Ist das wirklich Fiktion? Peter Handkes Versteckspiel fliegt zu leicht auf

Peter Handke veröffentlicht sein erstes Buch nach dem Literaturnobelpreis. «Das zweite Schwert» ist eine verkorkste Rachefantasie.

Hansruedi Kugler
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Nobelpreisträger Peter Handke.

Nobelpreisträger Peter Handke.

Bild: key

Mordfantasien mögen guter literarischer Stoff sein. Hass lässt sich nun mal nicht leicht besänftigen, Wehrlosigkeit ist schwierig zu ertragen. Peter Handke ist aber kein Krimiautor. Rumgeballert wird auf den 160 Seiten von «Das zweite Schwert» nicht – auch weil sein Erzähler ein introvertierter Zauderer und das Gegenteil eines ruppigen Tatmenschen ist. Aber Rache will dieser trotzdem. Nicht für sich. Aber eigenhändig oder durch einen angeheuerten Mörder will er seine «heilige» Mutter rächen. Sie sei von einer Journalistin in einer Zeitung als Hitlerverehrerin verunglimpft worden, perfiderweise auch mit einer Fotomontage. Ausgerechnet sie, die zwei Brüder im Russlandfeldzug verloren hatte. Unmöglich, diesen Racheengel nicht mit Peter Handke gleichzusetzen. Sein Haus bei Paris, seine Biografie, seine ziselierte Sprachverliebtheit, sein Spazieren, sein akribisches Notieren. Alles typisch Handke.

Schwer fällt auch, in der Mutter nicht ein literarisches Ersatzopfer zu sehen für Handke selbst. Er, der Literaturnobelpreisträger 2019, von vielen Medien heftig kritisierte, auf Fragen zu seiner Serbien-Verteidigung während der Balkankriege äusserst gereizt reagierende Schriftsteller. Das literarische Versteckspiel ist zu leicht durchschaubar. Handke hat das Buch zwar ein halbes Jahr vor dem Nobelpreis geschrieben. Man liest dieses Buch trotzdem unweigerlich als Kommentar auf sein eigenes Verhältnis zu den Medien:

«Als den Gipfel der Gewalttätigkeit sah ich … die Schriftsprache, verkürzt gesagt, der Zeitungen»

, denkt sein Erzähler. Das sind schlechte Voraussetzungen für eine eigenständige Geschichte. Und wenn der Erzähler ständig von der «heiligen» Mutter redet und Handke im Romanmotto Jesu Rede an seine Jünger beim letzten Abendmahl mit der Vorahnung des Verrats zitiert, dabei den auf Jesus gemünzten Satz «Er wurde unter die Verbrecher gerechnet» auslässt, dann schwingt sich dieses Buch selbst in riskante, heilige Höhen.

Immerzu lässt er sich gerne vom Racheplan ablenken

Die Figur des wehrlos Hassenden ist jedoch feinsinnig beobachtet: Sein Zaudern, vor allem aber die ihm ständig willkommenen Ablenkungen vom grässlichen Mordplan. Die findet er in der Natur, bei den Tieren und in unbefangener Nachbarschaft. «Nichts mehr würde meine Ortsansässigkeit in Frage stellen.» Dass Handke hier sein Wohnquartier allmählich zu einem Milieu-Bild zusammenfügt, liest man sehr gerne. Dank der Kumpels in seiner Lieblingsbar scheint sein Erzähler auch kein einsamer Sonderling zu sein.

Dieser Erzähler hält nun auf seinem «Rachefeldzug» an jeder Ecke, beobachtet lieber Schmetterlinge, als zielstrebig eine Pistole zu besorgen, taxiert Mitreisende im Tram und begegnet in einer Klosterruine einem Richter, der die Rechthaberei als Seuche verdammt. Humor sucht man vergeblich: Ein Anflug von Kaltblütigkeit verursacht ihm «Herzweh», das Nichtverschliessen der Haustür deutet auf seine Arglosigkeit. Das Aufscheinen der seelischen Verfassung seiner Figuren durch die Spiegelung äusseren Geschehens ist eines jener literarischen Mittel, die Peter Handke auch in dieser Geschichte einsetzt. Da wird wenig psychologisiert.

Der Erzähler gibt sein poetisches Verfahren wie ein Rezeptbuch dem Leser in die Hand:

«Etwas, ohne ein Zutun, gewahr zu werden, ..., und mit dem Bild wegzudriften in einen Wachtraum so wach, wie ich von nichts Wacherem sonst weiss.»

Das führt dann gelegentlich zu plumpen Spiegelungen. Da sitzt etwa ein einsamer Kerl genau unter einem Ast, von dem Vögel gerne ihren Kot lassen – und ist stolz, wenn der Kot auf seinem Kopf, Knie oder seiner Hand landet. Analog zum Zeitungsschmutz, masochistisch variiert.

Man liest besser nochmals sein «Wunschloses Unglück»

Die Selbstbezüglichkeit der Handke- Erzähler war in früheren Büchern als Seelenerkundung gelegentlich ein fabelhaftes Welt- und Spracherkundungserlebnis. In seinem neuen Buch ist diese Nabelschau ärgerlich. Denn über seine Mutter, die nach Jahren der Depressionen mit 51 Jahren 1971 Selbstmord verübt hatte, hat Handke 1972 eine erschütternde, klarsichtige und zornige Erzählung geschrieben. «Wunschloses Unglück» hiess das Buch, in welchem er das Verkümmern seiner Mutter in der Kriegs- und Nachkriegszeit mit karger und doch unglaublich kraftvoller Sprache festgehalten hat. Das Individuelle und gleichzeitig Exemplarische dieses gebrochenen Frauenlebens brachte dem Buch zu Recht den Status eines Klassikers ein.

Dass die Mutter als literarisches Ersatzopfer dient, wird in «Das zweite Schwert» bald klar. Sie kommt auch nur am Rande vor. Im Mittelpunkt steht der in ausschweifenden Gedanken und Beobachtungen vertiefte Sohn. Es ist letztlich eine kraftlose Prosa, die zudem oft im Ressentiment landet. Frauen kommen vor allem als Figuren mit krasser narzisstischer Störung vor. Und die am Ende den Konflikt des Erzählers auflösende Küchenpsychologie – statt Ehrenmord zu begehen, verbanne man das Gehasste am besten aus seiner Lebensgeschichte – mag sympathisch sein, ist aber auch keine umwerfende Einsicht.

Peter Handke
«Das zweite Schwert» Eine Maigeschichte
Suhrkamp
160 S.

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