Jessica Jurassica dichtet unter der Sturmmaske und liest in Frauenfeld

Die Kunstfigur Jessica Jurassica bricht im Internet Tabus. Jetzt hat sie mit Tripadvisor ein neues Medium für sich entdeckt: Wo andere über die Bedienung lästern, schwärmt sie von den Tischtüchern und denkt an Kollegah.

Roger Berhalter
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Maske und Blingbling: Jessica Jurassica bewegt sich gerne in der Hip-Hop-Szene und hält den Männern dort den Spiegel vor.

Maske und Blingbling: Jessica Jurassica bewegt sich gerne in der Hip-Hop-Szene und hält den Männern dort den Spiegel vor.  

Olivia Talina Fosca

Ihr Auftritt mit Sturmmaske ist verstörend, noch verstörender sind viele ihrer Texte. Jessica Jurassica taumelt seit zwei Jahren durch die sozialen Medien und provoziert. Ihren richtigen Namen will sie nicht nennen. «Dann wäre es nur noch halb so spannend», sagt sie im Interview am Telefon. Nur so viel verrät sie über sich: 26 Jahre alt, im Appenzeller Hinterland aufgewachsen, heute wohnhaft in Bern. Am Samstag tritt sie im Kaff in Frauenfeld auf.

«Ich brauchte eine Kunstfigur, um eine Stimme und Sprache zu entwickeln.» Jetzt gibt sie diese Figur nicht mehr her, selbst dann nicht, wenn sie einen Preis bekommt. Als sie 2018 den Schreibwettbewerb des Ausserrhoder Kulturamts gewann, hielt sie die Dankesrede per Videobotschaft, rauchend und mit Maske.

Kürzestlyrik auf Instagram

Im Netz postet Jessica Jurassica täglich neue Botschaften oder Fotos von vollen Aschenbechern. So sieht ein typischer Tweet von ihr aus:

Und so ihre Kürzestlyrik auf Instagram: «lass mal welt retten aber dann auch gefühle». Solche Botschaften fallen auf, selbst in den sozialen Medien, wo alle auf Aufmerksamkeit aus sind.

Ihre eigenwillige Sprache nutzt sie für feministische Zwecke. Jessica Jurassica bewegt sich gern in der Hip-Hop-Szene, in der traditionell Männer das Sagen haben. Sie dreht den Spiess um: Männer nennt sie konsequent «Boys», reduziert sie auf ihren Körper und degradiert sie zu Sexobjekten – eben so, wie das viele Männer mit Frauen tun.

«Skandalös» und «peinlich» findet sie auch die tiefe Frauenquote am kommenden St.Galler Open Air. Sie hat die weiblichen Bands im Programm 2020 gezählt. Das Ergebnis sei miserabel.

Literarische Bewertungen auf Tripadvisor

Neben Twitter, Facebook und Instagram hat Jessica Jurassica jetzt ein neues Medium für sich entdeckt. Auf einer Reise durch Argentinien hat sie das Hotel- und Restaurant-Bewertungsportal Tripadvisor für ihre Zwecke verwendet. «Ich habe für eine Weile die Rolle der Reisebloggerin angenommen.»

Angefangen habe es spontan nach einem furchtbaren Museumsbesuch in Uruguay. «Kollegah würde dieses Museum mögen»: Unter diesem Titel schrieb sie von einem chauvinistischen Touristenführer und von diskriminierenden WC-Schildern: «Die edelsten Ideale der Männlichkeit werden hier hochgehalten: Durchhaltewille, Innovation, Teamgeist. Ich finde, dieses Museum müsste eigentlich ‹Alpha Museum› heissen anstatt ‹Andes Museum›.»

16 Blogeinträge hat Jessica Jurassica im September und Oktober auf Tripadvisor veröffentlicht. Es ist Literatur im Kurzformat an einem überraschenden Ort. Wo andere über die unfreund­liche Bedienung lästern, schwärmt Jessica Jurassica über die «weiche Umarmung weicher Tischtücher» eines italienischen Restaurants.

Die Medienkünstlerin als lesende Autorin auf der Bühne.

Die Medienkünstlerin als lesende Autorin auf der Bühne. 

Claude Hofer

Diese Poesie funktioniert auch auf der Bühne, wie sie vor zwei Wochen gemerkt hat. Frisch zurück aus Südamerika, trug sie am Auftaktfest des Literaturhauses St.Gallen ihre Tripadvisor-Texte vor. Es ist die neuste Rolle von Jessica Jurassica: Jene der ­lesenden Autorin. Am Samstag spielt sie sie erneut, wie sie online ankündet: «im kaff werde ich texte zu sex und feminismus und hiphop lesen und vlt auch chat dialoge und transkribierte sprachnachrichten aus meinen dms vom einen oder anderen rapper boy hehe».

Lesung: 7.12., 21 Uhr, Kaff, Frauenfeld (mit Konzert der Band Zayk)