Intellekt und Verzauberung

Er forderte und beschenkte das Publikum mit seiner Filmkunst: Nun ist der innovative Nouvelle-Vague-Regisseur Jacques Rivette gestorben. Er schuf experimentelle, gleichwohl formvollendete Erzählungen.

Daniel Kothenschulte
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Ein Zuviel an Erzählung konnte es bei ihm nicht geben: Der französische Regisseur Jacques Rivette (1928–2016). (Bild: getty)

Ein Zuviel an Erzählung konnte es bei ihm nicht geben: Der französische Regisseur Jacques Rivette (1928–2016). (Bild: getty)

Unter den ehrgeizigen jungen Kritikern der wohl einflussreichsten aller Filmzeitschriften, der Pariser «Cahiers du Cinema», war Jacques Rivette der zweite, der sich einen langen Spielfilm zutraute. Nach Chabrol, noch vor François Truffaut, Jean-Luc Godard und Alain Resnais begann er 1958 mit den Dreharbeiten zu «Paris gehört uns». Mit geliehener Ausrüstung und in der kostbaren Freizeit der Darsteller zogen sie sich über mehr als zwei Jahre hin. Doch als es Ende 1961 endlich zur Premiere kam, wirkte das Lebensgefühl, dass sich darin ausdrückte, aktueller denn je.

Die kreative Aufbruchstimmung im Studenten- und Theatermilieu mischt sich mit einem Gefühl unbestimmter Beklemmung, als ein Spanischer Aktivist im Umfeld der jungen Protagonisten Selbstmord begeht. Von der Kritik gefeiert, vom breiten Publikum weniger geliebt als die schwungvollen Auseinandersetzungen mit dem Genrekino seiner Freunde Chabrol, Truffaut und Godard, setzte der Film andere Massstäbe. Der 33-Jährige hatte seine Themen bereits gefunden, nur seinen Stil vermochte er Zeit seines Lebens immer weiter zu verfeinern.

Ein gutes Stück voraus

Vierzig Jahre lang forderte Rivette sein Publikum und beschenkte es zugleich. Mit experimentellen, aber gleichwohl formvollendeten Erzählungen, die oft schon durch ihre blosse Länge zu viel des Guten versprachen, doch wenn sie vorbei waren, hatte man nie genug von ihnen.

Erst vor kurzem erschien Rivettes längster Film auf DVD, das 1971 nur einmal aufgeführte 13-Stunden-Werk «Out 1: Noli me tangere». Wie im Erstling spielen wichtige Szenen bei Theaterproben. In einer Zeit, als sich das Kino in der breiten Öffentlichkeit als Kunstform definierte, war Rivette der Debatte bereits ein gutes Stück voraus: Was ist schon das Spezifisch-Filmische, fragt man sich perplex, wenn scheinbar gefilmtes Theater eine so beglückende Freiheit von der Leinwand entfacht? Und worin besteht die für die Filmkunst angeblich so essenzielle Möglichkeit der Montage, wenn man Einstellungen minutenlang ausspielen kann? Wie zum Beweis der Überlegenheit seiner Dramaturgie des Überschusses, stellte er eine «Kurzfassung» von 260 Minuten her – welche die Langfassung nur umso legendärer machte.

Glücksgefühle beim Beobachten

Gleiches lässt sich erleben, wenn man die Langfassung seines vielleicht populärsten Films, dem vierstündigen «Die schöne Querulantin», mit der vom Verleih bestellten Zweistundenversion vergleicht. «Wir haben versucht, einen Film zu drehen, der nicht über Malerei spricht, sondern sich ihr annähert», sagte er über die freie Adaption von Balzacs Erzählung «Das unbekannte Meisterwerk». Gewiss trug das populäre Thema vom Maler (Michel Piccoli) und der Inspiration durch sein Modell (Emanuelle Béart) unter den Augen der Ehefrau (Jane Birkin) zum Erfolg bei. Doch das eigentliche Glücksgefühl entwickelt – wie in seinen Theaterfilmen – die Beobachtung des kreativen Schöpfungsakts. Das Kino findet hier zu sich selbst, gerade weil es anderen Künsten in die Karten schaut.

Ein Zuviel an Erzählung konnte es bei ihm nicht geben. Höchstens ein Zuviel an Illusion – ihr setzte er strenge Grenzen, wenn er von seinen Darstellern eine Brecht'sche Distanz einforderte, die wiederum hinter die Grenzen des Spiels blicken liess. Die ewig unterschätzte Liselotte Pulver hat sicher keine anspruchsvollere Rolle gespielt als die lesbische Mutter Oberin in «Die Nonne» (1966) wo sie Teil der Leidensgeschichte einer jungen, von Anna Karina gespielten Zwangsnovizin ist.

Mit dem zweiteiligen Epos «Johanna, die Jungfrau» (1994) erzählte Rivette in späten Jahren abermals eine weibliche Leidensgeschichte jenseits äusserlicher Dramatisierung. So erreichte er bei seinem Publikum ein Gefühl von Intimität, das die technische Distanz des Mediums verschwinden liess und an Kammerspieltheater erinnerte.

Alles erfunden

Rivette wagte sich wiederholt, etwa bei «Céline und Julie fahren Boot», an die Arbeit ohne Drehbuch – und überraschte zugleich mit einer meisterhaft konstruierten Geschichte über Schein und Sein. Für den Kritiker David Thompson war es der «innovativste Film seit Citizen Kane – der erste Film, in dem alles erfunden ist». Doch das betraf bei Rivette nicht nur eine einzelne Geschichten. Das Kino selbst erfand er ein gutes Stück weit neu – und führte dabei Intellekt und Verzauberung in höchster Form zusammen. 1991 verlieh ihm das Festival Locarno einen Goldenen Ehrenleoparden.

Rivette, der die letzten Jahre an Alzheimer gelitten haben soll, starb am Freitag im Alter von 87 Jahren.

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