Für die Kultur gilt in der Coronakrise weiterhin: Je grösser, desto verbotener

Der Bundesrat verbietet bis Ende August kulturelle Veranstaltungen ab 1000 Personen. Was gilt für die einzelnen Kultursparten?

Regina Grüter, Hansruedi Kugler, Julia Stephan, Sabine Altorfer, Stefan Künzli
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Bereits ab Dienstag, 12. Mai, ist die Ausstellung «Triumphant Scale» von El Anatsui im Kunstmuseum Bern wieder offen – zu normalen Öffnungszeiten, wie das Museum bestätigt.

Bereits ab Dienstag, 12. Mai, ist die Ausstellung «Triumphant Scale» von El Anatsui im Kunstmuseum Bern wieder offen – zu normalen Öffnungszeiten, wie das Museum bestätigt.

Bild: Anthony Anex/Keystone

Der Bundesrat hat entschieden: Bis am 31. August 2020 bleiben kulturelle Veranstaltungen über 1000 Personen verboten. Was mit Veranstaltungen unter 1000 Leuten passiert, bleibt noch offen. Der Bundesrat will am 27. Mai entscheiden, ob und wie sie durchgeführt werden können. Wie sind die Aussichten und Möglichkeiten der Kultursparten? Wie können wir in diesem Sommer unser Bedürfnis nach Kultur und kulturellen Veranstaltungen stillen?

Musik

Was zu befürchten war, ist nun leider Tatsache geworden: Im Corona-Sommer 2020 wird es weder grosse Openairs, noch grosse Musik-Festivals geben. Die Events im August durften noch gehofft. Aber auch sie fallen nun dem Virus zum Opfer. Ein harter Schlag für die ganze Branche, aber ein richtiger und überfälliger Entscheid. Die Vorschriften zum Distanzhalten können nicht eingehalten werden. Offen ist zudem auch, ob die internationalen Stars überhaupt einreisen könnten.

Auch das Openair St.Gallen fällt dieses Jahr aus.

Auch das Openair St.Gallen fällt dieses Jahr aus.

Michel Canonica

Der Bundesrat hat Klarheit und die gewünschte rechtliche Grundlage geschaffen. Die Veranstalter können nun mit der Planung für den Festivalsommer 2021 beginnen. Oder aber sie stellen sich auf Beschränkungen, Vorgaben und Restriktionen ein und konzipieren abgespeckte, originelle Konzert-Situationen. Not macht bekanntlich erfinderisch. Wieso nicht ein verkleinertes Lucerne Festival mit klassischen Openair-Konzerten für 500 Leute an den Gestaden des Vierwaldstättersees?

Es gilt das Prinzip: Je grösser, desto verbotener. Das Kleine, Feine und Intime ist für einmal im Vorteil. Wird zu einem Wert. Eigentlich eine schöne Aussicht. Ob aber kleinere Festivals und Openairs in diesem Sommer durchgeführt werden können, ist freilich eine andere Frage. Sicher können kleine Events die behördlichen Vorgaben besser einhalten. Aber bestuhlte Pop-Openairs? Keine Menschentraube vor der Bühne? Stattdessen zwei Meter Distanz? Diese Vorstellung fällt uns noch schwer. Sind Open Airs unter solchen Bedingungen überhaupt noch attraktiv? Für die Besucher, aber auch für die Veranstalter? Können sie auf diese Weise noch kostendeckend durchgeführt werden? Wir hoffen weiter!

Film

Die Kinos wurden zwar mit keinem Wort erwähnt, sind aber im Ausstiegsfahrplan für die 3. Etappe vorgesehen. Und in der Schweiz beheimatete internationale Filmfestivals wie Locarno und Zürich haben jetzt immerhin nach langer grosser Planungsunsicherheit ein Datum und eine Zahl. Infolgedessen hat das Locarno seine Ausgabe 2020 in der üblichen Form vor Ort abgesagt. Es werde in diesem Jahr nicht möglich sein, «eine Veranstaltung durchzuführen, in deren Zentrum die Begegnung und das Miteinander an den realen Festivalschauplätzen stehen», heisst es. Das Festival ändere sein Format und starte mit «Locarno 2020 – For the Future of Films» «eine Initiative zur Unterstützung des unabhängigen Autorenkinos». Sofern es die weiteren Entwicklungen erlauben würden, gehören dazu auch «Vor-Ort-Aufführungen mit den grösstmöglichen Sicherheitsvorkehrungen». Das Zurich Film Festival (24.9.–4.10.) hingegen darf weiter hoffen, den Event unter mehr oder weniger «normalen» Umständen durchführen zu können.

Weiterhin hoffen darf das Zurich Film Festival, auch dieses Jahr vom 24.9. bis 4.10 Stars wie Morgan Freeman zu ehren (hier mit den Festivalleitern Nadja Schidknecht und Karl Spoerri).

Weiterhin hoffen darf das Zurich Film Festival, auch dieses Jahr vom 24.9. bis 4.10 Stars wie Morgan Freeman zu ehren (hier mit den Festivalleitern Nadja Schidknecht und Karl Spoerri).

André Häfliger (neue Lz) / Neue Luzerner Zeitung

Für die Kinos bedeutet der 8. Juni voraussichtlich eine Rückkehr zu den Zuständen vor der Schliessung am 16. März. Auch da wurde schon darauf geachtet, dass die Gäste nicht zu nah beieinandersitzen. Mit der Vergabe von Sitzplätzen könnten die Distanzregeln eingehalten werden. Es ist eine Frage von Aufwand und Ertrag. Blockbuster in vollen Kinos sind eine Illusion.

Theater

Der Theatervorhang geht auch nach dem 11. Mai nicht hoch. Bis der Bundesrat Ende Mai bekannt gibt, wie er trotz Versammlungsverbot Kulturveranstaltungen erlauben will, bleibt für die Theater alles beim Alten. Proben sind weiterhin nur eingeschränkt möglich. Auch das macht es schwierig, vorauszusagen, wann die Häuser im Herbst wieder eröffnet werden. Derzeit erarbeitet der Schweizerische Bühnenverband mit Spezialisten ein Schutzkonzept, das der Branche, in der physische Nähe zum Arbeitsalltag gehört, Lösungen anbieten soll.

Geduld, Geduld: Auf solche fantastischen Bühnenbilder wie bei «Totart Tatort» im Schauspielhaus Zürich müssen Theaterfans bis im Herbst verzichten.

Geduld, Geduld: Auf solche fantastischen Bühnenbilder wie bei «Totart Tatort» im Schauspielhaus Zürich müssen Theaterfans bis im Herbst verzichten.

Tanja Dorendorf / T+t Fotografie

An Häusern wie dem Theater Basel denkt man intensiv über neue Saalpläne und Einlasssysteme nach, die im Herbst aktiviert werden könnten. Auch Stückanpassungen sind kein Tabu mehr. Wer noch vor dem Sommer Theater schauen möchte, muss mit dem wachsenden Online-Angebot Vorlieb nehmen. Das Luzerner Theater hat seine abgebrochene Theater-Serie «Taylor AG» gerade erst in einer Online-Version fortgesetzt. Am Theater St. Gallen kreieren Schauspieler Hörspiele. Und am Schauspielhaus Zürich bastelt Intendant Nicolas Stemann an einem Corona-Passionsspiel.

Literatur

Es war kein Aprilscherz, sondern eine vorausschauende Absage: Der Entscheid der Solothurner Literaturtage ist gestern bestätigt worden. Literatur findet derzeit nur privat oder online statt. Die Solothurner Literaturtage starten am 14.Mai mit einem Online-Magazin den Vorlauf auf das Online-Festival vom 22. Bis 24. Mai. Da das Versammlungsverbot mit über fünf Personen wahrscheinlich bis zum 8. Juni gilt, sind leider keine Lesungen, Buchvernissagen und auch keine Literaturfestivals erlaubt.

Wer dieses Jahr Autoren wie Peter Bichsel an den Literaturtagen in Solothurn hören wollte, muss auf eine spätere Lesung hoffen.

Wer dieses Jahr Autoren wie Peter Bichsel an den Literaturtagen in Solothurn hören wollte, muss auf eine spätere Lesung hoffen.

Hansjörg Sahli

Zweierlei tröstet uns: Zum einen bieten Verlage, Autorinnen, Literaturhäuser und Medien Online-Formate an. Im Onlinebereich unserer Zeitung finden sich übrigens ebenfalls nicht nur geschriebene Artikel, sondern auch Videos mit Lesungen von Schweizer Autorinnen und Autoren. Zum anderen freuen sich Bücherfans darüber, dass sie ab dem 11. Mai wieder in Bibliotheken Bücher suchen und ausleihen können und dass auch Buchhandlungen zum Schmökern offen sind.

Kunst

Das ist die grösste Überraschung für den Kulturbereich: Die Museen dürfen bereits am 11. Mai öffnen – und nicht wie vor zwei Wochen angekündigt am 8. Juni. Das freut – und überrumpelt – die Museen.

Einfacher wird es für kleinere Häuser, in die sich nicht Tausende drängen. Viele Museen haben schon angekündigt, dass sie die Ausstellungen, die sie Mitte März abrupt schliessen mussten, wieder aufmachen und sie wenn möglich verlängern. Etwa im Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee. «Es ist überraschend, wir müssen umplanen, aber wir werden am 12. Mai parat sein», sagt Thomas Soraperra, der kaufmännische Direktor. «Nun geht es sogar noch schneller, als wir gehofft hatten», jubelt das Kunstmuseum Luzern. «Wir vermissen das Publikum im Haus und freuen uns, wenn die Räume wieder belebt werden», meint Sandra Walder, Interims-Direktorin am Kunsthaus Aarau.

Schwierig wird es für grosse Häuser mit sehr hohem Zulauf, wie das Landesmuseum, das Verkehrshaus oder die Fondation Beyeler. Im Moment kann man sich nicht vorstellen, dass Beyeler die gross angekündigte «Goya»-Ausstellung mit Leihgaben aus der ganzen Welt am 17. Mai eröffnen kann.

Endlich wird die neue Wechselausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» im Landesmuseum zu sehen sein.

Endlich wird die neue Wechselausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» im Landesmuseum zu sehen sein.

Bild: Landesmuseum

«Wir haben bereits ein Schutzkonzept erarbeitet und werden das anpassen, sobald die Details aus Bern vorliegen», sagt Andrej Abplanalp, Kommunikationschef im Landesmuseum Zürich. Zum Glück sei das Haus gross genug, so könne sich das Publikum gut verteilen – und endlich auch die Ausstellung «Nonnen. Starke Frauen des Mittelalters» sehen, die im März hätte öffnen sollen. Im Kunsthaus Zürich antwortet Mediensprecher Björn Quellenberg verhalten: «An den Auflagen betreffend Hygiene und Social Distancing bemisst sich die Zeit, die für betriebliche Vorbereitungen gebraucht wird und die Kalkulation, ob eine Öffnung wirtschaftlich wieder vertretbar ist.»

Noch offen ist, wie die Museen Veranstaltungen, Führungen, und Workshops handhaben dürfen. «Kleiner und öfter vielleicht», sagt Abplanalp.

Ein Spezialfall ist die Art Basel. Die weltweit wichtigste Kunstmesse wurde vor Wochen schon vom Juni in den September verschoben. Aber die Durchführung bleibt unsicher. Werden im September die Galerien und Sammler aus aller Welt kommen. Lange kann die Art Basel den Entscheid nicht mehr hinauszögern.