«Jeder Abend ist nur zum Teil planbar»

Der Güttinger Jan Rutishauser ist 27 und bereits mehrfach ausgezeichneter Kabarettist. Er kennt sich mit schlafenden Hasen, Groupies und Nebel aus und macht auch defekte Liebeslieder. In zwei Wochen nimmt er am Kleinkunstfestival «Die Krönung» in Aadorf teil.

Dieter Langhart
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Jan Rutishauser (Bild: Georg Locher)

Jan Rutishauser (Bild: Georg Locher)

Wenn Sie «Die Krönung» in Aadorf gewinnen, dürfen Sie dann einen Tag lang eine Krone tragen oder gilt dieser Wettbewerb mehr als der Dreikönigstag?

Jan Rutishauser: Man kann da was gewinnen?

Es wäre nicht die erste Auszeichnung für Sie nach dem Kabarett-Casting und der «Sprungfeder» in Olten. Korrumpiert Sie Erfolg oder spornt er Sie an?

Rutishauser: Ach, korrumpiert war ich doch vorher schon. Mit dem Erfolg ist's jetzt wenigstens gerechtfertigt. Kabarettpreisprämierte sind ohnehin nur vergleichbar mit Oscargewinnern, Nobelpreisträgern und Roger Federer und werden auch dementsprechend behandelt: VIP-Tickets, Who-is-Who-Magazine, hochdotierte Sponsorenverträge von Reclam und Duden.

Sie haben es zweimal ins «Who is Who im Thurgau» der Thurgauer Zeitung geschafft. Riecht das nach Publicity oder Provinz?

Rutishauser: Vorher wurde ich auf der Strasse nicht erkannt und jetzt – auch nicht.

Sie werden diesen August 28. Zählt man da noch zum Nachwuchs?

Rutishauser: Eine Frage der Perspektive: Für meine Mutter werde ich immer ihr Nachwuchs sein. Das Kabarettieren lerne ich seit etwa drei Jahren. An der Uni gäben sie mir jetzt also einen Bachelor. Entscheiden Sie selbst. Gegenfrage: Hätten Sie diese Frage so auch einer Frau gestellt?

Kaum, ich dürfte ja ihr Alter gar nicht wissen. À propos: Sie haben mit 16 zu zaubern begonnen, bevor Sie Theater- und Mimenschulen besuchten. Können Sie die Tricks von damals noch?

Rutishauser: Schlafende Hasen weckt man nicht.

Seien Sie nicht so. Welches ist Ihr bester Trick?

Rutishauser: Die Leute glauben zu lassen, dass ich mit 28 noch zum Nachwuchs zähle.

Was macht für Sie den Zauber der Bühne aus?

Rutishauser: Die stete Herausforderung an mich selbst und das Wissen, das jeder Abend nur zum Teil planbar ist.

Was den Zauber des Publikums?

Rutishauser: Die Groupies, eindeutig die Groupies. Die gibt's in der Kleinkunstszene ja en masse!

Können wir gut verstehen, Sie machen ja «Kabarett für schöne Menschen». Aber wohin gehen die wüsten und die schönwüsten Menschen?

Rutishauser: Zu mir, das funktioniert auch im Umkehrschluss: Wer meine Show besucht, ist per definitionem schön.

Schön. Und was macht den Zauber von Jan Rutishauser aus?

Rutishauser: Ich selbst, denn was anderes hab ich nicht.

Neben dem Kabarettieren moderieren Sie auch und schreiben Gags fürs Radio. Verzetteln Sie sich da nicht ein wenig?

Rutishauser: Sie haben vergessen, dass ich jetzt auch Musik mache und zwar «Defekte Liebeslieder». Und ja, es ist schwer, den Überblick nicht zu verlieren, und auch recht anstrengend. Letzthin musste ich schon um 10 Uhr aufstehen, damit ich fürs Mittagsschläfchen genügend müde war.

Vor einem Jahr haben Sie es am ersten Mostindien-Slam in Frauenfeld ins Finale geschafft und sich als Krone der Schöpfung bezeichnet.

Rutishauser: Uh, da werde ich aber falsch zitiert, ich habe mich nie als Krone der Schöpfung bezeichnet. Ich sagte: «Jahrmilliarden von Entwicklung und Evolution und heute Abend stehe ich vor Ihnen!» Ob das nun toll ist oder ob die Evolution sich da total in eine Sackgasse verrannt hat – dieses Urteil überlasse ich anderen.

Die «Schweiz am Sonntag» schrieb im Mai: «Man kann nur hoffen, dass seine Erzählungen nicht komplett autobiographisch sind.» Sind sie das?

Rutishauser: Wie gesagt: Mein Zauber bin ich selbst, denn ich habe nichts anderes. Was sich wieder einmal total ungewollt nach Selbstbeweihräucherung anhört. Dabei hab ich ja Eigenlob als Genie gar nicht nötig.

Der Schriftsteller Christoph Simon hat ein Jahr nach Ihnen das Oltner Kabarett-Casting gewonnen und will Kabarettist werden. Was raten Sie ihm?

Rutishauser: Nichts, denn er ist jetzt schon eine Klasse für sich.

Mit dem Oltner Casting-Preis haben Sie «Burn Out», Ihr erstes Programm, fertig schreiben und in Basel und Olten aufführen können – und vor vier Wochen endlich daheim, im Theater an der Grenze in Kreuzlingen. Wie war's?

Rutishauser: Phantastisch, wunderbar, ein Genuss! Aber genug von mir… Nein, im Ernst jetzt, das Publikum war ganz grosse Klasse und das Team des Theaters an der Grenze einfach nur toll. Ich musste ihnen auch kaum Geld geben, dass ich dort auftreten durfte.

War's das schon für die Ostschweiz oder kommen Sie wieder?

Rutishauser: Ich bin da wie der Sommer am Bodensee, der kommt auch jedes Jahr wie… Moment, schlechter Vergleich. Ich bin wie der Nebel am Bodensee. Ja, exakt wie der Nebel.

Fr/Sa, 6./7.3., 19–23.15 Uhr, Kultur- und Gemeindezentrum Aadorf www.die-kroenung.ch