Interview
Klimakummer als psychische Krankheit? Psychiaterin über besondere Sorgen von Kindern und Jugendlichen

Die Zukunft des Planeten drückt aufs Gemüt. Das Gefühl hat mehrere Namen. Ein Interview über den Umgang mit der Umweltkrise.

Philipp Bürkler
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Die Sorge um das Klima und um den gesamten Planeten drückt bei Kinder und Jugendlichen aufs Gemüt.

Die Sorge um das Klima und um den gesamten Planeten drückt bei Kinder und Jugendlichen aufs Gemüt.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Das Klima erwärmt sich, und es bekommt der Natur nicht gut. Das Artensterben und die düsteren Aussichten machen viele Menschen traurig. Die Umwelttrauer oder der Klimakummer trifft nicht nur Kinder und Jugendliche, aber diese besonders, weil sich die Auswirkungen mit den Jahrzehnten verschlimmern werden. Trauern ist normal, aber wir sollten nicht in eine Schockstarre verfallen, sagt Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Walitza vom Universitätsspital Zürich.

Sie sind Kinder- und Jugendpsychiaterin. Suchen Kinder und Jugendliche bei Ihnen spezifisch Hilfe, weil sie in Sorge sind um die Umwelt und das Klima?

Oft kommen Kinder und Jugendliche zu uns, weil sie in der Schule Stress haben. Beispielsweise weil sie mit Gleichaltrigen nicht zurechtkommen und sich dadurch zurückziehen. Oft sind sie chronisch müde und überfordert. Erst wenn wir genauer nachfragen, kommen noch andere Sorgen und Ängste zum Vorschein. Dazu zählen auch existenzielle Sorgen. Die Kinder und Jugendlichen fragen sich: Wie geht es mit mir weiter, was sind meine Perspektiven? Sehr schnell kommen dann auch Fragen, wie die Zukunft generell aussehen wird. Sie fragen sich, ob wir uns eigentlich nicht ernsthafter Sorgen machen müssten angesichts der Klimakrise.

Was raten Sie da?

Für uns Kinder- und Jugendtherapeuten ist es wichtig, in den Gesprächen kein Gefühl der Hilflosigkeit zu vermitteln, sondern das Gewicht darauf zu legen, was jeder Einzelne tun kann. Das bedeutet nicht, das Problem zu verharmlosen oder gar die Kinder anzulügen, sondern sie nicht zu überlasten oder zu verunsichern. Dabei sind keine perfekten Antworten notwendig, sondern vielmehr die Bereitschaft, gemeinsam mit den Kindern zu lernen, eigenes Verhalten zu verändern und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen zu suchen. Auch für Eltern oder andere Bezugspersonen ist es wichtig, Fragen nicht auszuweichen. Besser weniger Fachwissen und Details vermitteln, sondern eher dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen antworten und sie gegebenenfalls in das Gespräch einsteigen zu lassen.

Zur Person

Susanne Walitza ist Direktorin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich.
Keystone
Susanne Walitza ist Direktorin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich.

Ist Umwelttrauer in der psychiatrischen Forschung bereits Thema oder kommt sie in Therapien zur Sprache?

Der Klimawandel ist qualitativ nicht mit anderen ökologischen Krisen vergleichbar. Es mangelt deshalb bisher an Erfahrungen, Forschung und Diskussionen. Diese wären notwendig, um Umwelttrauer überhaupt als psychische Krankheit anzuerkennen. Der Klimawandel ist Realität. Er ist keine irreale Angst, wie sie beispielsweise Kinder erleben, die sich in der Dunkelheit vor nicht real existierenden Dingen fürchten. Aus diesen Ängsten wachsen wir heraus, wenn wir älter werden. Natürlich haben auch Erwachsene Erwartungsängste, die sich dann aber meist als unberechtigt herausstellen. Der Klimawandel hingegen ist eine berechtigte Sorge.

Berechtigte Sorgen lassen sich schlecht therapieren?

Es stellt sich in Fachkreisen tatsächlich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, Umwelttrauer als Störung einzustufen. Denn: Umwelttrauer und Umweltangst sind real. Die ausgelösten Gefühle sind in den meisten Fällen angemessen, auch wenn sie stark sind. Sie stellen eine wichtige emotionale Reaktion dar, die nicht behandlungsbedürftig ist. Eine weitere Frage betrifft die übersteigerte Umwelttrauer, die die Kriterien einer psychischen Störung erfüllt. Handelt es sich wirklich um eine neue Störungskategorie, nur weil ihr Auslöser neu ist – oder lassen sich die bisherigen Kategorien nutzen, um sie gut zu beschreiben und effektiv zu behandeln?

Stellen Sie eine Zunahme von psychischen Störungen – gerade bei Kindern und Jugendlichen – fest?

Die psychische Belastung ist ein gesellschaftliches Problem. In allen Ländern entwickeln Kinder und Jugendliche insgesamt mehr psychische Störungen. Das liegt auch an den gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Klimakrise. Eine Jugendliche berichtete beispielsweise, Umwelttrauer sei deswegen so schwer zu überwinden, weil man als einzelner Mensch das Gefühl habe, alleine nichts ausrichten zu können. Man sei abhängig von acht Milliarden anderen Menschen, die alle das gleiche Ziel verfolgen müssten, damit Klimaschutz tatsächlich zum Erfolg führen würde. Es geht bei Jugendlichen also vor allem um die fehlende Kontrolle und Machtlosigkeit. Im negativen Fall kann das zu einem Freezing-Prozess führen und Betroffene in ihrer Handlungsfreiheit einfrieren.

Viele Jugendliche gehen auf die Strassen und versuchen, mit Klimastreiks und Protesten die Politik wachzurütteln, damit diese endlich handelt. Ist Aktivismus ein Mittel gegen Resignation?

Ich würde es nicht als Aktivismus bezeichnen, weil die Proteste berechtigt sind. Es ist wichtig, dass junge Menschen sagen, wir sind diejenigen, die 2050 mit dieser Situation umgehen müssen. Wir müssen etwas tun, wir müssen euch aufrütteln. Sich zusammenzutun ist eine wesentliche Strategie, ein ganz wichtiger Bewältigungsmechanismus. Junge Menschen sehen, dass sie damit etwas bewirken können. In der Psychiatrie spricht man von «Locus of control», also von einer Kontrollüberzeugung, bei der es darum geht, den Verlauf der Dinge in die eigene Hand zu nehmen. Natürlich darf es nicht bei den Demonstrationen bleiben, sondern es ist wichtig für junge Menschen zu sehen, dass sich wirklich konsequent etwas verändert.

Die Bilder in den Medien wären eigentlich Grund genug, endlich zu handeln. Stürme, Fluten, Dürren und Hitzetage: auch in Europa. Die Klimakrise kommt näher.

Wir wurden bisher verschont. Keine Kriege in Europa, selbst Pandemien kannten wir nur aus Asien. Die psychische und physische Gesundheit hat sich ebenfalls immer nur verbessert und die Lebenserwartung ist gestiegen in den vergangenen Jahrzehnten. Die Pandemie ist die erste wirkliche Krise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt, wo auch wir mitten drin sind, wird vielen bewusst, dass auch die Klimakrise nicht mehr weit ist.

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