Jahrelanges Hoffen hat ein gutes Ende

Grosse Freude und Überraschung hat der Literaturnobelpreis für Alice Munro bei den beiden Verlagen ausgelöst, die deutsche Ausgaben der kanadischen Autorin in ihrem Programm führen. Schon eine Viertelstunde nach Bekanntgabe der Ehrung haben alle Mitarbeiterinnen des Zürcher Dörlemann-Verlages ein Glas Sekt in der Hand. Die Gesichter strahlen.

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«Wir haben jahrelang alle Argumente gehabt, warum es klappen könnte und warum nicht», sagt Liliane Studer, Lektorin und Presseverantwortliche des Verlags. «Aber der Vorwurf, dass sie nicht politisch sei, und deshalb nicht für den Nobelpreis geeignet, der stimmt ja nicht. Munro beschreibt eben das Paar als kleinste Zelle unseres Gemeinwesens – und damit ist das Kleine doch politisch.»

«Ich bin ein ganz grosser Munro-Fan»

Hinter Liliane Studer steht Sabine Dörlemann, auch sie mit einem Glas Sekt in der Hand. Sie wird umrahmt von Journalisten und mit Fragen gelöchert, die sie selig lächelnd beantwortet. Dann muss sie das Sektglas wegstellen und die beiden frühen Erzählwerke in die Hand nehmen, die im Dörlemann-Verlag erschienen sind. «Ich bin ein ganz grosser Munro-Fan», sagt Dörlemann, aber der S. Fischer Verlag sei eben der Herausgeber der deutschsprachigen Werke. «Dann habe ich herausgefunden, dass ihre beiden ersten Erzählbände noch nicht übersetzt waren.» Daraufhin konnten sie Munros Début-Band «Tanz der seligen Geister» und ihren zweiten Erzählband «Was ich dir schon immer sagen wollte» erstmals übersetzen lassen und ins Verlagsprogramm aufnehmen. «Nein, getroffen habe ich sie leider noch nicht», sagt Dörlemann, «sie lebt so zurückgezogen in Kanada, sie gibt nur noch dort Lesungen.»
Beide Bücher sind noch lieferbar. «Tanz der seligen Geister» aus dem Jahr 1968 erschien 2010. Im Gegensatz zu späteren Erzählsammlungen, in deren Mittelpunkt Frauen mittleren Alters standen, geht es in diesem Erstling vor allem ums Erwachsenwerden. Für ihren Zweitling «Was ich dir schon immer sagen wollte» (1974) erhielt die damals 43-Jährige hohes Lob von ihrem Kollegen John Updike: Er verglich sie − als erster von vielen − mit Tschechow.

«Kammerspiele des Gefühls»

Nachdem die heute 82-Jährige jahrelang als Mitfavoritin gehandelt worden war, hatte man beim deutschen Verlag S. Fischer die Hoffnung schon aufgegeben. «Man bereitet sich immer wieder ein bisschen darauf vor und denkt, dieses Jahr wird es klappen. Dann hört man irgendwann auf zu hoffen, und dann klappt's», sagte der Programmchef für Internationale Literatur, Hans-Jürgen Balmes, auf der Frankfurter Buchmesse. Bei Fischer liegen mehrere Werke von Munro vor, unter anderem der Erzählband «Zu viel Glück» (2011). Als «Kammerspiele des Gefühls» bezeichnete Balmes Munros Erzählungen. «Geschichten, die immer in kleinen Räumen spielen, bekommen eine unheimliche Dimension.» Damit habe die zurückgezogen in ihrem kleinen Haus lebende Kanadierin Millionen Menschen in der Welt beglückt. «Mit so einem Geschenk abzutreten, ist wirklich das Allergrösste», sagte Balmes. Alice Munro habe aber schon dreimal gesagt, das sei ihr letztes Buch gewesen. «Jetzt hoffen natürlich alle, dass es auch dieses Mal nicht das letzte Buch war.»

«Das ist ja unglaublich!»

Der Preis dürfte auch Auswirkungen auf die Literaturszene ihres Heimatlandes haben. «Jetzt werden kanadische Autoren sicher mehr wahrgenommen», hofft Munro. Dass sie als 110. Preisträgerin erst die 13. Frau ist, die den Literaturnobelpreis erhält, überraschte sie: «Kann das sein? Das ist ja unglaublich! Das macht mich noch glücklicher, dass ich diesen Preis bekommen habe. Für uns als Frauen.» (vhe/sda)

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