Lisa Elsässers neues Buch skizziert das Leben als ungeöffnete Box

Die am Walensee lebende Urnerin Lisa Elsässer erkundet in ihrem neuen Prosaband «Erstaugust» das so oft Schmerzhafte zwischen Kindheit und Älterwerden.

Dieter Langhart
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Lisa Elsässer erzählt von Liebe, Sehnsucht, Verlust. (Bild: Ralph Ribi)

Lisa Elsässer erzählt von Liebe, Sehnsucht, Verlust. (Bild: Ralph Ribi)

Eine Feststellung oder doch eine Frage? Mit «Was das Leben am besten kann» sind die zehn Gedichte überschrieben, die sich zwischen die zehn Erzählungen im Buch «Erstaugust» schieben; sie handeln von einem jungen Ich und der Mutter, von Äpfeln und einem alten Mann. Die Schriftstellerin Lisa Elsässer bewegt sich gern in beiden Gattungen: der verknappenden Lyrik und der ausholenden Prosa. Sie mag aber nicht trennen, denn die Sprache bleibt dieselbe: zart, feinfühlend, leise andeutend.

Und mit dieser Sprache erkundet Lisa Elsässer das vielgestaltige Leben, das uns Euphorie und Ernüchterung bereithält. «Schreiben ist Leben», hat sie vor einem Jahr in einem Interview bekannt. Schreiben bedeutet vor allem beobachten – sich selbst und andere.

Ein gerupftes Huhn auf dem Schoss

Die Erzählperspektive variiert in «Erstaugust». Doch was in der Ich-Form steht, braucht nicht autobiografisch zu sein, denn in jeder Beobachtung lässt sich auch das eigene Ich erkennen und reflektieren. Gleich mit der titelgebenden Erzählung, einer Kindheitserinnerung, schlägt die Autorin einen harschen Ton an: «Das Huhn, das als erstes in heisses Wasser getaucht worden war, lag nun auf meinem Schoss.»

Das kleine Mädchen fragt sich, warum es in eine neue, fremde Familie gekommen war – als einsames Arbeiterkind in eine arbeitsame Bauernfamilie über den Sommer. «Nur Mutters Kleid beim Abschied.» Es kann hier mit Hedwig wenig anfangen, sehnt sich nach seiner kleinen Schwester, das Herz erwartet die Mutter, «es gab da keinen Platz für eine andere Frau». Es läuft zur Post, fragt nach einem Paket von ­daheim, denn Mutter hat doch seinen Brüdern stets zum ersten August ein kleines Paket mit Zuckerstöcken und bengalischen Zündhölzern auf die Alp geschickt. Jeden Tag geht das Mädchen zur Post, vergeblich, es ist enttäuscht. Lisa Elsässer erzählt die Geschichte mit leiser Wehmut und leisen Mundarteinsprengseln, aber etwas zu stark aus der Erwachsenenperspektive. «Wieder zu Hause angekommen, musste mir zuerst der fremde Dialekt wieder ausgeredet werden.»

Noch ein Paket voller ­unerfüllter Träume

In «Wildheuen» verbringt eine Frau einige «angstfreie Nächte» bei einem Bekannten ihres Mannes, in seinem Haus hoch über dem Tal. Sie kennt ihn nicht gut. Er lebe mit einem Mann, sagt er ihr, wie sie mit einem Mann lebt: «Im richtigen Leben lebten sie beide mit der Liebe eines Menschen, mit dem sie schon lange lebten» – eine leise Reverenz an Lisa Elsässers ersten Roman «Fremdgehen». Trotz einer erzwungenen Metapher (die Frau hatte «wieder in den Brunnen ihres Durstes geschaut, der sie lebenslänglich begleitete») ist dies eine der schwebend leichten Geschichten, die Lisa Elsässer so gut beherrscht.

Stark dieser Anfang, der den Titel mit dem ersten Satz einer Kürzestgeschichte verknüpft: «Mutter starb / vor Vater». Gleich darauf, in «Spiegel», greift die Ich-Erzählerin den Topos vom alten Mann wieder auf und schneidet ihn, wie in einem Spiegel, gegen mit ihrem inzwischen verstorbenen Vater, der sich stets zu viele Gedanken über das Denken anderer Leute gemacht hatte. Da gelingen Lisa Elsässer wunderbare Bilder: «Sie sassen auf der Bank wie zwei Menschen, denen das Leben als ungeöffnete Schachtel auf ihren Knien lag ..., als enthielte dieses zugeschnürte, verknotete Paket all ihre unerfüllten Träume und Wünsche.» Wieder diese Wehmut über «all die vertanen Möglichkeiten mit Vater». Die Zeitebenen mischen sich, die Erzählerin besucht den alten Mann im Spital und holt ihren Vater ab und setzt sich mit ihm an den Bach. «Nie hatte ich Vater zärtlicher gesehen.»

«My sister and I», über drei Geschwister, ist die längste Geschichte und fällt etwas ab, weil die Erzählerin oft deutet, nicht nur erzählt. Der «Tango» zum Schluss aber ist eine wundervolle Preziose über die Liebe und das Altern.

Buchvernissage: So, 7.4., 10.30 Uhr, Museumbickel, Walenstadt