Italianità am Puls der Zeit

Von einer Hommage an Federico Fellini bis zu engagierten Kampfansagen an Wirtschaftskrise und Mafia spannt sich der Bogen der Auswahl der «Cinema Italiano»-Reihe, die in Frauenfeld, St. Gallen und in Heiden zu sehen ist.

Walter Gasperi
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Packendes moralisches Dilemma: Szene aus «I nostri ragazzi», zu sehen in der italienischen Filmreihe. (Bild: pd)

Packendes moralisches Dilemma: Szene aus «I nostri ragazzi», zu sehen in der italienischen Filmreihe. (Bild: pd)

Während die Starregisseure des aktuellen italienischen Kinos Paolo Sorrentino und Matteo Garrone inzwischen vielfach international arbeiten, auf Englisch drehen und universelle Themen wie Altern und Vergänglichkeit behandeln (Sorrentino mit «Youth») oder bildmächtig Märchen adaptieren (Garrone mit «Il racconto dei racconti»), liegt der Focus der im Rahmen von «Cinema Italiano» gezeigten Filme ganz auf der Apenninenhalbinsel.

«Pinocchio des Kinos»

Die grosse Zeit des italienischen Kinos und einen seiner Meister ruft der 84jährige Ettore Scola in seinem Dokumentarfilm «Che strano chiamarsi Federico» in Erinnerung. In einer feinfühligen Mischung aus nachgestellten Szenen, Filmausschnitten, alten Fotos und Karikaturen zeichnet Scola weniger das Leben Federico Fellinis nach als vielmehr seine Beziehung zu diesem «grössten Pinocchio des italienischen Films», vergisst dabei aber auch nicht auf typisch fellineske Momente.

Sich nicht unterkriegen lassen

Auf das heutige Italien und seine Probleme blicken dagegen die vier Spielfilme, die der Verein Cinélibre in Zusammenarbeit mit dem Verein Made in Italy in die Deutschschweizer Kinos bringt. Mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen hat sowohl der Neurobiologe Pietro in Sydney Sibilias Spielfilmdebüt «Smetto quando voglio» als auch vier Frauen in Edoardo Winspeares «In grazia di Dio», doch unterkriegen lassen sich weder der eine noch die anderen.

So reagiert Sibilias Protagonist ganz im Stile eines Heist-Movies à la «Ocean's Eleven» auf seine Arbeitslosigkeit, nützt seine wissenschaftliche Ausbildung, um Designerdrogen zu produzieren, und rekrutiert ein Team von ebenfalls arbeitslosen Akademikern, um den Stoff zu vertreiben. In der rasanten Erzählweise zeigt diese Komödie der Krise die lange Nase, verbreitet trotz prekärer Situation nicht Depression, sondern macht Mut.

Solidarität der Frauen

Die Krise freilich hat nicht nur Rom erfasst, sondern auch das ländliche Italien. Da mag das sonnendurchflutete süditalienische Salento in Edoardo Winspeares «In grazia di Dio» noch so idyllisch wirken, die Textilfabrik, die Adele zusammen mit ihrem Bruder Vito führt, kann mit der Konkurrenz aus Ostasien einfach nicht mithalten und muss geschlossen werden. Doch auch hier verfällt die Protagonistin nicht in Depression, vielmehr erweist sich der Rückzug aufs elterliche Landgut als heilsam für Adele, ihre schwangere Tochter, Adeles Schwester und ihre Mutter.

So wird dieser trocken und nüchtern inszenierte Film nach bedrückendem Beginn zunehmend leichter und heller, verbreitet Hoffnung und besticht in der Zeichnung der vier unterschiedlichen Frauen aus drei Generationen und der Schilderung ihrer wachsenden Solidarität, die sie die äussere Krise meistern lässt.

Ungewöhnlicher Mafiafilm

Auch in Fernando Muracas in Kalabrien spielendem «La terra dei santi» stehen Frauen im Mittelpunkt, allerdings auf gegensätzlichen Seiten. Kompromisslos und dicht entwickelt der Debütant in diesem stark gespielten Drama die Konfrontation von Caterina, die für ihren untergetauchten Mann die Fäden der 'Ndrangheta zieht, einer Richterin, die entschlossen gegen diese Mafiaorganisation ermittelt, und Caterinas Schwester, die sich zunehmend dem Zugriff ihrer Mafiafamilie entzieht.

Moralisches Dilemma

Packend von einem moralischen Dilemma, aber auch von einer zunehmenden Verrohung und Gewaltbereitschaft von Jugendlichen erzählt schliesslich Ivano De Matteo in «I nostri ragazzi». Konstruiert mag die Ausgangssituation sein: dem einen Kinderarzt, der scheinbar der «Gutmensch» schlechthin ist, wird idealtypisch als Bruder ein Anwalt gegenübergestellt, für den die Karriere und materieller Besitz wesentlich zu sein scheinen.

Dennoch entwickelt das Drama gerade aus dieser Gegenüberstellung seine Kraft, als dann die Tochter des Anwalts und der Sohn des Arztes ein Verbrechen begehen. Und die Eltern sich vor die Frage gestellt sehen, ihre Kinder anzuzeigen – oder die Tat zu vertuschen.

Filme aus der Reihe «Cinema Italiano» laufen im Kinok St. Gallen, im Cinema Luna Frauenfeld und im Rosental Heiden.