Intim und doch nicht richtig nahe

Im Dokumentarfilm «Europe, She Loves» unternimmt Jan Gassmann ein Generationenporträt am Beispiel von vier Paaren. Deren Leere füllt nicht.

Andreas Stock
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Tristesse in Tallinn. Szene aus «Europe, She Loves» mit Harri und Veronika. (Bild: PD/Outside the Box)

Tristesse in Tallinn. Szene aus «Europe, She Loves» mit Harri und Veronika. (Bild: PD/Outside the Box)

Sie sind zwischen 20 und 30 Jahren jung und sie gehören nicht zu den Privilegierten in den von ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen geschüttelten Städten, in denen sie leben: Thessaloniki, Dublin, Tallinn und Sevilla.

Während die Liebe von Juan und Studentin Caro in Spanien noch jung ist, droht jene in Griechenland zwischen Penny und Pizzakurier Nico zu zerbrechen, weil sie Arbeit in Italien sucht. Und in Dublin kämpfen die Strassenmusiker Siobhan und Terry miteinander gegen ihre Drogensucht, während in Tallinn die Go-go-Tänzerin Veronika darauf hofft, dass ihre Patchworkfamilie mit Harri zusammenwächst.

Milieus und Monotonie wiederholen sich

Es ist ein sehr intimer Blick, den Regisseur Jan Gassmann auf diese vier jungen Paare wirft, die er beinahe so häufig beim Sex zeigt wie bei ihren Gesprächen um Beziehung, Kinder und Zukunft. So geographisch fern sie sich auch sind, die Milieus der Paare liegen nicht weit auseinander. Ihre Existenzkämpfe und Herausforderungen unterscheiden sich darum nicht sehr, was ob den ineinander verwobenen Porträts und der sprunghaften Montage noch betont wird. Unterbrochen sind die redundanten Paarstudien durch Autofahrten, in denen sich öde Landschaften, nächtliche Stadtbilder und Industriegelände in ihrer Eintönigkeit ebenfalls örtlich verwischen – stimmungsvoll eingefangen von Ramòn Giger an der Kamera.

Das kleine Private im grossen Politischen zu spiegeln, eine über den Einzelnen hinausgehende Befindlichkeit zu protokollieren, das versucht Gassmann («Heimatland») mit «Europe, She Loves». Die essayistische Montage und die Tonspur treiben die Dramaturgie dazu an; Nachrichtenmeldungen über das politische Geschehen in Brüssel und den jeweiligen Ländern bilden den Hintergrund. Eine politische Realität, die keine Resonanz im Alltag der jungen Menschen findet, deren Leben so leer scheint.

Doch was sollte das über Europa aussagen? Und was wäre bei einem Paar aus einem ähnlichen Milieu aus der Schweiz, aus Australien oder den USA anders? Die Porträts sind zwar an Intimität kaum zu überbieten, doch nahe kommt man mit den acht Menschen nicht. Dass sie als Exempel oder Metapher für die gegenwärtige Situation in Europa herhalten könnten, wäre aber eine waghalsige These.

Do, 6.10, 20 Uhr, Kinok St. Gallen, Jan Gassmann und Ramòn Giger sind persönlich anwesend