Ivo Pogorelich in Zürich: Ein Pianist mit dem Mut zur absoluten Radikalität

Ivo Pogorelich sucht hinter jeder Musik die Abgründe, die fast schmerzhafte Intensität. Eigenwillig geht er hinter die Partituren, mit klanglichen und interpretatorischen Ergebnissen, die man so schnell nicht mehr vergisst. Jetzt war der Meisterpianist in der Tonhalle Maag zu Gast.

Martin Preisser
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Ivo Pogorelich in der Tonhalle Maag Zürich: Bild: Martin Preisser

Ivo Pogorelich in der Tonhalle Maag Zürich: Bild: Martin Preisser

Es ist über dreissig Jahre her, dass Ivo Pogorelich Bachs «Englische Suiten» und Ravels «Gaspard de la Nuit» aufgenommen hat. Damals schon mit einiger Kraft gegen das Normale, gegen das sich scheinbar als gültig Etablierte. Am Sonntag in der Tonhalle Maag in Zürich zeigte der heute in Lugano lebende Meisterpianist, welch weiten Weg er in der Radikalität, in der Unbedingtheit des Suchens inzwischen zurückgelegt hat.

Höhepunkt bei diesem furchtlosen Suchen war seine Deutung von Ravels drei unheimlichen Gaspard-Poemen, insbesondere des letzten, «Scarbo». Vor allem im Mittelteil dieses Stücks fängt Pogorelich an, sich jeden Ton wirklich abzuringen. Kein Klang Ravels ist einfach selbstverständlich, es ist um ihn zu kämpfen, scheint er sagen zu wollen. Nichts mehr von nur impressionistisch farbigen Klangkaskaden. Pogorelich schaut fast unbarmherzig streng hinter die Noten und findet oft Schmerz und Trauer. Dabei treibt er ein Stück wir «Scarbo» fast an den Rand des Auseinanderfallens, aber eben nur fast. Und  bei den fast unbarmherzigen Forteausbrüchen stockt einem beim Zuhören der Atem.

Sarabande als Trauerarbeit

In Bachs dritter «Englischer Suite», g-Moll, gelingt es Ivo Pogorelich wunderbar, genau die Scharniere, die Verzahnungspunkte der Ideen dieser Tänze zu finden. Sein Anschlag ist ein Anschlag, der Energiegrade hauchfein abbilden kann. Jeder Tastendruck ist von innerer Kraft und genau durchdachter Emotion. Pogorelich liefert einen Bach mit einer Eleganz der Genauigkeit, ohne dass es einfach nur dahinfliesst. Auch in den beiden Gavotten zeigt er immer wieder dieses extrem überlegte Antupfen, was diese Musik zusammenhält. Wahre Trauerarbeit leistet Pogorelich in der Sarabande. Jeden Ton meisselt er heraus, ja führt diese Musik fast in einen Zustand des Versteinerns. Und legt damit eine radikale Modernität dieser barocken Musik offen.

Einsame Zonen der Langsamkeit

Nicht nur bei Ravel wagt sich der Pianist immer wieder in die einsamen Zonen selbstgewählter Langsamkeit hinauf. Allein ist man dort oben, und man überlebt nur, wenn man diese Langsamkeit auch füllen kann. Pogorelich kann es. So gerät ein sonst einfaches Zugabe-Stück wie Chopins Prélude op. 45 zu einer hauchzarten Traumdeutung. Vor den herrlich abwärts tröpfelnden Girlanden lässt Pogorelich diese Musik fast ersterben.

Immer wieder führt er mit seiner unerbittlichen Intensität und lange so im Konzertsaal nicht gehörten Fortissimo-Klängen an die Abgründe, wagemutig, kompromisslos: So wird Chopins «Barcarole» nicht zu einer feinen Gondellied-Romantik, sondern zu einem immensen Seelendrama, einer Schicksalsmusik mit einem unheimlichen Ruder-Rhythmus, mit düsterem Sog und betroffen machender Nachwirkung.

«Ein Stück, das sich gewaschen hat»

Am wenigsten radikal geht Pogorelich mit Beethovens 11. Sonate op. 22, B-Dur, um. Auch wenn er hinter dem scheinbar eher Virtuosen dieses Stücks immer eine Tiefgründigkeit herauszuarbeiten vermag. Zur zentralen Meditation wird hier der langsame Satz, den er auch in eine völlige Ruhe hinein verebben lässt. Nichts Beiläufiges dann im Menuett mit einem sehr intensiv gedachten Trioteil. Das Schlussrondo dieser viel zu selten im Konzertsaal gespielten Sonate («Ein Stück, das sich gewaschen hat», hat es Beethoven selbst beschrieben) ist unter Pogorelichs Händen weniger ein Rondo als eine eindringliche Fantasie. Hier kündigt sich schon an, was Pogorelich mit seinem stupenden technischen Können an Eindringlichkeit, an Schmerzhaftem vor allem bei Chopin und Ravel im zweiten Zürcher Konzertteil ausgelebt hat.

Langsamkeit auch bei Rachmaninow

Wie Ivo Pogorelich die selbst gewählte neue Langsamkeit faszinierend füllen kann, zeigt auch seine Interpretation von Rachmaninows 2. Klaviersonate. Pogorelich spielt sie in seiner neuesten Einspielung rund um ein Drittel der Zeit langsamer, in rund dreissig statt früher zwanzig Minuten. Mit einer extrem packenden Intensität und Nachhaltigkeit (CD bei Sony classical).  Die Aufnahme wurde aktuell nominiert für die International Classic Music Awards 2020 in der Kategorie Solo. (map)