«Jeder Mensch klingt anders»

Als Klangbegleiterin ist es Leonie Holenstein ein Anliegen, die Faszination von Musik zu vermitteln. Das tut sie unter anderem mit Führungen auf dem Klangweg oder in der Klangschmiede. Oder im neu dazugekommenen Musikraum, in dem ihr Lieblingsobjekt steht.

Andreas Stock
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Damit lässt sich im Klang baden: Leonie Holenstein und die Saitenklang-Liege im Musikraum der Klangschmiede. (Bild: Urs Bucher)

Damit lässt sich im Klang baden: Leonie Holenstein und die Saitenklang-Liege im Musikraum der Klangschmiede. (Bild: Urs Bucher)

ALT ST. JOHANN. Gerade mal ein Ton – und doch klingt und schwingt eine reiche Klangwelt mit, hört man mehr als diesen einen Ton, nämlich die sogenannten Obertöne. Ein Monochord ist ein faszinierendes Instrument. Es sieht ähnlich aus wie ein Hackbrett, doch seine Saiten sind alle gleich lang und auf denselben Ton gestimmt. Wer darüber streicht, ist schon mitten drin in der Welt der Naturtöne.

Werkstatt und Museum

Ein Monochord steht auch im Musikraum der Klangschmiede, neben einem Polychord, mehreren kleinen und grossen Gongs, Klangschalen und Trommeln. «Dies ist ein Raum, um Klang zu erleben», sagt Leonie Holenstein. Die muntere Frau ist eine von fünf Klangbegleiterinnen in der ehemaligen Mühle in Alt St. Johann, die seit vier Jahren als Klangschmiede genutzt wird. Sie macht hier und auf dem Klangweg Führungen.

Die Klangschmiede ist Werkstatt, Museum und Geschäftsstelle der Klangwelt Toggenburg zugleich. In der Schmiede wird das anspruchsvolle Kunsthandwerk des Schmiedens von Schellen, Gongs und Klangobjekten vermittelt. Das Museum führt in die Welt der Naturtöne ein und geht in wechselnden Jahresausstellungen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten auf Klang- und Musikwelten ein; dieses Jahr dreht sich die mit vielen interaktiven Stationen ausgestattete Ausstellung um Alltagsgeräusche.

Musik spielen ohne Noten

Gut seit einem Dreivierteljahr gibt es den neuen, hellen und einladenden Musikraum in der Klangschmiede. Hier finden Führungen, Klangmassagen und Meditationen statt. Und Musikstunden für Menschen, die kein Instrument spielen und nicht Noten lesen könnten, wie die 54jährige Leonie Holenstein sagt. Und bei dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer «sehr schnell ein Erfolgserlebnis haben und in den Wohlklang der Naturtöne eintauchen können». Im Musikraum steht aber auch das Lieblingsobjekt von Leonie Holenstein. Es gleicht ein wenig einer Massageliege. «Tabula sonora» nennt sie Heinz Bürgin, der Lichtensteiger Instrumentenbauer, der diese Klangliege geschaffen hat. Denn im Unterschied zu einer normalen Liege befindet sich unter dem schmalen Holztisch eine Version des Monochords: 59 lange Saiten, halbrund angeordnet, die auf cis und gis gestimmt sind; wenn man darüber streicht, tönt es ähnlich, wie wenn eine tiefe Kirchenglocke einsetzt.

Im Klang baden

Die Saitenklang-Liege ist unter anderem dazu da, sich für 20 bis 30 Minuten von einem Spieler oder einer Spielerin mit der Klangwelt des Instruments richtiggehend massieren zu lassen. Wer sich hinlegt, verspürt zunächst nur an einigen Körperstellen die Vibration durch die Saiten. Doch je entspannter man daliegt, umso mehr scheint der ganze Körper durch den Klang in Schwingung zu geraten. «Man kann die Leute sehr damit berühren», weiss Holenstein, «darum muss man sorgsam damit umgehen.»

Weil der Körper des Liegenden zum Resonanzkörper wird, spüre sie sehr direkt, ob die Person entspannt oder verspannt ist, und: «Jeder Mensch klingt anders.» «In diesem Klang zu baden löst eigentlich bei fast allen Menschen Wohlbefinden aus», weiss Leonie Holenstein, «man merkt, wie die Atmung ruhiger wird.» Die Saitenklang-Liege wird in der Schmerztherapie oder in der Musiktherapie mit behinderten Kindern eingesetzt. Die Liege helfe zudem bei Verspannungen.

Leonie Holenstein hat am Konservatorium studiert und war früher Akkordeonlehrerin. Sie ist fasziniert von der Welt der Obertöne und den Saiteninstrumenten. Es ist ein ganz anderer musikalischer Kosmos als jener ihres schweren Instruments. «Akkordeon zu spielen ist Arbeit, körperlich anstrengend», sagt sie, «und es braucht Jahre, um gut spielen zu können.» Als Gegenstück zum «preussischen, strukturierten Lernen», die das Akkordeon verlange, eröffne sich mit den Naturklängen die Möglichkeit, ohne Druck Musik zu machen. «Die Schwingung von Saiteninstrumenten ist zudem intensiver», sagt sie.

Die Wirkung, welche die Obertöne auf Menschen haben, wurde insbesondere mit dem Trend von Meditationen und Esoterik ab den 1980er-Jahren populär. Doch das Wissen um die Naturtöne ist viel älter und in zahlreichen Kulturen auf der Welt Teil einer urtümlichen Musiktradition.

Ein Naturgesetz

Bereits Pythagoras hatte die harmonische Streckenteilung entdeckt: das harmonische Verhältnis 3:2 findet sich in vielerlei Ausprägungen in der Natur. Auch Menschen empfinden das Verhältnis von 3:2 als harmonisch, als schön. Darum baut die Architektur, die Kunst und Fotografie auf diesen naturgesetzlichen Proportionen auf. Wer sich mit den Naturtönen beschäftigt, bewegt sich im Grenzgebiet von Mathematik, Musik, Philosophie und Mystik. In der Klangschmiede wird diese Welt in verblüffenden Experimenten und spielerischen Exponaten sehr sinnlich vermittelt. Das lässt sich zwar sehr gut auch allein erfahren. Doch wer an einer der knapp 90minütigen Führungen teilnimmt, erfährt noch mehr über die ganzen Zusammenhänge.

Musik erfahrbar machen

Für Leonie Holenstein steht nicht die Theorie im Mittelpunkt. Ihr ist vielmehr wichtig, die Menschen erfahren zu lassen, «wie man sich von Klängen berühren lassen kann, wie faszinierend sie sind», sagt sie. «Die Klangwelt ist eine gute Möglichkeit, Musik anders wahrzunehmen.» Wie gut das funktioniert, erlebe sie regelmässig in ihren Führungen, bei denen es auch gelinge, Jugendliche zu begeistern. Weil jene Reizüberflutungen gewohnt sind und beinahe ständig Musik um sich haben, brauche es einen Moment, bis sie sich auf die ruhigere Klangwelt einlassen: «Aber dann erleben sie die Klänge körperlich, das lässt kaum jemanden unberührt.»

Klangschmiede Alt St. Johann: bis Oktober; Di–Fr 10–12/14–17, Sa 10–17 Uhr (November bis April: Sa 10–17 Uhr)