Schauspieler Fabian Müller: «Jede Vorstellung ist wie eine Prüfung»

Fabian Müller hüpft auf der Bühne vom manisch-depressiven Lehrer Rupp zum lustigen Kasperl und zum Macho Alfred. Seit einem Jahr ist er im Schauspielensemble und war gerade gleichzeitig in drei Stücken im Theater St. Gallen zu sehen. Schweisstreibend!

Hansruedi Kugler
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Sieht mit Strickmütze ein bisschen aus wie Kasperl, eine seiner derzeitigen Bühnenfiguren: Fabian Müller in der Lokremise. (Bild: Urs Bucher)

Sieht mit Strickmütze ein bisschen aus wie Kasperl, eine seiner derzeitigen Bühnenfiguren: Fabian Müller in der Lokremise. (Bild: Urs Bucher)

Puh, geschafft! Da steht Fabian Müller mit seiner roten Strickmütze in der Lokremise St. Gallen und schaut zu, wie die Kulissen zum Stück «Versetzung» abgebaut werden: «Es riecht noch nach diesen weissen Folien, nach dem weissen Rauschen im Kopf des Lehrers Rupp», sagt er. Müller, seit einem Jahr im Schauspielensemble, spielte die  Hauptrolle: Den engagierten Gymnasiallehrer, der aus einer anfänglichen Souveränität allmählich in seine frühere manisch-depressive Erkrankung zurückfällt.

Pascale Pfeuti und Fabian Müller in «Versetzung». (Bild: Tanja Dorendorf)

Pascale Pfeuti und Fabian Müller in «Versetzung». (Bild: Tanja Dorendorf)

Ein Kraftakt, eine Riesenrolle mit viel Text. Müller schwitzte sich förmlich die Seele aus dem Leib. Die Kritiken zum Stück waren begeistert, für ihn selbst gab’s in dieser Zeitung Note «fabelhaft». Stolz ist er schon darauf, nimmt sich selbst aber nicht so wichtig: «Ich fand es einfach ein unglaublich cooles Stück, eine tolle Rolle und eine super Crew.» Auf diese sei er nach den Vorstellungen enorm angewiesen gewesen: «Gerade bei dieser Rolle brauchte ich die Kollegen, damit ich aus der extremen Emotion rausfinde.»

«Ich stehe wirklich auf der positiven Seite des Lebens»

Oft helfe auch ein Mitternachtsessen mit seiner Freundin, sagt er und strahlt. Kommt einem der Glaube an die Liebe bei den vielen verzweifelten Bühnenfiguren nicht abhanden? Müller: «Der Wille, es selbst trotzdem zu ­versuchen, wird dadurch eher verstärkt.» Schliesslich sei der Schauspielerberuf eine grandiose Lebensschule:

«Ich spiele auf der Bühne Fiesheit, Gleichgültigkeit, Entzweiung, Verletzungen – vielleicht geniesse ich mein privates Glück deshalb besonders.»

In die geistige Zerrüttung des Manisch-Depressiven reinzukommen, sei für ihn aber sehr schwierig gewesen: «Den Nullpunkt, auf den sich Rupp zubewegt, kenne ich aus meinem Leben nicht.» Steckt nichts von diesem abgründigen Selbstzweifler Rupp in Fabian Müller? «Sie meinen, ob ich auch so verborgene, dunkle Seiten habe?» Er lacht laut: «Nein, ich stehe wirklich auf der positiven Seite des Lebens», sagt er. Aber seinen Beruf liebe er gerade deshalb, weil er da an unglaubliche Emotionen rankomme. Dann sagt Fabian Müller aber doch:

«Selbstzweifel habe ich natürlich, vor allem, was den Beruf angeht.»

Da mache er sich eher zu viel Druck, wolle immer besser werden: «Jede Vorstellung ist wie eine Prüfung für mich.» Im Gespräch in der Lokremise ­hingegen wirkt er quirlig, voller Energie, fröhlich, aufmerksam, nachdenklich.

Fabian Müller in der Rolle des Machos Alfred in «Geschichten aus dem Wiener Wald», mit Anna Blumer als Marianne. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Fabian Müller in der Rolle des Machos Alfred in «Geschichten aus dem Wiener Wald», mit Anna Blumer als Marianne. (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Aber wie schafft man das nur gleichzeitig: Am Nachmittag der lustige Kasperl, abends dann der Absturz des Lehrers Rupp, an den Tagen dazwischen noch den eitlen Schnösel Alfred, der seine Verlobte mit ihrem Kind sitzen- lässt, in «Geschichten aus dem Wienerwald». Müller lächelt über die Frage: «So ist halt unser Beruf. Phasenweise sehr anstrengend.» Keine Angst vor Text­hängern? Die Textbücher trage er zwar immer bei sich, sagt er. Aber vor der Vorstellung nochmals reinschauen, würde ihn nur verunsichern. Aber jetzt gelte es erst mal ein wenig ausschnaufen. Er habe ja jetzt eine Freirunde, also keine Proben für ein nächstes Stück. Die drei Rollen seien ­zudem sehr unterschiedlich. Es stimme schon, den Kasperl zu spielen, mache einfach grossen Spass, sei eine tolle Abwechslung: «Der Kasperl hat ja keine Biografie, das macht es zum Spielen viel einfacher.» Beim etwas stereotypen Macho Alfred sei die Herausforderung wieder ganz anders: Das Einfache an der Figur sei, dass er sich keine Gedanken mache, was er anderen antut, sagt Müller. Das wäre für Alfred nur Ballast. «Ich versuche ihm trotzdem wahre Gefühle zu geben.»

«Als Bub war ich wie dieser Kasperl»

Lehrer Rupp und Macho Alfred hätten nichts mit dem privaten Fabian Müller gemein. Kasperl ­jedoch schon: «Als Bub war ich genauso wie dieser Kasperl», erzählt er. «Schnell aufbrausend, voller Energie, immer zu viele Ideen im Kopf.» Die rote Strickmütze sei aber keine Anspielung auf seine derzeitige Rolle des Kasperl in «Neues vom Räuber Hotzenplotz», sagt Fabian Müller.

Fabian Müller als Kasperl (rechts), mit Tobias Graupner als Seppli und Anja Tobler als Grossmutter. (Bild: Jos Schmid)

Fabian Müller als Kasperl (rechts), mit Tobias Graupner als Seppli und Anja Tobler als Grossmutter. (Bild: Jos Schmid)

Bereits als Neunjähriger habe ihn ein Lehrer nach einem Schultheater auf den Schauspieler­beruf aufmerksam gemacht. Nach etlichen Jahren im Spielclub am Theater Basel ging er schon als 16-Jähriger an die Aufnahmeprüfung der Hochschule der Künste in Zürich – und kam sogar in die zweite Runde. Er solle aber zuerst ein wenig Lebenserfahrung sammeln, meinten die Prüfer. Im folgenden Jahr schaffte er die Prüfung. Nach einigen freien ­Produktionen in Basel war er von 2010 bis 2014 festes Ensemblemitglied am Jungen Schauspielhaus Zürich. Hier in St. Gallen fühle er sich sehr wohl: «Jonas Knechts Neuanfang hat mich sehr interessiert. Und in der Stadt spürt man, dass den Leuten das Theater sehr wichtig ist. In Zürich habe ich das nie so erlebt.»