Kultur
Jahrhundertdirigent Mariss Jansons: Er lässt sich nur vom Gewissen dirigieren

Mariss Jansons ist ein Jahrhundertdirigent. Und das im mehrfachen Sinn: Vom Zweiten Weltkrieg über Stalin bis zur Sowjetunion hat der Lette die europäische Geschichte hautnah erlebt. Sie hat ihn nicht bitter, sondern loyaler gemacht.

Anna Kardos
Drucken
Teilen
Dirigent Mariss Jansons (73) ist überzeugt: «Musik macht uns zu besseren Menschen.»HO

Dirigent Mariss Jansons (73) ist überzeugt: «Musik macht uns zu besseren Menschen.»HO

Priska Ketterer/Lucerne Festival

Mariss Jansons, Sie dirigieren heute die Schweizer Erstaufführung von Wolfgang Rihms «Requiem-Strophen», ein Requiem, sinnlich und voller Wohlklang. Kann Sterben schön sein?

Mariss Jansons: Ich teile diese Ansicht. Dennoch finde ich, dass insgesamt die unerbittliche Seite des Todes dominiert.

Wir hören heute Requien nicht mehr in der Kirche, sondern im Konzertsaal. Ist Musik eine Art Religionsersatz?

Sie ist kein Ersatz, aber da ist ein neues Verständnis und eine neue Richtung von Religion und Musik. Früher fand das in der Kirche statt und jetzt eben im Konzertsaal. Ich kenne keine Regel, nach der Messen nur in der Kirche aufgeführt werden dürfen.

Was hat denn ein Konzertsaal, was eine Kirche nicht hat?

Es sind mehr praktische Gründe. Und natürlich, seit Verdi sein Requiem komponiert hat, werden Totenmessen auch im Konzertsaal aufgeführt. Die Zeit schreitet voran. Nehmen Sie das Requiem von Brahms oder nun jenes von Rihm: Da finden Sie nicht nur den lateinischen Messetext, sondern auch vom Komponisten ausgewählte Texte. Das Werk weist in eine andere Richtung.

Eine persönlichere Richtung?

Genau.

Sie haben selbst eine persönliche Erfahrung mit Musik und Tod gemacht: 1996 hatten Sie während des Dirigierens einen Herzinfarkt. Hat das Ihr
Dirigieren verändert?

Ich glaube, ja. Es hat eine grössere Tiefe nach sich gezogen. Ich liebe seither langsame Musik und tragische Musik sehr. Mein Verständnis dieser Musik ist unmittelbarer geworden. Sie mit Inhalt und musikalischer Sprache auszufüllen, war die grösste Veränderung, die geschah.

Dirigieren Sie seither vorsichtiger?

Absolut nicht. Vorsichtig war ich nur, als ich nach dem Infarkt zum ersten Mal wieder für eine Probe am Pult stand. In der Pause sagte ich dann: So geht das nicht. Ich mache alles oder nichts – und dann war alles wie früher. Man kann nicht 50 Prozent geben. Man muss alles geben.

Mariss Jansons lässt sich die Interaktion mit dem Publikum nicht nehmen:

Sie galten als Favorit für Simon Rattles Nachfolge als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Sie haben aber Ihren Vertrag beim Bayerischen Rundfunk verlängert. Laut den Medien auch aus Angst um Ihr Herz.

Nein, nein. Die Berliner Philharmoniker sind nicht gesundheitsgefährdender für mein Herz als der Bayerische Rundfunk.

Wären Sie als Schüler Herbert von Karajans nicht prädestiniert für seine Nachfolge?

Wissen Sie, ich habe eine wunderbare Beziehung zu den Berlinern. Aber in München wurde 2015 hart diskutiert, ob die Stadt einen neuen Konzertsaal baut, für den ich wahnsinnig kämpfte. Ich fühlte es als meine Pflicht zu bleiben. Hätte ich gesagt: Ja, ich komme, hätte das bedeutet, meinem Orchester ein Messer in den Rücken zu stecken. Dann hätte sich in München nichts mehr bewegt in Sachen Konzertsaal. Also habe ich gesagt: Ich bleibe. Es war eine wichtige Entscheidung. Und sie ist Gott sei Dank der Musik zugutegekommen: Jetzt wird der Saal gebaut.

Das erinnert an Ihre Kindheit. Sie sagten einmal, Ihre Mutter habe Ihnen
bereits als sehr kleines Kind Gewissen und Ehrlichkeit beigebracht.

Als kleines Kind hat mir meine Mutter vieles erklärt. Vor allem hat sie mir menschlich wichtige Prinzipien beigebracht: Ehrlichkeit und Gewissen waren die wichtigsten. Ich habe auch sofort verstanden und bin ihrem Rat gefolgt.

Wenn andere Musiker über Sie sprechen, fällt oft das Wort Liebe. Wieso zählen Sie Liebe nicht zum Wichtigsten?

Als ich dreijährig war, war es wohl schwierig, mit mir über Liebe zu sprechen. Wichtiger waren für mich Gewissen und Ehrlichkeit. Beides gehört für mich zusammen. Das Gewissen hilft jedem Menschen: Wenn er darauf hört, wird er Gutes tun. Und wenn er etwas Schlechtes tut, wird er sich unausweichlich peinlich fühlen, da das Gewissen ihm die Wahrheit sagt. Es gibt einem die richtige Richtung vor.

Apropos Richtung: Wolfgang Rihms «Requiem-Strophen» erinnern mit
tonalen Anklängen an Gustav Mahler. Eine solche Richtung einzuschlagen, wäre in der Neuen Musik vor dreissig Jahren undenkbar gewesen. Wieso erlaubt sich Rihm diesen Rückgriff?

Ich kann Ihnen nicht sagen, was Wolfgang Rihms Absichten sind. Ich weiss aber, dass er sich während der Arbeit an diesem Werk viele Gedanken gemacht hat. Das Ergebnis ist ein Wolfgang Rihm mit kleinen Korrekturen. Beispielsweise dort, wo er diese wunderbaren Chöre schreibt mit interessanten Harmonien. Das ist sehr berührend.

Sie haben die Sowjetunion und die Stalin-Diktatur erlebt. Wie konnten Sie überleben mit Ihrem moralischen Anspruch auf Gewissen und Ehrlichkeit?

Wenn Sie in sich drin ein ausgeprägtes Gewissen und Ehrlichkeit haben, sehen Sie sofort, wo Lüge ist. Sie verstehen, was schlecht ist und was man nicht darf. Aber die Umgebung oder politische Situation erlaubt nicht, das offen zu zeigen. Also leben Sie inwendig so, dass Ihre Ehrlichkeit und Ihr Gewissen erhalten bleiben. Und im selben Moment wissen Sie: Mein Weg ist so, und vieles bleibt in mir drinnen, weil es auszudrücken zu gefährlich wäre.

Hatte Musik in der Sowjetunion einen anderen Stellenwert, gerade weil man sich in ihr ausdrücken konnte?

Musik hatte einen sehr hohen Stellenwert. Sie genoss enorme Aufmerksamkeit. Und die Autorität der Ausbildung war sehr hoch. Das Regime unterstützte die Kultur sehr. Durch das hohe künstlerische Niveau konnte es zeigen, wie stark das System ist. Und kulturell gesehen war es tatsächlich stark. Das muss man offen zugeben. Das war eine sehr positive Tatsache in der Sowjetunion. Und es ermöglichte im Bereich Musik eine wunderbare Ausbildung.

Wird man ein besserer Mensch, wenn man Musik macht oder hört?

Absolut. Musik hat eine sehr starke Energie. Sie ist zwar abstrakt, aber sie hat viel Einfluss auf Emotionen. Der Mensch kann seine Emotionen manchmal nicht selbst kanalisieren. Die Musik geht ihm direkt in sein Herz und seine Seele als starke, positive Energie. Er ist in einer anderen Welt. Und am nächsten Morgen unterwegs zur Arbeit ist er sehr glücklich, weil er gestern ein fantastisches Konzert gehört hat. Je mehr er das macht, desto positiver wird der Mensch. Deswegen ist Musik so wichtig. Das bedeutet nicht, dass alle Musiker werden müssen. Aber sie müssen mit Musik in Berührung kommen.

Sie wurden im Zweiten Weltkrieg in
einem Versteck geboren, während der Stalin-Diktatur hat man vor Ihren Augen Ihre Tante deportiert. Hat das Ihr Vertrauen in die Menschen erschüttert?

Hm, als Erwachsener traf mich das Regime nicht so tragisch wie Rostropowitsch oder Solschenizyn. Natürlich haben wir alle gelitten. Aber ich muss Ihnen sagen, je älter ich werde, desto mehr sehe ich: Das hat nichts zu tun mit dem System.

Warum nicht?

Überall auf der Welt gibt es Menschen, denen man vertrauen kann. Es gibt solche, denen man nur zu 20 Prozent vertrauen kann. Und dann gibt es Leute, denen man absolut nicht vertrauen kann. Deswegen kann ich nicht sagen, alles wäre faul gewesen. Es gab wunderbare Menschen, auch damals. Natürlich war es kein Paradies, es waren keine exzellenten Bedingungen. Aber für solche muss man immer kämpfen – auch heute. Und da lande ich wieder beim Gewissen und der Ehrlichkeit.

Wenn Sie heute Europa anschauen mit den nationalistischen Tendenzen: Was denken Sie?

Politik ist wohl oft schwierig und nicht immer sauber. In diesem Bereich gibt es spezielle Regeln und Beziehungen, die ich manchmal nicht verstehe. Überhaupt ist unsere Welt furchtbar kompliziert und voller Pessimismus, schauen Sie sich um: Das sollte im 21. Jahrhundert nicht mehr so sein. Die Menschheit entwickelt sich ja weiter. Wir haben Fortschritt in der Wissenschaft, Technik und Medizin. Aber die geistige Seite hat sich nicht so hoch entwickelt, wie sie sollte. Evolution ist wichtig. Wir müssen besser werden und uns nicht entschuldigen mit dem Satz: Das war immer so.

Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit den «Requiem-Strophen» von Wolfgang Rihm. KKL Luzern. Heute, Samstag, 18.30 Uhr.

Aktuelle Nachrichten