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Ist der fliegende Holländer schwul?

Schwule haben eine besondere Beziehung zum Musiktheater – deswegen wollen drei passionierte Operngänger den weltweit ersten schwulen Opernführer herausgeben.
Julia Nehmiz
Initianten des Opernführers, die Herausgeber Rainer Falk (von links), Sven Limbeck und Jim Baker. (Bild: Screenshot Querverlag Berlin)

Initianten des Opernführers, die Herausgeber Rainer Falk (von links), Sven Limbeck und Jim Baker. (Bild: Screenshot Querverlag Berlin)

Oper ist eine abstrakte Kunstform. «Letzter Akt: Man singt. Sie ist bettelarm und am Sterben. Man singt. Sie hat nur noch wenige Stunden zu leben. Man singt. Da kommt er. Man singt. Umsonst. Man singt. Sie stirbt. Vorhang. Applaus», so beschrieb Manni Matter 1961 einen Besuch von «La Traviata». Für passionierte Operngänger ist Oper die höchste Bühnenkunst, die alles vereint: Musik, Sprache, übergrosse Emotionen fügen sich zu einem berührenden Gesamtkunstwerk.

Rainer Falk ist so ein passionierter Operngänger. Der 46-jährige Literaturwissenschafter bringt es auf 70 Opernbesuche pro Jahr. Und er hat festgestellt: Im Publikum sitzen viele Schwule – wie er selbst. Für Falk ist klar: Oper ist eine von überdurchschnittlich vielen Schwulen bevorzugte Kunstform. Das Divenhafte, Artifizielle – singen, wo im realen Leben ganz anders kommuniziert wird –, die übergrossen Gefühle, das übergrosse Leid, das spreche vielleicht Schwule besonders an.

Weltweit erster schwuler Opernführer

Deswegen arbeiten Falk, Mitherausgeber Sven Limbeck und der Querverlag Berlin am weltweit ersten schwulen Opernführer. Im September wird «Casta Diva» erscheinen. Rund 100 Komponisten und 150 Werke werden beschrieben. Und nein, sagt Falk, der herkömmliche Reclam-Opernführer tue es nicht. Er, Limbeck und die 32 Mitautorinnen und -autoren haben Oper auf schwule Aspekte hin untersucht.

Die Idee dazu hat Rainer Falk schon lange mit sich herumgetragen, «sicher zehn Jahre», sagt er. Im Gespräch mit Sven Limbeck, auch er ein passionierter Operngänger, seien sie darauf gekommen. «Wir dachten, so etwas müsse es doch geben», sagt Falk. «Wenn nicht auf Deutsch, dann halt auf Englisch.»

Falk suchte, und wunderte sich: So viele schwule Opernbesucher, und kein schwuler Opernführer? Wobei: Warum braucht es das überhaupt? «Es gibt nicht nur die eine Zugangsweise zu einer Oper», sagt Rainer Falk.

Klar, Libretti sind geduldig, da lässt sich noch viel hineininterpretieren. Falk widerspricht nicht, stellt aber klar: «Wir behaupten nicht, die endgültige Interpretation zu liefern. Unser Buch ist ein Angebot, schwule Aspekte in den Werken zu finden.»

Opern von schwulen Komponisten oder Librettisten. Opern, die schwule Geschichten erzählen. Opern, in denen Männer sich als Frauen verkleiden, in die sich dann Männer verlieben.

Der Querverlag war sofort von dem Konzept angetan. Falk holte weitere Autoren ins Boot: «Wir wollten eine Vielzahl an Stimmen.» Die Autorinnen und Autoren sind Musikwissenschafterinnen, Hobby-Operngänger, Dramaturginnen oder Journalisten. «Alle verbindet die Leidenschaft für die Oper und der spezielle Blick», sagt Falk. Und nein, die Autoren seien nicht alle homosexuell, sagt er, und lacht herzlich durchs Telefon.

Auseinandersetzung mit sexueller Identität

Einer der Autoren ist Axel Krämer. Auch er ein passionierter Operngänger. Krämer, 52, Heilpraktiker in Berlin, hat sogar eine Stiftung gegründet, die Jugendlichen, Kindern oder Migranten Opernbesuche ermöglicht. Er sehe den Opernführer nicht speziell für ein homosexuelles Publikum. «Es geht um die Auseinandersetzung mit sexueller Identität.» Und um Aneignung, um Kunstbetrachtung.

20 Beiträge hat er für den Opernführer geschrieben, und ist bei der Recherche auf viel Neues gestossen. «Homosexualität hat trotz Tabuisierung ihre Wege gefunden, sich in verschlüsselter Form zu zeigen – man muss nur genau hinsehen und hören», sagt Krämer.

Wie in Wagners «Fliegendem Holländer». Der suche eine Frau nur für eine Scheinheirat, um von dem, was er als Fluch empfinde, erlöst zu werden.

«Eine erotische und leidenschaftliche Beziehung zu seiner Auserwählten gibt das Libretto beim besten Willen kaum her.»

Der Fliegende Holländer versuche, seine Homosexualität zu bekämpfen, weil sie von der Gesellschaft nicht toleriert werde.

Crowdfunding für einen hochwertigen Druck

Ob bei dieser Lesart die Wagnerianer nicht Sturm laufen? «Wir haben ja keine Regieanweisungen geschrieben», sagt Krämer. Natürlich sei die Lesart subjektiv. Doch sie könne ganz neue Zugänge gewähren. Wie in «La Traviata» von Verdi. Violetta verkörpere eine sexuelle Aussenseiterin, also einen Typus Frau, mit dem sich schwule Männer seit je gerne identifiziert haben, sagt Krämer. Zudem leide Violetta an einer unheilbaren Krankheit.

«Damit hat sie eine ganze Generation schwuler Männer, für die HIV und Aids bis in die späten Neunzigerjahre eine Bedrohung war, besonders angesprochen.»

Ansprechen wollen die Initianten aber zuerst Gönnerinnen und Gönner. Das Nachschlagwerg erscheint im September, aber nur in einfacher Form: Paperback, schwarz-weiss-Fotos. Um eine hochwertigere Ausgabe mit Farbdruck zu finanzieren, haben sie ein Crowdfunding gestartet.

Über die Hälfte der benötigten 11'000 Euro haben sie schon gesammelt. Und hoffen, dass viele Opernfans, ob hetero- oder homosexuell, diesen besonderen Opernführer unterstützen. Homosexualität soll auch in der Musikgeschichte sichtbar werden.

Das Crowdfunding für «Casta Diva - Der schwule Opernführer» auf Startnext läuft noch bis 30.Juni 2019.

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