Jekami von still bis schrill

Heute und morgen öffnen in der Stadt St. Gallen zum zweitenmal Kunstschaffende ihre Ateliers für «Fünfstern». Alle dürfen, viele wollen, die meisten tun's. Warum eigentlich? Wir sprachen mit einem Künstler, der nicht mitmacht, und einer Künstlerin, die gerne Einblick gewährt.

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Bernard Tagwerker bleibt gern für sich.

Bernard Tagwerker bleibt gern für sich.

Bernard Tagwerkers Tante-Emma-Laden-Türklingel wird heute und morgen stumm bleiben. Er ist gerne einer, der abwinkt. Wer ihn kennt, weiss, dass seine Zurückhaltung nichts mit Griesgrämigkeit oder Sozialphobie und schon gar nichts mit Überheblichkeit zu tun hat. Eher ist es eine Scheu, verbunden mit dem Beharren auf die Privatheit, welche nebst dem Wohnraum auch die Arbeit im Atelier mit einbezieht.

Nicht, dass er die Idee der offenen Ateliers verteufeln wolle, bewahre! Er sei nur einfach nicht der Mensch für so was und lebe sowieso sehr zurückgezogen, nicht im Sinne des Aussenseiters, sondern des Nichtzugehörigen, der lieber etwas abseits stehend beobachte. Bis vor fünf Jahren – seither nimmt er die Sache etwas lockerer – empfing der bekannte Ostschweizer Künstler, der neun Jahre in New York lebte, praktisch nie Besucher in seinem Atelier. Und wenn es ab und zu doch nicht zu umgehen gewesen sei, etwa bei Anfragen vom Kunstverein oder von einer Kunstschule, habe ihn dies grösste Überwindung gekostet. Einmal habe er gar einen Künstlerfreund gebeten, für die Zeit eines Gruppenbesuches bei ihm zu verweilen, nur damit er den Ansturm besser überstehe.

Atem und Notwendigkeit

Dem stillen Forscher steht der öffentliche Kunstbetrieb diametral gegenüber. Kunstschulen würden dazu beitragen, dass die Kunst leichter zugänglich, besser verdaulich und effizienter verkäuflich werde. Ob das auch der Qualität förderlich ist? Tagwerker ist da pragmatisch: Dass es weniger Berührungsängste gebe, bedeute noch nicht, dass eine grosse Anzahl von Kunststudenten später den Durchhaltewillen aufbringen werde, den es brauche, um neben allem technischen und theoretischen Können eine eigene Handschrift und daraus die Notwendigkeit eines Kunstschaffens abzuleiten. Er selber habe erst im Alter von 52 Jahren «von der Kunst leben» können, was aber lediglich ein Indiz seiner sprichwörtlichen «Langsamkeit» sei. Leute wie Kurt Wolf oder Giovanni Huber – wie er die damals als Schüler an der Kunstgewerbeschule im Zeichenunterricht, oft bei der Voliere im Stadtpark, bewundert habe. Huber, begabt wie kein zweiter, sei mit seinem Vogel schneller fertig gewesen und zum Baden auf Drei Weieren aufgebrochen, als er selber einen Schnabel habe abzeichnen können. Aber eben, Kunst, wenn auch ein überfrachteter Begriff, setze mehr voraus als Zeichentalent und gute Verkaufsstrategien.

Wissenschaft und Kunst

Der Fokus des renommierten Künstlers ist schon seit Jahren auf den «Zufall», auf vermeintliche Gewissheiten im technisch-wissenschaftlichen Bereich gerichtet, auf neuronale Netze in Maschinen, dem Hirn des Menschen, wenn auch sehr begrenzt, nicht unähnlich. Und wenn er dann einmal gross sei, sagt Tagwerker augenzwinkernd, würde er gerne Physik studieren.

Brigitte Schmid-Gugler

JohannaS mag's luminös und gesellig. (Bilder: Urs Bucher)

JohannaS mag's luminös und gesellig. (Bilder: Urs Bucher)