Lukas Bärfuss und sein Credo: «Intellektuelle müssen keine Experten sein»

Nach dem Büchnerpreis ist Lukas Bärfuss als Redner gefragt wie nie. In Schaffhausen sprach er über «Die Intellektuellen in der Schweiz».

Hansruedi Kugler
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Lukas Bärfuss bei seinem Vortrag in Schaffhausen. Bild: Melanie Duchesse

Lukas Bärfuss bei seinem Vortrag in Schaffhausen. Bild: Melanie Duchesse

Sind seine Reden «zum Fremdschämen», wie die NZZ am Sonntag kürzlich schrieb? Oder ist Lukas Bärfuss nicht doch einer jener Intellektuellen, die wir in der Schweiz unbedingt brauchen, wie es im Tages Anzeiger hiess? Sicher ist: Seine Essays und Reden sorgen für Gesprächsstoff, viel Zuspruch, öfters für rote Köpfe und teils heftigen Widerspruch in den Medien. Bloss suggestive Andeutungen statt klare Belege haben schon seinem wütenden Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» im Jahr 2015 und vor allem seinen Vorwürfen gegenüber der Jury des Schweizer Buchpreises 2017 einen sauren Beigeschmack gegeben. In seiner engagierten Büchnerpreisrede vor Monatsfrist wagte er sich an ein ganz grosses Thema, legte den Finger in eine aktuelle Wunde und fragte, was die untergründige Kontinuität der Nazi-Ideologie mit dem aktuellen Aufkommen rechtsradikaler Parteien in Deutschland zu tun habe. Interessant genug also, sein Verständnis des öffentlichen Intellektuellen zu erfahren. Bärfuss also ein rhetorischer Haudegen? Über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer wollten ihn am Donnerstag in Schaffhausen erleben.

Wer hat Probleme mit Intellektuellen?

Das Thema «Die Intellektuellen und die Schweiz» war ihm von der Vortragsgemeinschaft aufgegeben. Ein Steilpass, den Bärfuss rhetorisch geschickt nutzte: «Meine Gefühlslage bei diesen beiden Begriffen sagt mir, da gibt es irgendein Problem.» Es seien zwei Begriffe, die zusammenpassten «wie ein Eskimo in der Sahara» oder ein «Luftballon im Kakteengarten». Das mochte angesichts des prall gefüllten Saals seltsam wirken und die Problemstellung war damit bloss gefühlsmässig und metaphorisch angedeutet. Denn welche Schweiz sollte das sein? Die NZZ, der Bundesrat, Blocher? Schliesslich sind Frisch, Dürrenmatt und Muschg intellektuelle Helden der Linken. Bärfuss blieb die Präzisierung schuldig.

Seine Pointe aber war originell: «Sie haben mich eingeladen, nicht obwohl, sondern gerade weil ich überhaupt keine schulische Bildung habe.» Ein Schulversager als viel beachteter, öffentlicher Intellektueller? Dieses Motiv umkreiste Bärfuss. Und erzählte wie als Bestätigung seines Selbstdenkens vom französischen Pädagogen Jean Joseph Jacotot, der vor 200 Jahren seinen Schülern keine Erklärungen gab, sondern sie mit Aufgaben zum Selbstlernen brachte. Man wunderte sich, dass Bärfuss den methodisch ähnlichen Lehrplan 21 nicht erwähnte. Jacotots Methode mache klar, dass wir sonst «in der Schule nicht zuerst den Stoff lernen, sondern die soziale Hierarchie.»

Das Problem im Verhältnis der Intellektuellen und der Schweiz sieht Bärfuss im Begriff der «Freiheit»: «Die potenzielle Freiheit ist einigend, die realisierte Freiheit ist zersetzend.» Übersetzt: Die behauptete Freiheit der Schweizer und die Geringschätzung der Intellektuellen sei historisch zu erklären. «Es war immer die äussere Bedrohung, die uns zusammengehalten hat.» Die reaktionären Monarchien des 19. Jahrhunderts, dann die Nazis, später im Kalten Krieg die Kommunisten, und nach 1989 «hat man halt die EU als Feind erfunden.» Und wer kritisiert, gelte als Gefahr.

Um selbst zu denken, müsse man nicht Professor sein

Was hat das mit Bärfuss zu tun? Viel, denn er ist einer, der sich diese Freiheit der Meinungsäusserung erlaubt, auch wenn er kein Historiker, kein Professor ist. Ein Vielleser ist er auf jeden Fall. Und zitierte gleich die Bundesverfassung. Die garantiere die freie Meinungsäusserung: «Expertentum ist dafür keine Bedingung.» Das war die zweite Pointe des Abends: «Wir alle könnten doch einmal versuchen, Intellektuelle zu sein.» Denken, zu Erkenntnissen gelangen, darüber in der Öffentlichkeit reden – «Intellektuelle müssen keine Experten sein». Auf die Frage, wo in der Schweiz kein Gebrauch gemacht werde vom freien Gedanken, meinte er: «Politisch funktioniert dieser Dialog gut, im Privaten und in der Wirtschaft weniger.» Er habe etwa an den Unis noch niemanden getroffen, der für die Bologna-Reform ist und trotzdem sei diese an allen Unis eingeführt. Bärfuss’ Vision: Selbstdenken ohne Gatekeeper, ohne Angst vor Hierarchien. Es ist sein eigenes Selbstverständnis.