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«Je brutaler die Handlung, desto schöner die Musik»

Dirigent Michael Balke (Bild: Michel Canonica)

Dirigent Michael Balke (Bild: Michel Canonica)

Eigentlich sollte Franz Schreker nur das Libretto schreiben, für eine Oper, die Komponistenkollege Alexander Zemlinsky geplant hatte. Dann war Schreker vom Stoff so gepackt, dass er die Oper «Die Gezeichneten» selbst realisierte. Komponist und Librettist in einer Person, das führe dazu, dass der Text massgeblich die Musik bestimme, sagt der in München lebende Dirigent Michael Balke. «Diese Schreker-Oper ist damit einfach aus einem Guss.» Balke war in St. Gallen letztmals Anfang 2016 mit der «Tosca» zu hören. Er wundert sich, dass «Die Gezeichneten» von Franz Schreker so lange vergessen gewesen seien. «Dieses Bühnenwerk kann problemlos in der Liga eines Richard Strauss mitspielen.»

Das Werk ist stilistisch in der symbolistisch-expressionistischen Atmosphäre, in der Welt der frühen Wiener Moderne Anfang des 20. Jahrhunderts anzusiedeln. «Mir kommen da Arthur Schnitzlers ‹Traumnovelle› oder die Bilder Egon Schieles in den Sinn», sagt der Dirigent, der in Magdeburg fünf Jahre stellvertretender Generalmusikdirektor war und sich dort ein breites Repertoire erarbeiten konnte. «Franz Schreker führt uns in diese Stimmung hässlicher Schönheit. Je brutaler die Handlung sich entwickelt, desto schöner wird die Musik.»

Musik im Umfeld der frühen Wiener Moderne

Hört man in diese opulente und für Orchester und Solisten anspruchsvolle, dichte und komplexe Musik hinein, die oft auch wie ein riesiger Monolith wirkt, wird man nicht nur an Strauss erinnert, sondern mehr noch an den frühen Arnold Schönberg der «Verklärten Nacht» oder seines «Pierrot lunaire». Aber auch impressionistische Klänge lassen da aufhorchen. Und Schrekers bewusste Technik der Leitmotive ist hörbar an Richard Wagners Tonsprache weiterentwickelt.

«Handwerklich ist das meisterlich komponiert», sagt Michael Balke. «Schreker, der Schönbergs ‹Gurrelieder› dirigiert hat, weiss genau, was er macht.» Der Konflikt zwischen geistiger und sinnlicher Schönheitsliebe ist ein Thema dieser in der Renaissance angesiedelten Oper. Aber auch Selbsthass und Zerstörungswut. «Letztlich kann niemand in dieser Oper wirklich lieben», sagt Michael Balke. «Und Schrekers Stück findet für den Konflikt keine Antworten.»

Als ein roter Faden durch die «Gezeichneten» könnte auch die neue Rolle der Frau in Zeiten der sich damals entwickelnden Psychoanalyse gelten. Die Hauptfigur Carlotta, eine kranke Malerin, ist wahrscheinlich moderner als das Frauenbild von Schreker oder anderen Künstlern seiner Zeit. «Carlotta erinnert durchaus auch an eine Künstlerin und Muse wie Alma Mahler-Werfel, die das traditionelle Frauenbild ihrer oft schwachen Verehrer damals emanzipatorisch erschütterte», sagt Michael Balke.

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

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