INTERVIEWS: «Langsam wird’s blöd»

Max Frisch war ein nachdenklicher, diskreter Interviewpartner. Die besten Interviews zeigen ihn als Schriftsteller, der mit seiner öffentlichen Rolle ringt, und geben Einblicke in Leben und Werk des Jahrhundertautors.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen
Max Frisch in einer Aufnahme aus dem Jahr 1976. (Bild: Paul Swiridoff/Getty)

Max Frisch in einer Aufnahme aus dem Jahr 1976. (Bild: Paul Swiridoff/Getty)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Max Frisch aus der Fassung zu bringen, das gelang nur einem Journalisten: «Wie Sie mir auf den Leib rücken!», wehrte sich der Schriftsteller 1981 gegen die aufdringliche Fragerei von Fritz Raddatz. Der Feuilletonchef der «Zeit» wollte alles wissen, fragte provokativ, und man hört noch in der schriftlichen Form den vorwurfsvollen Unterton: Wie Erfolg und Geld den Künstler Frisch ­verändere, ob er Ingeborg Bachmann schlecht behandelt habe, warum er nichts zu den Zürcher Unruhen schreibe und stattdessen nach New York verreise. Als Raddatz ihm unterstellt, die Emanzipation der Frau sei für Frisch nur eine Idee, keine eigene Lebensmöglichkeit, da braust der Schriftsteller kurz auf: «Woher wissen Sie das denn?», und als Raddatz ihn fragt, woher der Hochmut komme, die eigenen Probleme literarisch als Selbsttherapie den anderen zu offerieren, sagt Frisch: «Langsam wird’s blöd!» Und sagte dann doch: Er verdiene etwa so viel wie ein Chefarzt, seine Sätze über Ingeborg Bachmann seien eine Huldigung aus der Nähe, und die ­Jungen, die Zürich in Unruhe versetzen, wollten schliesslich gar keinen Fürsprecher. Das Interview ist ein Highlight des gerade erschienenen Sammelbands des Literaturwissenschafters Thomas Strässle, der auch Präsident der Max-Frisch-Stiftung ist.

Ein nüchterner Rationalist spricht empfindsam

Leider gibt es dieses Interview nicht als Filmdokument. Denn in Fernsehinterviews zeigt sich Frisch durchgehend anders. Da nuckelt er an seiner Pfeife und spricht scheinbar emotionslos druckreife Sätze: Max Frisch am Fernsehen, das war eigentlich Anti-Fernsehen. Wurde er interviewt, sass er in der Regel bewegungslos in einem Sessel oder auf dem legendären Steinbänkli vor seinem Haus in Berzona. Keine Gestik, kein Lächeln, die Augen unsichtbar hinter dicken Bril­lengläsern. Der nachdenkliche Mann, fast nie um eine Antwort verlegen, war ganz Gedanke und verschwand in seinen wunderbaren Sätzen. Einerseits erlebt man in diesen Fernsehdokumenten ­einen erschreckend nüchternen Rationalisten, anderseits – wenn man ihm denn genau zuhört – ­einen empfindsamen Intellektuellen, der über Eifersucht und Flughäfen, über die Atombewaffnung und die Schweiz, über die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, über Sozialismus und Bodenrecht, über Heimat und Emanzipation glasklare und doch diskrete Auskunft gibt. Er ereifert sich nicht, lässt sich nicht überraschen. Abgeklärtheit oder Schauspiel? In der Haltung jedenfalls glich er darin Günter Grass, der ja ein ebenso politischer Autor wie Frisch war, wie ein Zwilling. Ein Witzbold war Frisch nie. Abweisend oder genervt ebenfalls nicht. Die eine Ausnahme war das Interview mit Raddatz. Man kann stundenlang alte Fernsehinterviews mit ihm schauen (unter anderem auf Youtube), ohne ihn je lächeln oder gar lachen zu sehen. Dann plötzlich steht er mit einem Interviewer vom Hessischen Rundfunk 1972 auf einer Fähre vor Manhattan, und Frisch kommentiert die ­neuen Wolkenkratzer: «Das sind ja lediglich schlechte Diplomarbeiten – nur hätte man sie nicht unbedingt auch noch bauen müssen.» Und dann lacht der sonst immerzu ernsthaft nachdenkende Intellektuelle unbeschwert.

Durch das grossbürgerliche Leben zum Marxisten

Wenn man den Sammelband des Literaturwissenschafters Thomas Strässle mit den 14 Interviews zwischen 1934 und 1989 gelesen hat, wird offensichtlich: Interviews waren ihm unan­genehm und gleichzeitig eine willkommene Gelegenheit zum Selbstgespräch. Wie Max Frisch dabei sein politisches Denken und sein literarisches Schaffen immer wieder überprüft und revidiert – das ist ein faszinierendes Zeitdokument. Er gesteht etwa, dass er «Andorra» einen schlechten Titel findet; hält den reli­giösen Schluss von «Stiller» für ­einen «schwerwiegenden Fehler»; dass alle seine Romanhelden Pfeife rauchen, sei seiner Faulheit als Autor geschuldet.

Besonders aber in der Art, wie Frisch das Politische, das Persönliche und das Literarische zusammen denkt, ist bestechend. Nach der Lektüre des Sammelbands denkt man: Der Mann hat alles Wesentliche zum Verhältnis von politischer Wirkung von Literatur schon vor 50, vor 60 Jahren Jahren gesagt. Skeptisch, vielleicht sogar resigniert über die politische Wirkungslosigkeit von Literatur und Schriftstellerma­nifesten sagt er etwa: «Die Erkenntnis-Vorstösse, die unser Jahrhundert bewegen, verdanken wir nicht der Literatur.» Um gleich hinzuzufügen: «Der Roman muss nicht zeitkritisch sein, aber dass er sich eignet für Zeitkritik, ist bekannt.» In «Montauk» etwa sei die kurze Erzählung über eine Jugendfreundschaft deshalb politisch, weil darin sichtbar werde, wie diese Freundschaft an den Standesunterschieden scheitere.

Die 14 Interviews beleuchten den Autor des Identitätsproblems wie den Theaterautor, der von sich sagt, die Begegnung mit den deutschen Emigranten in der Schweiz habe ihn politisiert. Und leicht scherzhaft fügt er an: Sein Versuch einer Ehe und eines grossbürgerlichen Lebens habe ihn zum Marxisten gemacht. Denn Eigentum und Gewöhnung würden zur Erstarrung führen – politisch, persönlich, künstlerisch. Wohl deshalb habe er sich immer wieder verändern müssen. Auf die simple Frage nach dem Warum des Schreibens sagt er: «Das war eigentlich immer schon so, dass ich schreibend erst ­meine Erfahrungen entdecke.» Frischs Grösse: Nie spricht er schlecht über andere, nur die NZZ verachtet er, weil diese ihn unfair behandelte. Er beklagt den Kapitalismus, nennt sich bis zuletzt einen demokratischen Sozialisten und gesteht die Niederlage ein, bewundert aber den Widerstand in Rothenthurm. Im letzten Interview mit der «Wochenzeitung» (WOZ) 1986 blitzt sein Humor nochmals auf. Aufgefordert, über das Alter zu sprechen, sagt er: «Natürlich gibt es über das Alter viel zu sagen, dazu habe ich aber heute Vormittag keine Lust.»

Max Frisch: «Wie Sie mir auf den Leib rücken!», herausgegeben von Thomas Strässle, Suhrkamp 2017, 237 S., Fr. 32.–