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«Jeder braucht seine eigene Schrift»

Salome Schmuki hat für Menschen, denen Lesen und Schreiben schwerfällt, spezielle Schriften entwickelt. Dafür erhielt sie 2013 einen Werkbeitrag des Kantons St. Gallen. Die Resultate ihrer zehnjährigen Recherchen stellt sie nun mit anderen Werkbeitragsempfängern aus.
Christina Genova
Grafikerin Salome Schmuki bricht die Konventionen der Typographie, um Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten zu helfen. (Bild: Urs Bucher)

Grafikerin Salome Schmuki bricht die Konventionen der Typographie, um Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten zu helfen. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Jemandem ein X für ein U vormachen. So lautet eine bekannte Redewendung. Dyslektiker hingegen lassen sich viel eher ein B für ein D vormachen. Oder ein A für ein O. Denn wer wie sie Mühe mit dem Lesen und der Rechtschreibung hat, verwechselt gerne ähnlich aussehende Buchstaben. Die Grafikerin Salome Schmuki weiss, wie schwierig für manche Menschen die Umsetzung der gesprochenen in die geschriebene Sprache ist: «Ihre Gehirne funktionieren anders. Es hat nichts mit Intelligenz zu tun.» In den letzten zehn Jahren hat sie sich intensiv mit Dyslexie auseinandergesetzt, der Lese- und Rechtschreibstörung, die man früher als Legasthenie bezeichnete. Etwa jedes 20. Schulkind in der Schweiz ist davon betroffen.

Viele Künstler betroffen

Salome Schmuki stellt zurzeit die Resultate ihrer Recherchen im Kulturraum des St. Galler Regierungsgebäudes unter dem Titel «ausgezeichnet» aus – zusammen mit weiteren sieben Kunstschaffenden, die in den letzten vier Jahren einen Werkbeitrag erhielten. Die freischaffende Grafikerin, die in St. Gallen und Brüssel lebt und arbeitet, erhielt den mit 20 000 Franken dotierten Förderbeitrag 2013.

Warum hat sich die 36-Jährige gerade auf Dyslexie spezialisiert? «Sprache hat mich schon immer interessiert. Ausserdem kenne ich sehr viele Dyslektiker.» Unter Grafikern und Künstlern sei die Lese- und Rechtschreibschwäche sehr verbreitet. Es gibt auch einen familiären Bezug – Salome Schmukis Grossvater arbeitete an der Sprachheilschule St. Gallen.

In der Ausstellung zu sehen ist eine über 500 Seiten dicke Publikation in englischer Sprache. Sie enthält neben Interviews mit Betroffenen und Auszügen aus der Fachliteratur auch experimentelle Schriften und Schriftsetzungen, die Salome Schmuki speziell für die Bedürfnisse von dyslexischen Lesern entwickelt hat. Wie die Grafikerin herausgefunden hat, fällt diesen das Lesen von Handschriften leichter, weil diese unregelmässiger und weniger monoton als Druckschriften sind. Deshalb gestaltete Salome Schmuki Schriften mit unterschiedlichen Linienstärken, Rundungen und Buchstabenbreiten, um ein lebendiges Schriftbild zu erzielen.

Sie versuchte ausserdem, die gesprochene Sprache besser sichtbar zu machen, indem sie zum Beispiel die betonten Silben eines Wortes kleiner und etwas fetter setzte.

Sich als Dyslektiker fühlen

Salome Schmukis Publikation liegt anlässlich der Ausstellung auch erstmals als Prototyp auf Deutsch vor. Das Buch ist deutlich schmaler, enthält aber immer noch 27 verschiedene Schriften und Schriftsetzungen. Dies hat mit der Erkenntnis zu tun, dass Dyslexie sehr individuell ist: «Jeder braucht seine eigene Schrift.» Die Grafikerin möchte dennoch die Beispiele etwas reduzieren und hofft deshalb auf Rückmeldungen von Betroffenen und Fachleuten.

Im Laufe ihrer Recherchen hat Salome Schmuki festgestellt, dass es nicht reicht, nur die Schrift zu verändern: «Man muss tiefer gehen.» Auch die Zeilenlänge, der Zeilenabstand, die Abstände zwischen den Buchstaben, die Farbe der Schrift, die Strukturierung des Inhaltes und nicht zuletzt die Wahl des Papiers haben einen grossen Einfluss auf die Lesbarkeit.

Salome Schmuki hat, basierend auf ihren Erkenntnissen, bereits Schulbücher für Erwachsene gestaltet, gerne würde sie dies auch für Kinder tun. Auch einzelne ihrer Schriften kommen zur Anwendung. Die Grafikerin hat ausserdem die ganze Druckgraphik für «ausgezeichnet» gestaltet, und zwar absichtlich so, dass für einmal nicht nur Dyslektiker, sondern auch normale Leser zu kämpfen haben: Die Buchstaben des Titels überlagern sich, sind manchmal doppelt vorhanden und ausserdem auf Hochglanzpapier gedruckt.

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