ISLAND: Musikgewordene Magie

Asgeir Trausti war gerade zwanzig Jahre alt, als sein Débutalbum sein Leben auf den Kopf stellte. Nach langen Mühen hat er sich nun einen zweiten Wurf abgerungen: «Afterglow».

Hanspeter Künzler
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Statt Speerwerfer ist er Musiker geworden: Isländer Asgeir Trausti. (Bild: PD)

Statt Speerwerfer ist er Musiker geworden: Isländer Asgeir Trausti. (Bild: PD)

Hanspeter Künzler

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@tagblatt.ch

Jeder elfte Isländer soll im Besitz der isländischen Urversion von Asgeir Traustis erstem Album sein: 30000 Exemplare wurden davon verkauft, dabei zählt Island bloss 330000 Einwohner. Nicht einmal Björk und Sigur Ros konnten sich eines solchen In­stanterfolges erfreuen. Im Januar 2014 erschien das Werk dann auch noch in einer englischen Version. Die Tatsache, dass der gerade überall gefeierte, in Island lebende amerikanische Singer/Songwriter John Grant bei der Übersetzung der Texte mitgeholfen hatte, wirkte als Qualitäts- und Erfolgsgarantie.

Inzwischen braust Asgeir im Porsche auf seiner Heimatinsel herum. Schnelle Räder machten die Arbeit am Nachfolgewerk nicht leichter. «Das erste Album entstand, als ich noch zur Schule ging», erklärt Asgeir auf Besuch in London zum Tee in einem coolen Café in Bethnal Green. «Jetzt war ich plötzlich ein professioneller Musiker.» Niemand habe ihm eine Deadline gegeben. Das Studio stand ihm so lange zur Verfügung, wie er wollte. «Zehn Stunden lang ununterbrochen in diesen vier Wänden, zehn Stunden lang Einfälle erzwingen, Tag für Tag. Da wird man unweigerlich leicht verrückt.» 300 Lieder hatte er auf diese Weise aus seiner Muse gepresst, fünfzig davon aufgenommen. Dann brannten die Sicherungen durch. «Oder so ähnlich …»

Spukhaft schimmernde Chorgesänge

Was genau geschehen musste, um ihm den Anstoss zu geben, die meisten Songs über Bord zu werfen, neu anzufangen und sich endlich auch eine Deadline zu geben, darüber will Asgeir schweigen. So oder so ist mit «Afterglow» ein Album entstanden, das dem Erstling in puncto spukhaft schimmernder Chorgesänge und träumerischer Melodik in nichts nachsteht, auch wenn diesmal deutlich mehr Elektronik zur Anwendung gelangte. Asgeirs Erscheinung entspricht nicht un­bedingt der Vorstellung, die man sich von einem Komponisten stiller, ja romantischer Lieder machen könnte, dessen Texte unter anderem von einsamen Singvögeln, blauen Bergen und mythischen Drachen handeln. Mit seinem Bürstenschnitt, den breiten Schultern sowie allerhand Tätowierungen – darunter das Cover der Nirvana-LP «In Utero» – würde man in ihm eher einen Naturfreund mit Extremsportneigungen vermuten. Tatsächlich hatte Asgeir als Teenager eine grosse Zukunft als Speerwerfer vor Augen. Im Sommer wolle er sich vermehrt wieder dem Sport widmen: «Früher war der Sport die Hauptsache, die Musik der Ausgleich, bei dem es nur um den Spass ging. Heute liegen die Dinge umgekehrt. Wobei ich den Ausgleich arg vernachlässigt habe.»

So wie alle anderen isländischen Kinder auch, konnte und wollte Asgeir der Musik nicht ausweichen. Jeder Dreikäsehoch werde angehalten, an der Schule ein Instrument spielen zu lernen. Der Erfolg von Bands wie Björk, Gus Gus oder Sigur Ros wirkt als Ansporn: «Wir geben uns grosse Mühe, eine eigene Stimme zu finden», sagt Asgeir. «Denn das Beispiel dieser Bands hat uns gezeigt, dass man mit Musik, die anders klingt als der Rest, auch im Ausland auffällt und Erfolg haben kann. Trends sind bei uns weniger wichtig als etwa in London. Wir sind freier.»

Die Texte stammen vom 75-jährigen Vater

Aussergewöhnlich an der Musik von Asgeir Trausti ist nicht nur die nebelhafte Melodik, sondern auch die Tatsache, dass die Texte im isländischen Original zumeist aus der Feder seines 75 Jahre alten Vaters stammen, dem Dichter Einar Georg Einarsson. Einen Generationenkonflikt gab es offenbar nie: «Wir streiten uns nie», berichtet der Sohn, «wenn wir anderer Meinung sind, hören wir auf, darüber zu reden und ­vergessen es.» Offenbar verwendet sein Vater gern altertümliche Worte, die im isländischen Alltag nicht mehr gebraucht werden: «Diese Verbindung von einer jungen Stimme und uralten Worten schafft eine ganz spezielle Stimmung. Ich kann nur hoffen, dass man davon auch in der englischen Fassung noch etwas spürt.»

Asgeir Trausti: Afterglow, One Little Indian/Irascible. Live: 12. Mai in Zürich (ausverkauft)