Isländer auf Stippvisite

Für den Erker-Verlag schrieb er eine Erzählung auf Kalkstein. Das brachte den isländischen Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness in die Ostschweiz und in den erlauchten Künstlerkreis. Später verbrachte er sechs Monate in Teufen.

Valeria Heintges
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Halldór Gudjónsson (1902–1998) wuchs auf dem Laxness-Hof auf, nach dem er den Künstlernamen wählte. (Bild: ky)

Halldór Gudjónsson (1902–1998) wuchs auf dem Laxness-Hof auf, nach dem er den Künstlernamen wählte. (Bild: ky)

ST. GALLEN/TEUFEN. Halldór Laxness war «ein Isländer und ein Kosmopolit, ein Bauernbub und ein Abenteurer, der keiner Versuchung aus dem Weg ging, ein Feingeist, Gourmet und Snob, dem nur das Beste gut genug war, und zugleich ein Idealist und Romantiker, der die Menschen aufklären wollte», schreibt der «Spiegel» über den isländischen Literaten.

Feingeist und Kulturkenner

Halldór Laxness reiste viel und gern, wurde Vater auf Bornholm, ging in Luxemburg in ein Kloster, sah Strindberg in Schweden, bildete sich in ganz Europa zum Kulturkenner und wollte seinen Roman «Salka Valka» in Hollywood verfilmen lassen – mit Greta Garbo in der Hauptrolle. Das klappte nicht. Stattdessen wurde Laxness in Amerika zum überzeugten Kommunisten. Zwei Reisen ins gelobte Russland überstand die Bewunderung, ehe Laxness über Chruschtschow erneut von Stalins Terror hörte, es endlich glaubte und sich zum skeptischen Humanisten wandelte. Am Ende seines Lebens fand Laxness zum Taoismus, einer Losgelöstheit von allen Dingen.

Was er aber immer bleibt, ist Weltbürger. Bei seiner Geburt 1902 hatte Reykjavik 6000 Einwohner, zwei uniformierte Polizisten und zwei Huren, wie sein Biograph Halldór Gudmundsson schreibt. «Laxness war der Aufbruch Islands in die Moderne», urteilt Gudmundsson.

«Kann jemand jemand anderem treu sein als sich selbst?», fragt Gudrun Jónsdóttir in der «Geschichte vom teuren Brot» den sie interviewenden Kirchenchronisten. Laxness war sich selbst treu, ist auch Matthias Peter überzeugt. Der heutige Leiter der Kellerbühne St. Gallen hat sich erst als Literaturkritiker, dann als Theaterleiter immer wieder mit Laxness beschäftigt – und vor allem mit dessen Spuren in der Ostschweiz.

Bibliophile Kostbarkeit

Bereits den Winter 1959/60 verbrachte der Literat, der 1955 den Nobelpreis erhielt «für seine anschauliche epische Kraft, welche die grosse Erzählkunst von Island erneuert hat», in der Schweiz. Im Tessin vollendete er seinen Roman «Die vollendete Zeit». Zehn Jahre später schrieb er in St. Gallen seine «Geschichte vom teuren Brot» auf Kalkstein, der dänische Künstler Asger Jorn verzierte den Text am Rand und steuerte fünf Lithographien bei. 195 Exemplare dieser bibliophilen Kostbarkeit wurden in der Erker-Galerie gedruckt.

Zwei Jahre später, im Winter 1972/73, kam Laxness erneut in die Ostschweiz. Erst logierte er mit seiner zweiten Frau Audur im St. Galler Hotel «Im Portner», dann wechselte die Familie ins Verwalterhaus eines ehemaligen Mädcheninternats in Teufen. Beinahe täglich reisten sie aber nach St. Gallen und wurden in den erlauchten Erker-Kreis um Franz Larese und Jörg Janett aufgenommen, er nahm auch am ersten der vier legendären Treffen auf Burg Hagenwil teil. Dort war Hans Geigenmüller, Chefarzt der Klinik Littenheid und Mitglied der Erker-Gruppe. Er fragte Laxness bei einem Treffen im Restaurant Baratella, wie er so oft seine politischen Überzeugungen habe wechseln können. «Überzeugungen, habe Laxness gesagt, seien wie Hüte. Wenn man in einem Lokal einen vergessen habe, dann ärgere man sich, trauere ihm eine Weile nach und suche sich dann einen neuen, der zu einem passe», schreibt Matthias Peter in einem Text, in dem er Laxness' Spuren in der Ostschweiz nachgeht.

Stellung zum Vietnam-Krieg

Viel geschrieben hat Laxness in seiner Ostschweizer Zeit wohl nicht – ausser zwei Stellungnahmen zum Vietnam-Krieg für die «New York Times». Geigenmüller beschreibt Laxness, berichtet Peter, als umgänglichen, bescheidenen Menschen und stillen Beobachter, der lieber zugehört als selbst geredet habe.

Die Stadt St. Gallen wusste den Aufenthalt des berühmten Dichters zu schätzen, richtete ihm gegen Ende seines halbjährigen Aufenthalts eine Feier im Waaghaus aus. Der Altphilologe Stefan Sonderegger zog dort in einer Rede Verbindungen zwischen der Schweiz und Island, fand sie in der Sprache, in alten Urkunden in der Stiftsbibliothek, in einzelnen ähnlichen Worten zwischen dem Schweizerdeutschen und dem Isländischen und quittierte Laxness eine «Meisterschaft des Erzählens». Seine Texte seien «aufrüttelnde Gegenwart, nicht selten mit dem Blick für Sozialkritisches, für Mensch und Gesellschaft in unserer Zeit», sein Erzählstil «kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig». Auch seine Rede erschien, zusammen mit einer Neuausgabe der «Geschichte vom teuren Brot», im Erker-Verlag. Um den Druck der Gesamtausgabe der Kirchenspielchronik zu finanzieren, in die die Geschichte eingebettet ist, stifteten fünf Bildhauer, darunter Günther Uecker und Fritz Wotruba, eine signierte Originallithographie.

Grosser europäischer Autor

Matthias Peter bewundert Laxness noch heute als einen «der ganz grossen europäischen Autoren». Faszinierend sei, dass in jedem seiner Sätze «alle Facetten des Lebens sich spiegeln: Zu Beginn ist man erheitert, dann kippt es, am Schluss ist alles himmeltraurig». Laxness bewerte aber nicht, beschreibe einfach. Etwa in «Salka Valka» das Leben einer jungen Frau, die sich am Fjord durchkämpfen muss. «Da ist ein ganzes Leben und zugleich ein Staatengemälde drin.»