Interview
Thomas Duarte zu seinem Debütroman: «Wir sind weniger selbstbestimmt, als wir gerne behaupten»

Der Basler Schriftsteller Thomas Duarte hat mit seinem Erstlingsroman den Studer/Ganz-Preis für das beste Debüt gewonnen. Sein Credo beim Schreiben: «Der Durchschnittlichkeit der eigenen Lebensversuche ganz und gar auf Augenhöhe zu begegnen! »

Alfred Schlienger
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Thomas Duarte.

Thomas Duarte.

Zvg

Besser kann man mit einem Erstlingsroman nicht starten: Preisgekrönt, schon bevor er in den Buchhandlungen aufliegt, und jetzt in Deutschland bereits in den Radioschaufenstern. Könnte das auch eine Bürde sein?

Insofern es dem Buch mehr Aufmerksamkeit gibt, kann das schon eine Bürde sein. Die Schriftstellerei ist eine zwiespältige Kunst: Sie findet im Versteckten statt und sucht doch die Öffentlichkeit. Sie tut verschwiegen und verrät doch alles. Als Schriftsteller wünscht man sich den Erfolg – und möchte doch lieber so ein bisschen unter dem Radar durchfliegen.

Mit dem Titel Ihres Buches verweisen Sie auf ein bekanntes Zitat des Philosophen Ludwig Wittgenstein: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Sie peilen damit eine gewisse Flug- und Fallhöhe an. Ist Ihr Debüt ein Roman über alles?

Jeder Roman ist ein Roman über alles – ich glaube, das liegt an der Gattung. Und ein Debütroman ist es vielleicht noch ein bisschen mehr – man weiss ja gar nicht, ob man jemals wieder die Gelegenheit kriegt, einen Text unter die Leute zu bringen, also versucht man schon mal alles zu sagen, was man zu sagen hat. Selber denke ich bei meinem Titel heute auch eher an Richter Adam und den Zerbrochenen Krug: Ein jeder trägt den leidgen Stein des Anstosses, über den er schliesslich stolpert und zu Fall kommt, in sich selbst.

Ein Roman bietet dem Autor die grandiose Möglichkeit, in fiktiver Form ein paar Dinge zu platzieren, die einem besonders wichtig sind. Hier ist ein Freipass.

Vielleicht, dass wir weniger selbstbestimmt sind, als wir alle immer gerne behaupten und haben wollen. Wir sehnen uns ebenso sehr nach Autonomie wie nach Abhängigkeit, und ohne das gäbe es auch das Soziale, gäbe es die Gesellschaft nicht. Aber lässt sich das eigentlich aus dem Buch herauslesen? Platzieren wollte ich abgesehen davon (und es steht auch in einem gewissen Widerspruch dazu), dass ich tatsächlich zu ein paar Dingen fähig bin (nämlich etwa dazu, einen Roman zu schreiben), dass mir ein paar Dinge leidtun (ohne wirklich darüber sprechen zu müssen) und dass ich mir überhaupt ein paar schlaue Gedanken mache, von denen ich noch gar niemandem etwas gesagt habe.

Der wesentliche Inhalt Ihres Romans ist das Erzählen selbst, in seiner kunstvoll dialogischen und monologischen Verschachtelung. Was ist für Sie das Schönste im Schreibprozess?

Natürlich muss man für sich eine Form finden, die einem entspricht – aber dann, in den guten Schreib-Momenten wenigstens: das Gefühl völlig frei zu sein, innerhalb dieser Form alles sagen zu können, alles aussprechen zu können, sei es erfunden, wahrhaftig oder gelogen – im Übrigen dann auch in den Momenten, in denen ich am Text verzweifelte (also fast immer), zu realisieren, dass man ja auch alles wieder ändern und über den Haufen werfen und neu schreiben kann. Auch das ist ein befreiendes Gefühl.

Und was das Schwierigste?

Ich fühle keinerlei inneren Zwang, zu schreiben. Ich kann auch leben, ohne zu schreiben. Umso schwieriger ist es, vor sich selbst (und vor anderen) zu rechtfertigen, warum man so viel Zeit darauf verwendet. Und dann gegen alle Zweifel, gegen die Ansprüche des Alltags und gegen den eigenen Hang zur Faulheit sich diese Zeit immer wieder herauszunehmen – trotz der so offensichtlichen Nutz- und Aussichtslosigkeit des Unterfangens.

Achtet man auf die Sprache Ihres Werkes, fällt einem eine Lust am Unprätentiösen, skurril Alltäglichen auf, eine Lakonie und Schlichtheit, die jede Verzierung vermeidet. Man könnte es auch ein Verzaubern durch Entzauberung nennen. Ist Ihnen unser Alltag – sowohl in dem, was man gemeinhin Wirklichkeit nennt, als auch in der Literatur – zu aufgehübscht, zu affektiert?

Es gibt unterschiedliche Zugänge zum Schreiben – und sie haben ebenso sehr mit den eigenen Fähigkeiten wie mit dem eigenen Unvermögen zu tun. Ich selbst bin sehr skeptisch der Sprache gegenüber, ich empfinde sie nicht als etwas, das mir als etwas Eigenes einfach zur Verfügung steht, in dem ich beheimatet wäre, sondern eher als fremdes Material, das erstmal schwierig zu verdauen ist. Darum gebe ich mich ihr nur ungern einfach so hin, schwelge nicht so leicht in ihren Rhythmen und Lauten – das macht mich eher misstrauisch. Ich suche mehr nach den Brüchen und Unterbrechungen, aber auch darin kann natürlich ein Zauber liegen. Und dann gibt es da – in Dieter Zwickys Worten – den Wunsch, „der Durchschnittlichkeit der eigenen Lebensversuche ganz und gar auf Augenhöhe zu begegnen!“ Besser könnte ich nicht sagen, worum es mir geht.

In der hübschen Dialektik von Unterwerfung und Aufmüpfigkeit, im Blick auf das scheinbar Banale und Subalterne erinnert Ihre Hauptfigur auch an einen Robert Walserschen Duktus.

Ich glaube nicht, dass ich diesen Duktus selber hätte erfinden können – aber ehrlich gesagt würde ich es noch als Kompliment empfinden, in diesem Punkt doch immerhin epigonal zu sein. Es ist einfach ein sehr vergnüglicher Schreibgestus. Meine Lieblingsstelle bei Walser ist in diesem Zusammenhang Simons Kündigungsrede am Beginn der Geschwister Tanner: Eine programmatische Ansprache, die sich jeder Angestellte unters Pult kleben und ab und zu heimlich wie einen Spickzettel hervorziehen und für sich lesen oder dann im Pausenraum den Kolleg*innen vortragen sollte.

Welches ist Ihr eigener Lieblingssatz in Ihrem Buch?

„Kill your darlings“ ist ja inzwischen ein Lieblingssatz fast jedes Künstlers und gehört darum selbst gestrichen. Er hat aber ohne Zweifel eine gewisse Richtigkeit, und darum dürfte auch der folgende Satz gar nicht mehr in meinem Roman stehen: „Die eigenen Überzeugungen sind schliesslich dasjenige, was einen in der Fähigkeit, frei zu entscheiden, am meisten behindert.“ Mein Dank geht an die Lektorin, dass sie ihn mir hat durchgehenlassen.

Im Kern hat Ihr Text etwas sanft Subversives: Ihre Figuren machen sich sehr beiläufig und ohne Pathos stark für Wehrlose und Randständige und lassen Autoritäten ins Abseits laufen.

Vielen Dank für diese Bemerkung – es freut mich, wenn man den Text so lesen kann. Die Hauptfigur ist ja durchaus ambivalent. Mir ist es schon auch ein Anliegen, dass wir es uns nicht zu bequem machen in unserer Wehr- und Schuldlosigkeit, nur um dann von den Rändern und von unten her mit dem Finger auf die anderen zeigen zu können: Schneller als wir denken, sind wir selbst Autorität für die anderen – und das mit Genuss! Eigentlich bin ich ein Freund des Konzepts der Erbsünde: Man kann am Leben nicht teilnehmen, ohne sich schuldig zu machen. Aber das reicht nicht als Ausrede: Wir haben uns genau damit auseinanderzusetzen.

Der Verlag nennt Ihr Werk „eine melancholisch-humoristische Poetik des Scheiterns“. Für die Literatur ist das Scheitern (und die Scheiternden) meist ertragreicher als die Apotheose des Erfolgs. Wird Scheitern aber nicht oft auch etwas kokett überhöht? Der Tennis-Crack Stan Wawrinka hat sich auf seinen Arm das bekannte Beckett-Zitat, leicht gekürzt, tätowieren lassen: „Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. / Wieder versuchen. / Wieder scheitern. / Besser scheitern.“ Lernen wir letzten Endes nicht eher durch Erfolge?

Ja, in jedem Fall. Aber man sollte dieses Pathos des Scheiterns auch nicht vorschnell der Lächerlichkeit preisgeben. Beim Schreiben geht es schon auch darum, etwas zur Sprache zu bringen, für das es davor vielleicht noch keine rechte Sprache gegeben hat, das ist schwierig genug.

Welches sind für Sie die drei wichtigsten Leseerlebnisse, ohne die Ihr Leben nicht Ihr Leben wäre.

Man müsste ja dafür bei der Kindheitslektüre beginnen – was gräbt sich einem so sehr ein wie das, was man als Kind gelesen und geliebt hat? Aber es gibt schon diesen Moment in der eigenen Lesebiografie, wo man auf einmal merkt, dass man sich jetzt in einer anderen Welt befindet. Auch wenn man sonst nie erwachsen wird, vielleicht wird man es als Leser. Also, diesseits von Kafka, Walser, Čechov, Svevo: Samuel Beckett, wegen seiner Präzision, seiner Unerbittlichkeit und seiner Komik. Clarice Lispector, wegen ihrer Radikalität und weil man sie nie ganz zu Ende lesen kann, weil sie immer eine Fremde bleibt, und wegen ihrer Schönheit auf den Schutzumschlagsfotos – man kommt auch an kein Ende damit, sie anzuschauen. Alles von Roberto Bolaño, wegen des ungeheuren Horizonts, den er einem eröffnet, der Freiheit seines Blicks.

Welchen Rat würden Sie Ihrem zwanzigjährigen Selbst geben?

Wahrscheinlich lauter nutzlose Ratschläge, die ein besorgter Vater seinem etwas ziellos im Leben stehenden Sohn geben würde: Fang was an mit deiner Zeit! Besinn dich nicht lange und träum nicht so herum! Meinetwegen schreib einen Roman, wenn du schon schreiben willst! Aber schliess dein Studium ab! Auch wenn sie nichts nützen würden: Ich hätte recht damit.

Für Ihre Hauptfigur sind Angst und Scham ein wiederkehrendes Thema. Was würden Sie selber tun, wenn es Angst und Scham überhaupt nicht gäbe?

Ein bisschen weniger davon wäre schön: Sich nicht so abhängig vom Wohlwollen der anderen zu fühlen. Vermutlich würde ich nicht schreiben, sondern wäre Unternehmer oder CEO. Ohne Scham würde man sich auch gar nicht in die Schamlosigkeiten stürzen wollen, die das Schreiben immer auch darstellt.

Was zu verlieren wäre für Sie das Schlimmste?

Von den Dingen, die einem widerfahren könnten, fürchte ich mich, einmal abgesehen vom Verlust meines Sohnes, am meisten vor dem Verlust des Obdachs – vor Hunger, vor Kälte, davor, das Zuhause zu verlieren, auf der Flucht sein zu müssen.

Sie sind einige Jahre als Tramchauffeur durch Basel gekurvt. Ein nervenaufreibender Job, stelle ich mir vor. Welche wichtige Erfahrung haben Sie davon mitgenommen?

Als sehr nervenaufreibend habe ich ihn gar nicht empfunden. In der Stadt und mit zwanzig Stundenkilometern hat man das Gefährt ganz gut unter Kontrolle. Das ist vielleicht auch schon die wichtigste Erfahrung: Einmal die Kontrolle über eine so grosse Maschine zu haben. Und dann vielleicht die Gemeinschaft mit den anderen, die im öffentlichen Raum arbeiten statt zu shoppen: Man winkt den Polizisten zu, den Bauarbeitern, den Leuten von der Stadtreinigung, denen von der Securitas, den Handwerkern, den Briefträgern und sie winken zurück. Übrigens scheint der Job ja eine poetische Qualität zu haben: Man kurvt also durch die Stadt, schaut sich von seinem Hochsitz aus und durch die Scheiben hindurch das Treiben an, hat den Überblick, nimmt Anteil daran und ist doch nicht ganz Teil davon. Aber es ist nur Ersatz für Literatur, zur Quelle oder zum Anstoss für Literatur wurde mir das nicht.

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