mal gemeinsam aufgetreten sind. Wir dachten erst, das werde ein Desaster, aber die Leute waren begeistert. Wir konnten es kaum glauben.
Enrico: Das war sehr speziell, wir hatten eine Marktlücke entdeckt. Wir konnten überall spielen und das sehr individuell. Wir waren ziemlich einzigartig. Und später kam ja dann auch noch das Alphorn hinzu.
Peter: Zu zweit war es auch weniger kompliziert. Wir mussten nie gross über etwas diskutieren.

Fühlt es sich mit dem Bruder anders an Musik zu machen?

Enrico Lenzin

Enrico Lenzin

(Bild: Ralph Ribi)

Enrico: Wir sind uns sicher sehr verbunden als Geschwister. Das ist wichtig, wenn man gute Musik machen will. Aber eine genauso enge Bindung haben wir zu Goran Kovacevic. Auch mit anderen Musikern habe ich schon so eine Verbundenheit gespürt. Ich merke sofort, wenn es funktioniert. Das passiert zwar nicht so oft im Leben, trotzdem muss es aber nicht unbedingt ein Bruder sein. Miles Davis hat manchmal Jahre auf den richtigen Musiker für seine Band gewartet.
Peter: Ja, Miles Davis war ein Visionär. Er spürte die Musik und suchte die richtigen Menschen, die es umsetzen konnten, wie er es sich vorstellte. Genau das braucht es, um Musik zu machen. Das, was wir beide haben, das ist auch unser Anspruch, den wir an andere Musiker stellen.

Gibt es manchmal auch Streit zwischen euch?

Enrico: Zwischendurch kommt es auch bei uns zu Spannungen. Das braucht es aber manchmal, weil ganz ohne geht es auch nicht.

«Wir sind charakterlich sehr unterschiedlich. Der Vorteil ist aber: Spielt man mit Musikern zusammen, ist man meist so verbunden, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann. »

Wie bei unserem letzten Konzert im Frauenhof in Altstätten. Wir brauchten gar keine Kommunikation. Und das Publikum spürt das.

Ihr seid mittlerweile beide solo unterwegs, wie kam es dazu?

Enrico: Bei mir hat mein Auftritt bei «Die grössten Schweizer Talente» sehr viel ausgelöst. Ich bekam viele Angebote und habe danach in über 20 Ländern gespielt. Das wollte ich vertiefen und für einmal meinen ganz eigenen Weg gehen. Dieser Schritt war für uns beide nicht einfach. Wenn man sich streitet, ist es offensichtlich, aber jemandem zu sagen, dass man seinen eigenen Weg gehen will, wenn alles in Ordnung ist, das war sehr schwierig für mich.
Peter: Dieser Abnabelungsprozess war für mich anfangs auch schwierig. Ich musste mich völlig neu finden. Wenn etwas gut läuft und plötzlich weg ist, fragt man sich: Was mache ich jetzt?
Enrico: Für uns lief es wirklich super. Aber wenn’s zu bequem wird, kann das für einen Künstler gefährlich sein.

Peter, du hast mit «Von Tuten & Blasen» vor kurzem ein humoristisches Bühnenstück ins Programm genommen.

Peter: Ja, vor zwei Jahren hatte ich genau wie Enrico den Wunsch, ein Projekt zu machen, bei dem ich alleine auf der Bühne stehe. Ich erarbeitete also ein Programm. Als ich damit fast fertig war, sagte Michel Gammenthaler, der ebenfalls Kabarettist und ein guter Freund ist, ich sollte doch etwas völlig Neues ausprobieren. Eineinhalb Jahre lang arbeitete ich schliesslich an «Von Tuten & Blasen» und es entstand ein 90-minütiges Programm: eine Stunde Kabarett und eine halbe Stunde Musik.
Enrico: Irgendwie ging es bei uns immer weiter.
Peter: Ja, so sind wir. Wenn wir etwas wollen, machen wir es einfach. Enrico war auch der Einzige, der mich dazu ermunterte, dieses Kabarettprogramm zu machen. Alle anderen, die ich fragte, rieten mir davon ab. Unser Glück ist, dass der Wunsch jeweils so stark ist, das wir es einfach machen müssen.

Machen eure Kinder eigentlich auch Musik?

Peter: Mein Sohn hat bei Enrico gelernt, Schlagzeug zu spielen. Mittlerweile ist er aber auf Klavier umgestiegen und spielt wirklich in jeder freien Minute. Er hat sogar schon eine eigene Band, mit der er schon an der Rhema und im Jugendtreff aufgetreten ist. Meine Tochter hingegen ist voll auf den Sport konzentriert. Dank ihr bin ich das erste Mal in die Welt der Turnvereine eingetaucht. Das ist eine ganz andere als die der Musikvereine.
Enrico: Meine jüngere Tochter spielt Schlagzeug und hat Gesangsunterricht genommen. Ihre grosse Leidenschaft ist aber das Zeichnen. Und meine Älteste ist ein typischer Teenager und sehr engagiert als Leiterin im Blauring Balgach.

Worauf dürfen wir uns nach Corona in Sachen Projekte freuen?

Peter: Die Frauenhof Konzerte in Altstätten wollen wir sicher fortführen.
Enrico: Ich mache weiter wie bisher. Eigentlich ist alles offen, bei mir kann es in alle Richtungen gehen.
Peter: Ich bin einerseits noch mit «Von Tuten und Blasen» unterwegs, arbeite zurzeit aber auch noch an einem neuen Musikprogramm. Beim letzten Mal habe ich mit der Peter Lenzin Band nur eigene Sachen gespielt.

«Jetzt habe ich sogar AC/DC für mich entdeckt. Ich spiele eine Jazzversion von ‹Back in Black›. »

Dabei merkte ich, dass die Grenzen immer mehr gesprengt werden. Früher hätte ich so etwas wohl nur gemacht, weil das Publikum das gewollte hätte. Aber jetzt verspüre ich in der Rockmusik dieselbe Energie wie im Jazz.

Vom Rheintal mit dem Alphorn die Welt erobert

Enrico Lenzin trat vor drei Jahren als Kulturpreisträger des Kantons St. Gallen bei «Die grössten Schweizer Talente» auf.  Der Rheintaler überschritt damit eine Tabugrenze. Doch genau dies öffnete ihm das Tor in die Welt.
Michael Hasler