Ist der Film «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes» ein authentisches Porträt oder ein unsägliches Stereotyp?

Die Dokufiction erzählt die Geschichte des Basler Umweltschützers Bruno Manser und eröffnet das Zurich Film Festival. Doch im Zentrum des Filmes steht ein grosses Fragezeichen.

Dario Pollice
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 Sven Schelker speilt Bruno Manser (Mitte) im Film «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes».

 Sven Schelker speilt Bruno Manser (Mitte) im Film «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes».

Mitte der 1980er Jahre bringt eine Gruppe von indigenen Regenwaldbewohnern ihren Schweizer Weggefährten auf eine Erhöhung, von wo aus man ein Tal überblicken kann. Einst wuchs hier eine üppige und vielfältige Vegetation, soweit das Auge reichte. Nun sieht man nur noch eine braune Brache mit toten Baumstümpfen und Abgas speienden Baggern. Es ist eine der bildstärksten Szenen in «Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes», der ersten fiktiven Filmbiografie über den Schweizer Umweltaktivisten Bruno Manser (siehe Box). Das Ausmass der Abholzung in Borneo führte beim Basler zur Erkenntnis, nicht tatenlos der Zerstörung zu zu sehen, sondern für den Erhalt des Tropenwaldes zu kämpfen.

Die Koproduktion von SRF und Teleclub zeichnet das Leben von Bruno Manser (Sven Schelker) nach und setzt im Jahr 1984 an, als er als 30-jähriger erstmals in den malaysischen Bundesstaat Sarawak reiste, um «ein Volk kennen zu lernen, das autark und ohne Geld in seiner frei gewachsenen Kultur lebt». Im Nordwesten der Insel Borneo fand er, wonach er suchte: Das indigene Nomadenvolk der Penan. Sie ernähren sich von der Jagd mit Blasrohren, dem Fischen und dem Sammeln von Früchten und Pflanzen. Das Film-Biopic zeigt, wie sich der Schweizer schrittweise mit den Penan anfreundet und ihre Kultur und Sprache erlernt, bis er ein Teil ihrer Gemeinschaft wird. Wir sehen, wie sich Manser vom romantischen Aussteiger zum international bekannten Verfechter des Regenwaldschutzes und der Rechte der indigenen Waldbevölkerungen wandelt.

Die Bedrohung des Regenwaldes ist aktueller denn je

Fast zwanzig Jahre nach dem Verschwinden von Bruno Manser ist die Gefährdung des Regenwaldes in Borneo immer noch ein hochaktuell. Zurzeit tobt ein juristischer Streit zwischen dem Bruno-Manser-Fonds (BMF) und der kanadischen Immobilienfirma Sakto Corporation. Der BMF wirft seit bald zehn Jahren vor, Sakto habe sich mit Geldwäsche an der Abholzung des Regenwalds in Malaysia bereichert. Daraufhin reichte Sakto 2018 eine Zivilklage in Basel ein mit dem Ziel, über 250 Publikationen des BMF zu entfernen. Anfang dieses Jahres erreichte der BMF vor Gericht einen ersten Etappensieg. Sakto gehört der Tochter von Taib Mahmud, der dreissig Jahre lang den Teilstaat Serawak regierte und sich mit der grossflächigen Abholzung des Regenwaldes bereicherte. Das Vermögen der Taib-Familie wird auf fünfzehn Milliarden US-Dollar geschätzt.

Bruno Manser 1954 - 2005

Bruno Manser wurde in Basel geboren und arbeitete nach der Matura mehrere Jahre auf Schweizer Alpen. Ab 1984 lebte er sechs Jahre lang mit den indigenen Penan im Regenwald von Malaysia. Aus erster Hand erlebte er, wie Holzkonzerne die Lebensgrundlage der indigenen Völker zerstörten. Manser machte die Medien auf die Situation aufmerksam und organisierte mit den Penan friedliche Strassenblockaden. 1990 floh er in die Schweiz, weil ihn die malaysischen Behörden zur unerwünschten Person erklärten. Mit dem Bruno Manser Fonds (BMF) engagierte er sich fortan für den Schutz des Regenwaldes und der Indigenen, hält Vorträge und veranstaltet Proteste. Trotz Einreiseverbot reist er am 22. Mai 2000 nach Borneo. Am 25. Mai 2000 verliert sich seine Spur, diverse Suchaktionen bleiben erfolglos. Am 10. März 2005 wird Manser amtlich für verschollen erklärt. Bis heute ist unklar, was mit ihm geschehen ist.

Nicht nur in Borneo sind Regenwälder in Gefahr, sondern weltweit. Vor unserem Auge tauchen immer noch die Bilder des brennenden Amazonas in Brasilien auf, die auf die massive Abholzung der rechtsextremen Regierung von Jair Bolsonaro zurückgehen. Gemäss der Umweltschutzorganisation WWF verschwinden jedes Jahr Wälder in einer Grössenordnung, die der Fläche Griechenlands entsprechen. Dabei sind Regenwälder ein unverzichtbarer Schatz. Sie beherbergen mehr als 50 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten weltweit, regulieren das Klima, bewahren den Boden vor Erosion und sind riesige Quellen für Heilpflanzen und Nahrungsmittel.

Mit sechs Millionen Franken ist «Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes» einer der teuersten Schweizer Filme

«Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes» ist mit sechs Millionen Franken einer der teuersten und aufwändigsten Schweizer Filme. Regisseur Niklaus Hilber («Amateur Teens») und seine 108-köpfige Crew weilten für den Dreh dreizehn Wochen im Urwald auf der indonesischen Seite von Borneo. Die hohe Luftfeuchtigkeit, Hochwasser und Stürme erschwerten die Drehbedingungen. Für die Rolle bereitete sich der Hauptdarsteller Sven Schelker mit längeren Aufenthalten vor und lernte Penan. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Der Film besticht mit atemberaubenden Bildern vom Regenwald. Luftaufnahmen von nebelverhangenen Tälern und Bäumen, in goldenes Abendlicht getaucht, bringen die Schönheit dieses natürlichen Schatzes zur Geltung. Diese Bilder zeigen uns zwar einen etwas verklärten Blick auf den Regenwald als einer Art Garten Eden; aber wenn sie beim Kinopublikum zu einer Sensibilisierung für den Schutz des Regenwaldes führen, dann haben sie ihr Ziel erreicht.

Filmbiografien begeben sich immer auf tückisches Terrain. Einerseits erheben sie Anspruch auf Authentizität, andererseits wollen sie ein möglichst grosses Kinopublikum erreichen und unterhalten. Diese beiden Aspekte zu vereinen, ist eine Herausforderung für die ganze Filmcrew. Vor allem, wenn Filme Persönlichkeiten abbilden, denen etwas Mythisches anhaftet wie Bruno Manser. Der Hauptdarsteller Sven Schelker macht seine Arbeit sehr gut; er verinnerlicht mit Leichtigkeit das Wesen des Umweltschützers und verleiht der Figur dennoch eigene Facetten. Wer die vorherigen Werke des gebürtigen Baslers kannte, wird nicht überrascht sein. In «Der Kreis» (2015) überzeugte er als Travestiekünstlers Röbi Rapp und erhielt den Schweizer Filmpreis. Daraufhin spielte er in einer Nebenrolle in der erfolgreichen US-Serie «Homeland» mit und wurde für den Spielfilm «Goliath» (2018) erneut für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Nebst Schelker muss man insbesondere Nick Kelesau hervorheben, der den Penan-Häuptling Along Sega mimt. Im Film ist Sega eine Art Vaterfigur, der Manser unter seine Fittiche nimmt. Dass Kelesau bisher keinerlei Schauspielerfahrung hatte, hebt seine herzerwärmende Darstellung nur noch mehr hervor.

Doch noch dem Klischee des weissen Retters erlegen

«Bruno Manser» umschifft grösstenteils Fallen, in die Filmbiografien oft hineintappen. Einiges ist hinzugedichtet, etwa eine Liebesbeziehung zwischen Manser und einer Penan-Frau, aber schliesslich darf sich ein Werk auch künstlerische Freiheiten erlauben. Doch dann sagt der Penan-Häuptling Along Sega gegen Ende des Filmes aus dem Off folgenden Satz: «Bruno hat uns eine Stimme gegeben und uns geholfen zu verstehen, wer wir sind.» Man glaubt sich verhört zu haben. Mit diesem Satz bedient Niklaus Hilbers Film dasselbe unsägliche Stereotyp des «white saviour», also des weissen Retters, wie schon zuvor «Lawrence von Arabien» (1962), «Der mit dem Wolf tanzt» (1990), oder der letztjährige Oscargewinner «Green Book» (2018). All diesen Filmen ist gemein, dass eine weisse Hauptfigur nicht-weisse Menschen aus ihrer Notlage und rettet und während dieses Prozesses zu sich selbst findet. «Bruno Manser» vermittelt so das Bild des weissen Retters, der den Indigenen hilft, ihre eigene Kultur zu verstehen. Als ob die Penan Nachhilfestunden über ihre eigene Kultur nötig hätten.

Während die Credits über die Leinwand häufen sich im Kopf des Zuschauers die Fragen: Kann ein Satz fast zweieinhalb Stunden Film zunichte machen? Kann man über das Problem hinwegsehen, zugunsten der offensichtlich guten Intentionen der Filmemacher und der Message für einen stärkeren Umweltschutz? Was hätte Bruno Manser dazu gesagt? Fragen, die jeder Zuschauer und jede Zuschauerin selber für sich beantworten muss.

«Bruno Manser - Die Stimme des Regenwaldes» (Regie: Niklaus Hilber) eröffnet das 15. Zurich Film Festival. Das Festival  dauert bis 6. Oktober.