Jahresbericht? Lesebuch!

Kulturstiftung Thurgau Er passt in jede Jackentasche, er liest sich hintergründig und doch süffig, er heisst «Culture sans frontières», nicht Jahresbericht.

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Kulturstiftung Thurgau Er passt in jede Jackentasche, er liest sich hintergründig und doch süffig, er heisst «Culture sans frontières», nicht Jahresbericht. Grenzen auftun will das Heft der Thurgauer Kulturstiftung, das erneut Susanna Entress und Urs Stuber gestaltet haben, diesmal im Notizbuchformat. Die Zahlen, also Projekte, Statistik und Finanzen, haben die Gestalter hinten in einem Faltblatt versorgt.

Vorn steckt Gioia Dal Molin das Thema ab, die Beauftragte der Kulturstiftung. Ist «Culture sans frontières» – ohne Fragezeichen – Behauptung, vielleicht Vision? Das Heft, als dialogisches Lesebuch angelegt, regt an, über Grenzen aller Art nachzudenken. Mit vierzehn Kunst- und Kulturschaffenden hat sich die Journalistin Kathrin Zellweger unterhalten, das Thema von verschiedenen Seiten ausgelotet: mit Fragen wie «Sind nationale Grenzen auch kulturelle Grenzen?» oder «Haben Grenzen mit Angst zu tun?», mit Behauptungen, mit einem Zitat Charlotte Brontës.

«Kunst ist Freiheit und Freisein»

Die Fotografin Simone Kappeler bezeichnet äussere Grenzen als unüberwindbar, während wir uns die inneren Grenzen selbst auferlegen würden; als Künstlerin wolle sie Grenzen verschieben: «Kunst ist Freiheit und Freisein». Den irakischen Literaturwissenschaftler Usama Al Shahmani begleitet seit seiner Flucht eine Grundangst, während die Kulturjournalistin Bernadette Conrad sagt, Grenzen liessen sich nur weiten, wenn man sich Ängsten stelle. Othmar Eder und Heidi Schöni bezeichnen sich als neugierige Menschen, die sich nicht begrenzen lassen wollen, und Judit Villiger sagt: «Kunst lebt nur, wenn sie diskutiert wird.» Jüngere Kunstschaffende wie Benjamin Lind (1990) oder Sara Widmer (1980) heben die globale Vernetzung und den Sharing-Gedanken hervor. Über störende und notwendige Grenzen äussern sich die Mitglieder von Stiftungsrat und Stiftungsbüro. Claudia Rüegg «stören Grenzen, die Ausgrenzung meinen» und Peter Höner empfindet «allein den Begriff als Provokation», während Grenzen Irinia Ungureanu Halt geben. Die in Rumänien, Deutschland und in der Schweiz aufgewachsene Sängerin sagt: «Ohne Grenzen keine Unterschiede. Werden sie jedoch zugemacht und das Andersartige ausgeklammert, bleibt etwas stehen.» (dl)

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