Italiens neue Kinoblüte

Alice Rohrwachers in Cannes preisgekrönter «Le meraviglie» und fünf weitere neue Filme belegen die gegenwärtige Vielfalt und Stärke des italienischen Kinos. Junge Stimmen, die Realismus und Poesie miteinander verbinden.

Walter Gasperi
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Szene aus «Bellas mariposas» von Salvatore Mereu. (Bild: pd)

Szene aus «Bellas mariposas» von Salvatore Mereu. (Bild: pd)

ST. GALLEN/FRAUENFELD. An den einstigen Glanz des italienischen Kinos erinnert im Kinok St. Gallen in diesem Monat nochmals der Neapel-Schwerpunkt mit Francesco Rosis meisterhaftem Politthriller «Le mani sulla città», Vittorio de Sicas «Ieri, oggi e domani» und Lina Wertmüllers «Un complicato intrigo di donne, vicoli e delitti».

Dass man sich aber nicht mehr wie in den letzten Jahrzehnten mit Wehmut an diese Kinovergangenheit erinnern muss, sondern gespannt und neugierig in die Zukunft blicken darf, zeichnete sich schon in den letzten Jahren mit Matteo Garrones «Gomorra», Paolo Sorrentinos Oscar-gekröntem «La grande bellezza» oder jüngst mit Paolo Virzis fulminantem Gesellschaftsdrama «Il capitale umano» ab.

Rohrwachers Wunderwerk

Mit Alice Rohrwachers («Corpo celeste») in Cannes mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichneten «Le meraviglie» kommt nun ein weiteres filmisches Wunderwerk von der Apenninenhalbinsel in die Kinos. Aus der Perspektive der 12jährigen Gelsomina, deren Name ganz gezielt an die Protagonistin von Fellinis «La strada» erinnern soll, erzählt Rohrwacher von einem deutschen Aussteiger, der Mitte der 80er-Jahre mit seiner Familie abseits der modernen Welt in der Toscana Bienen züchtet. Unruhe kommt in dieses ursprüngliche Leben durch Gelsominas langsame Abnabelung von ihrem Vater und durch eine TV-Show, die in der Nähe gedreht wird.

In faszinierender Mischung von genauem dokumentarischem Blick auf den bäuerlichen Alltag und magisch-märchenhaften Momenten knüpft Rohrwacher in ihrem von eigenen Kindheitserfahrungen beeinflussten zweiten Spielfilm einerseits an den italienischen Neorealismus an und übt gleichzeitig bissige Medienkritik.

Sardischer Teenagerblick

Ebenfalls aus der Perspektive eines Teenagers erzählt Salvatore Mereu «Bellas Mariposas», den wie in den letzten Jahren Cinelibre in Zusammenarbeit mit Made in Italy zusammen mit vier weiteren Filmen unter dem Titel «Cinema Italiano» in die Schweizer Kinos bringt. Mereu wirft den Zuschauer förmlich in eine triste Vorstadt der sardischen Hauptstadt Cagliari hinein, in der die von Sara Podda ebenso natürlich wie kraftvoll gespielte Caterina mit ihrer dysfunktionalen Familie lebt. Keine Distanz kennt diese Teenagergeschichte, ist mit agiler Handkamera hautnah an der Protagonistin, lässt sie mit Voice-over durch die Handlung führen und direkt die Zuschauer ansprechen; und wie bei Alice Rohrwacher vermischen sich Realismus und Traumsequenzen.

Kampf um Wohnungen

Rolando Ravello wiederum erzählt in «Tutti contro tutti» die auf einem wahren Fall beruhende Geschichte einer römischen Familie, deren Sozialwohnung in ihrer Abwesenheit von einer anderen Familie besetzt wird. In gekonnter Balance zwischen Drama und Komödie und mit empathischem Blick auf die Familie deckt Ravello nicht nur Wohnungsnot und Ausländerfeindlichkeit, sondern auch die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich und das Fehlen jeglicher Solidarität auf.

In Matteo Garrones «Reality» dagegen glaubt ein neapolitanischer Fischverkäufer nach einem Casting für die Reality-Show «Big Brother» permanent von Vertretern des Senders überwacht zu werden. Ohne in der Show zu sein, sitzt er so quasi im realen Leben im TV-Container.

Reich an grandiosen Momenten ist diese moderne Version von Luchino Viscontis «Bellissima»; sie besticht durch atmosphärisch dichte Schilderung der Welt der kleinen Leute und an Federico Fellini erinnernde schräge Typen; «Reality» leidet aber an einer vorhersehbaren Geschichte.

Die Macht der Camorra

Im Gegensatz zur barocken Inszenierung Garrones setzt Leonardo Di Costanzo in seinem 2012 in Venedig mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichneten Spielfilmdébut «L'intervallo» auf ruhige Beobachtung. Die Handlung beschränkt sich auf einen Tag und ein weitläufiges ehemaliges Schulgebäude, in dem der 15jährige Salvatore im Auftrag der Camorra ein etwa gleich altes Mädchen bewachen muss. Langsam kommen sich die Teenager in diesem Kammerspiel näher, träumen von einem befreiten Leben und einer neuen Zukunft, bis das Eintreffen der Gangster sie wieder in den Alltag zurückwirft.

Anders als diese starken jungen Stimmen des italienischen Kinos kann Giuseppe Piccioni mit «Il rosso e il blu» trotz starker Darsteller nicht an seinen Oscar nominierten «Fuori dal mondo» anknüpfen: Zu unschlüssig pendelt die Schulgeschichte zwischen Drama und Komödie und mehreren Handlungssträngen, zu klischeehaft ist die Figurenzeichnung.

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