Jedem sein Morgarten

Am 15. November ist das vieldiskutierte 700-Jahr-Jubiläum der Morgarten-Schlacht. Erich Langjahrs «Morgarten findet statt» erweitert diese Diskussion. Der Film von 1978 ist gut gealtert.

Andreas Stock
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Morgarten, das ist auch eine Feier für die Kinder: Eine Szene aus dem Film von Erich Langjahr. (Bild: Langjahr Film)

Morgarten, das ist auch eine Feier für die Kinder: Eine Szene aus dem Film von Erich Langjahr. (Bild: Langjahr Film)

Bei seiner Premiere an den Solothurner Filmtagen sei der Film kontrovers aufgenommen worden, erinnert sich Erich Langjahr: «Es gab Applaus, aber auch Pfiffe», erzählt er. «Unser Film ist keine Thesen-Dokumentation, wie sie damals verbreitet waren. Wir waren vielmehr umgekehrt vorgegangen. Unsere Bildsprache sollte das Publikum zur Auseinandersetzung einladen, eigene Gedanken auslösen.»

«Morgarten findet statt» beobachtet ein Stück Innerschweizer Brauchtum. Dazu gehören zwar Szenen der Vorbereitung in den Tagen vor dem 15. November, doch die Ereignisse am Festtag stehen im Zentrum: der Marsch zum Gedenkplatz, der Festgottesdienst, das traditionelle Schiessen, die Festreden sowie die Essen in Hütten, Restaurants und Festzelt. Ergänzt wird das durch Fernsehbilder von der 650-Jahr-Feier 1965 sowie Aufnahmen von 1941. Bald wird deutlich: Morgarten, das ist nicht eine, sondern das sind viele Feiern zugleich. Es gibt jene von Militär, Politik und Kirche, eine der Kinder und Frauen und eine Feier unter Schützen und Bevölkerung.

Unvoreingenommen

Der erste abendfüllende Kinofilm von Erich Langjahr mit Co-Regisseur Beni Müller war minutiös vorbereitet. Vier Kamerateams waren im Einsatz, um möglichst viel vom Geschehen am 15. November 1978 filmen zu können. «Drei Viertel des Films sind an diesem einen Tag an den verschiedenen Schauplätzen in den Kantonen Schwyz und Zug gedreht worden», sagt Langjahr. «Morgarten findet statt» war der Beginn eines dokumentarischen Arbeitens, mit dem der Regisseur zu einer Instanz im Schweizer Film, einem herausragenden Kino-Chronisten des ländlichen Lebens geworden ist. Der Film zeigt bereits Qualitäten, die Langjahrs späteres Schaffen unverkennbar machen: einen beharrlichen, unvoreingenommenen Blick für die Menschen und ihr Tun, ein Auge für Bilder, die keines Kommentars bedürfen. Und ein Gespür für eine Montage, die zu verdichten weiss, ohne den Zuschauer zu entmündigen.

Dass jeder von seinem Standpunkt auf die Bilder blicken und eigene Schlüsse ziehen kann, dieses Credo der gemeinsamen Kinoerfahrung vertritt Langjahr mit seinem Kino. Dass der «Morgarten»-Film der Innerschweizer Selbstdarstellung nicht unkritisch gegenübersteht, die Festteilnehmer und Repräsentanten sich dennoch nicht angegriffen oder instrumentalisiert wahrgenommen sahen, ist Ausdruck dieser filmischen Haltung.

Im Ritual verharrt

Die digitale Restaurierung hat dem Ton und den Bildern frisches Leben eingehaucht. Die Wiederaufführung zeigt, wie gut gealtert der Film formal und inhaltlich ist. Zwar gibt es die rauchgeschwängerten Lokale so nicht mehr, ansonsten wird jedoch deutlich, wie stark sich Rituale und Mythen über Jahrzehnte halten. Wie die Bilderwelt der Schlacht das Spiel der Kinder über Generationen prägt. Oder wenn in den Reden auf die Bedrohung durch den Terrorismus hingewiesen, Freiheit «als Gabe und Aufgabe» definiert wird. Formulierungen, wie sie ähnlich auch am Sonntag an der Morgarten-Feier zu hören sein könnten. Erich Langjahr, der dieses Jahr eine Einladung erhalten hat, überlegt sich, nach vielen Jahren wieder einmal hinzugehen. Würde er eine Kamera dabei haben, die Bilder sähen wohl kaum sehr viel anders aus.

Sa, 14.11., 11.30 Uhr, Kinok St. Gallen; So, 29.11., Matinee, Passerelle, Wattwil

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