ISABELLE FAUST: Mit «Dornröschen» Ohren öffnen

Für die kommenden Ittinger Pfingstkonzerte hat die Geigerin Isabelle Faust die künstlerische Leitung übernommen. Eine Ausnahmekünstlerin, der ehrliches, unegozentrisches Musizieren ein Anliegen ist.

Martin Preisser
Drucken
Teilen
Die Geigerin Isabelle Faust mit ihrer Stradivari mit dem Namen «Dornröschen». (Bild: Felix Broede/PD)

Die Geigerin Isabelle Faust mit ihrer Stradivari mit dem Namen «Dornröschen». (Bild: Felix Broede/PD)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Eigentlich müsse sie sich klonen, um alles unter einen Hut zu bringen, sagt die weltweit engagierte Geigerin Isabelle Faust. Trotzdem lässt sie es sich nicht nehmen, sich persönlich gegenüber unserer Zeitung zu den Pfingstkonzerten und zu ihrer künstlerischen Haltung zu äussern. «Die Kartause Ittingen erlaubt es, in eine geschützte Welt einzutauchen und sich nur von der Musik umgeben zu lassen», sagt die Künstlerin, die Musik fern jeden glamourösen Starkults macht.

Ein elektrisierender Geigenklang

Im September letzten Jahres war sie in der St. Galler Meisterzyklusreihe zu Gast und begeisterte durch ihr warmes, erzählendes und für jede Komposition klanglich individuell abstimmtes Spiel. Die New York Times schwärmte einmal über Isabelle Faust: «Ihr Klang hat Leidenschaft, er hat Biss und er elektrisiert, aber er ist auch von einer entwaffnenden Wärme und Süsse, die den verborgenen Lyrismus der Musik sichtbar werden lässt.»

Ab Freitag ist die 1972 geborene deutsche Geigerin, die in Berlin lebt, an allen sieben Konzerten in Ittingen beteiligt. Kammermusik liegt ihr am Herzen, aber auch das kammermusikalische Denken in symphonischen Zusammenhängen. «Mir geht es darum, bei Werken, die komplex angelegt sind, alle inneren Zusammenhänge zu erschliessen. Das kann man nicht, wenn man ganz solistisch nur von der ‹Hauptstimme› aus denkt. Bezüge aufzudecken, den Mitspielern zuzuhören, zu reagieren, gehört für mich ebenso zum Kammermusikspielen wie zum solistischen Dialog mit dem Orchester», bringt Isabelle Faust ihre Leidenschaft fürs Kammermusikalische auf den Punkt.

Seit drei Jahren wechselt bei den Ittinger Pfingstkonzerten jährlich die künstlerische Leitung, nachdem vorher András Schiff und Heinz Holliger für das Programm zwanzig Jahre verantwortlich zeichneten und dem Festival besonders durch die immer aparte Kombination von Alter und Neuer Musik ihren Stempel aufdrückten. Auch nur für ein Pfingstprogramm in die Fussstapfen der beiden treten und in Ittingen einen «ganz persönlichen Eindruck» hinterlassen zu dürfen, empfindet Isabelle Faust als «enorme Ehre».

«Ich kümmere mich ja ‹nur› um eine Spielzeit. Das ist ein grosser Unterschied, der die Last des Vergleichs doch ein bisschen von meinen Schultern nimmt.» Die Einbindung von zeitgenössischer Musik in das traditionelle Repertoire hat aber auch Isabelle Faust beibehalten. Insbesondere durch die Einladung an den Komponisten Oscar Strasnoy, der für Ittingen einige Uraufführungen beisteuert. Alte und Neue Musik aufeinander wirken zu lassen, findet die Geigerin sehr befruchtend. Sie spielt auf einer Stradivari von 1704 mit dem Namen «Dornröschen» und hat auch die historische Aufführungspraxis intensiv für sich entdeckt. «Ich finde immer, dass sich sowohl alte als auch neue Musik, in gegenseitigen Kontext gesetzt, komplett anders hören lassen. Die Ohren öffnen sich. Ich denke, das kann nochmals ganz andere Sensoren beim Publikum ansprechen.»

Wunderbare Begegnung mit Claudio Abbado

Isabelle Fausts warmer und doch intelligenter Zugang zu Musik aller Epochen sowie ihr leuchtender Klang lassen sich exemplarisch an der Einspielung des ersten Klaviertrios von Robert Schumann nachvollziehen. Zwei Schumann-Trios und eines von Schubert hat die Geigerin für Ittingen im Gepäck. Wie kammermusikalisch und interpretatorisch genau und tiefgehend sie denkt, zeigt auch Fausts wunderbare CD mit den Violinkonzerten von Beethoven und Alban Berg mit dem damals schon todkranken Claudio Abbado.

«Mit Abbado zu arbeiten und zu musizieren gehört zu den grössten Momenten überhaupt in meiner künstlerischen Laufbahn. Es war ein ganz eigenes Gefühl, in Abbados Musik einzutauchen, sich mit ihr zu umhüllen. Einmalig.» Wie Abbado selbst pflegt Isabelle Faust keinen Starrummel. «Ehrliches, unegozentrisches Musizieren ist für mich eine Grundvoraussetzung. Im Idealfall öffnet der Musiker dem Zuhörer neue Türen zum jeweiligen Werk», lautet Isabelle Fausts Credo. Wie das in ganz verschiedenen Stilen tönt? Ittingen bietet dazu vier Tage Zeit und Raum.

Pfingstkonzerte: 2. bis 5. Juni, Kartause Ittingen, Warth; Karten: kartause.ch; CD-Tipps: Schumann-Klaviertrio Nr. 1: HMC 6831958; Violinkonzerte von Berg und Beethoven: HMF 1711690