Missbrauchsvorwürfe
Jackson-Songs nicht mehr spielen? Dann müsste man auch diese 8 Künstler verbannen

Wegen Missbrauchsvorwürfen werden die Songs von Michael Jackson aus dem Radio verbannt. Das ist falsch. Man kann Kunst geniessen, auch wenn ihre Schöpfer schlechte Menschen sind, findet unser Autor.

Raffael Schuppisser
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Die Wandmalerei in New York zeigt ein gespaltenes Gesicht von Michael Jackson – als Bub und als Mann. Weitere in Verruf geratene Künstler finden Sie in der Bildergalerie.
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Roman Polanski (*1933): Der polnische Regisseur ist «wegen unerlaubtem Sex mit einer Minderjährigen» angeklagt. In den USA droht ihm ein Verfahren.
David Bowie (1947–2016): Vom Sänger ist bekannt, dass er Sex mit zwei Minderjährigen hatte. Bowie war damals 26 Jahre alt. Zu einer Anklage kam es nicht.
R. Kelly (*1967): Der Sänger wird des schweren sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen beschuldigt. Darunter befinden sich minderjährige mutmassliche Opfer.
Paul Gauguin (1848–1903): Der Maler nahm sich 1891 eine 13-Jährige zur Freundin. Gauguin war damals 43 Jahre alt. Das Mädchen war nicht seine einzige minderjährige Geliebte.
Woody Allen (*1935): Dem Regisseur wird vorgeworfen, seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht zu haben. Er streitet die Vorwürfe ab.
Balthus (1908–2001): Der Maler steht wegen seiner zweideutigen Porträts von jungen Mädchen in Verruf. Pädophilie konnte ihm aber nie nachgewiesen werden.
Kevin Spacey (*1959): Dem Schauspieler werden zahlreiche sexuelle Übergriffe vorgeworfen. In einem Fall muss er sich nun gerichtlich verantworten.
Novalis (1772–1801): Der Dichter verliebte sich 1794 in die zwölfjährige Sophie von Kühn. Wenige Monate später verlobte er sich mit ihr.

Die Wandmalerei in New York zeigt ein gespaltenes Gesicht von Michael Jackson – als Bub und als Mann. Weitere in Verruf geratene Künstler finden Sie in der Bildergalerie.

Alamy Stock Photo

Als Erste knickt die BBC ein: Das öffentlich-rechtliche Radio des Vereinigten Königreichs kippt den King of Pop aus dem Programm, auf dem Sender BBC 2 werden keine Songs von Michael Jackson mehr gespielt. Der Grund ist ein neuer Dokumentarfilm, der Jackson als Pädophilen darstellt, der sich an kleinen Buben sexuell vergeht.

Na und? Ist man fast schon geneigt zu fragen. Die Vorwürfe sind alles andere als neu. Zu Lebzeiten wurde Jackson deswegen zweimal juristisch verfolgt. 1993 entging er einem Prozess, indem er der Familie des Belastungszeugen 22 Millionen Dollar zahlte. 2005 wurde er von einem Geschworenengericht freigesprochen. Die Beschuldigungen wurde er aber bis zu seinem Tod nicht los. Und auch der neue Dokumentarfilm «Leaving Neverland», der diese Woche im Fernsehen ausgestrahlt wurde, zementiert lediglich Vorwürfe. Beweise führt er keine ins Feld.

Wer nicht ohne moralische Fehler ist, hat keinen Platz mehr.

(Quelle: )

Dass die BBC keine Jackson-Songs mehr mag, ist Ausdruck reiner Bigotterie. In Zeiten von MeToo sind die Chefs der Kulturindustrie so sehr um ein sauberes Image bemüht, dass sie offenbar jegliches Mass verloren haben. Das zeigt auch der Fall von Kevin Spacey: Nachdem dem Oscar-Preisträger sexuelle Vergehen vorgeworfen wurden, hat ihn der Kult-Regisseur Ridley Scott kurzerhand aus seinem bereits gedrehten Film «All the Money in the World» geschnitten. Wer nicht ohne moralische Fehler ist, hat keinen Platz mehr.

Auch bei Michael Jackson ist nun der erste Stein geworfen. Nach der BBC haben auch kanadische Radiosender die Songs des Musikers aus dem Programm genommen. Und bei SRF schliesst man einen solchen Schritt nicht kategorisch aus.

Michael Jackson an einem Auftritt in Bremen 1997.

Michael Jackson an einem Auftritt in Bremen 1997.

Keystone

Die Kulturindustrie hat verlernt, zu differenzieren – und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Erstens wird nicht zwischen Straftäter und Verdächtigen unterschieden: Weder Michael Jackson noch Kevin Spacey wurden von einem Gericht verurteilt. Folglich gilt die Unschuldsvermutung. Mit ihrem Bann aus dem Unterhaltungsprogramm werden sie aber bestraft, ohne dass ihre Schuld erwiesen wäre.

Zweitens – und diese fehlende Differenzierung ist noch gravierender – wird nicht zwischen dem Künstler und seiner Kunst unterschieden. Ein Künstler kann ein schrecklicher Mensch sein und dennoch fantastische Musik komponieren, wunderbare Bilder malen oder grandiose Romane schreiben. Das Kunstwerk erhält seinen Wert nicht dadurch, dass es von einem guten Menschen gemacht wurde, sondern weil es an sich hervorragend ist. Es steht für sich allein.

Songs wie «Thriller», «Beat it» oder «Man in the Mirror» sind in den Ohren vieler Musikliebhaber und Experten Meisterstücke der Popmusik.

Seit Roland Barthes’ bahnbrechendem Aufsatz «Der Tod des Autors» aus dem Jahr 1968 wurden ganze Regale darüber vollgeschrieben, dass der Künstler und sein Werk nicht gleichzusetzen sind. Was uns ein Autor sagen will – wenn er uns denn etwas sagen will –, spielt keine Rolle; den Sinn erhält ein Werk vielmehr im Zusammenspiel zwischen Leser und Text. Wer der Autor war, braucht einen nicht zu kümmern. Diese Erkenntnis kann auch die übereifrige Säuberungsaktion der Kulturindustrie nicht einfach wegwischen.

Songs wie «Thriller», «Beat it» oder «Man in the Mirror» sind in den Ohren vieler Musikliebhaber und Experten Meisterstücke der Popmusik. Daran ändert sich nichts, auch wenn ihr Schöpfer ein Scheusal ist, das kleine Buben zum Sex verführt.

Natürlich gelten für einen Künstler die gleichen Regeln wie für jeden anderen Menschen. Sexueller Missbrauch, besonders von Minderjährigen, ist ein schlimmes Verbrechen und gehört bestraft. Dass gegen Kevin Spacey, aber auch gegen den polnischen Regisseur Roman Polanski, der wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen angeklagt ist, ermittelt wird, ist selbstverständlich richtig. Nur sollen sie sich als Menschen und nicht als Künstler rechtfertigen müssen.

Jackson erhielt 2000 den "Millenium Award" an den World Music Awards in Monaco.   

Jackson erhielt 2000 den "Millenium Award" an den World Music Awards in Monaco.   

Keystone

Wenn man mit allen Künstler verfahren würde wie mit Jackson und Spacey, verlöre die Kunst einige ihrer bedeutendsten Werke. Die Bücher von Novalis müssten aus den Bibliotheken verbannt werden. Der Dichter der Romantik verguckte sich in ein zwölfjähriges Mädchen und verlobte sich wenige Monate später mit ihr. Gleich müsste man mit dem Werk von Edgar Allen Poe verfahren, der seine 13-jährige Cousine heiratete.

Was die Maler Balthus, Egon Schiele oder Friedrich Kirchner mit den nackten Mädchen, die sie gemalt haben, noch gemacht haben, weiss man nicht – ahnt aber Böses. Vom Verhalten Pablo Picassos gegenüber Frauen ist zumindest so viel bekannt, dass er einem MeToo-Sturm auf keinen Fall standhalten würde. Sollte man ihre Bilder abhängen?

Verbrechen und moralische Vergehen sind vielfältig und zahlreich: Nicht mehr spielen dürfte man Frank Sinatra wegen seiner Beziehungen zur Mafia, den Komponisten Carlo Gesualdo aus der Spätrenaissance, der seine untreue Frau erstochen hat. Und wohl auch Richard Wagner, wegen seiner antisemitischen Schriften. Sicher aber nicht mehr David Bowie, der Sex mit Minderjährigen hatte.

Und natürlich dürften keine Woody-Allen-Filme mehr im Kino gezeigt werden, wird doch dem Regisseur vorgeworfen, seine Adoptivtochter missbraucht zu haben.

Künstler taugen nur selten als (menschliche) Vorbilder. Das gilt auch für Michael Jackson. Und so sollte man sich vielleicht fragen, ob man sein Konterfei wirklich auf dem T-Shirt tragen will. Überhaupt, ob man als ein «Fan» den Musiker vergöttern will. Seine Songs kann man aber ohne schlechtes Gewissen hören – und lieben.