Ins Kino mit Caroline und Marco Ubieto: Die St.Galler Eltern einer behinderten Tochter erkennen ihre eigene Situation im Film «Wer sind wir?» wieder

Der Dokumentarfilm des Basler Regisseurs Egar Hagen fragt nach dem Platz und der Rolle von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Caroline und Marco Ubieto erkennen ihre eigene Situation in vielen Szenen des Films «Wer sind wir?» wieder.

Caroline und Marco Ubieto erkennen ihre eigene Situation in vielen Szenen des Films «Wer sind wir?» wieder.

Bild: PD

Caroline und Marco Ubieto hatten die Karten für den Dok-Film «Wer sind wir?» bereits reserviert, als die Anfrage für einen gemeinsamen Kinobesuch sie erreichte. Denn die beiden St.Galler kennen Veronika und Helena Kisling, zwei der Protagonistinnen, die im Film des Basler Regisseurs Edgar Hagen auftreten. Er fragt darin nach dem Platz und der Rolle von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft und danach, was ein gutes Leben ist – trotz Beeinträchtigung.

Helena Kisling leidet wie Viviane, die bald 13-jährige Tochter der Ubietos, unter einer seltenen Krankheit mit schwerer Epilepsie, die sie körperlich und geistig behindert. Die beiden Familien hatten sich vor einiger Zeit über eine spezielle Diät ausgetauscht, welche die Zahl der Anfälle verringern kann. Vor allem Caroline Ubieto ist über die sozialen Medien weltweit mit Eltern epilepsiebetroffener Kinder vernetzt. Ihr Urteil über den Film fällt positiv aus: «Spannend und eindrücklich» sei er gewesen. In vielen Szenen habe sie ihre eigene Situation wiedererkannt.

Jonas (links) in der integrativen Torwiesenschule mit seinen Klassenkameraden.

Jonas (links) in der integrativen Torwiesenschule mit seinen Klassenkameraden.

Bild: PD

Am meisten beeindruckt hat Ubieto die integrative Torwiesenschule in Stuttgart, wo Jonas, der weitere Protagonist, zur Schule geht. Der Elfjährige leidet unter einer schweren Hirnfehlbildung die bewirkt, dass er nie sitzen, stehen, laufen oder sprechen können wird. Jonas besucht gemeinsam mit Nichtbehinderten den Unterricht: «Die Schülerinnen und Schüler haben überhaupt keine Berührungsängste», sagt Caroline Ubieto. Ein Mädchen aus Jonas’ Klasse sagt im Film: «Mit Jonas zu sprechen ist einfacher, als eine Fremdsprache zu lernen. Es ist eine Art Augensprache.» Und ein Bub sagt: «Was Jonas anders als Gleichaltrige nicht kann, ist Lügen.»

Caroline Ubieto selbst hätte sich für ihre Tochter eine integrative Beschulung gewünscht. Es kam anders: Weil Vivianes Erkrankung fortschreitet und das Kind deshalb in seiner Entwicklung immer mehr zurückblieb, musste es gar die Sonderschule wechseln. Eine schmerzliche Erfahrung, die während des Films wieder hochkam: «Es geht doch nicht darum, Viviane das ABC beizubringen, sondern darum, dass sie Teil der Gesellschaft wird», sagt Caroline Ubieto. Und ihr Mann ergänzt: «Meine Tochter macht mich zu einem besseren Menschen. Davon könnten auch andere Kinder profitieren.» Ihm fehlte im Film denn auch der konkrete Bezug zur Politik. Er sieht den Staat in der Verantwortung, Behinderte in die Gesellschaft zu integrieren.

Der elfjährige Jonas mit seinem Vater.

Der elfjährige Jonas mit seinem Vater.

Bild: PD

Als Jonas vier Monate alt war, eröffneten die Ärzte den Eltern, dass bei ihm «Verdacht auf Blindheit» und eine zerebrale Bewegungsstörung bestehe. Im Film erzählt der Vater, wie er auf diese Diagnose der Ärzte reagierte: Als Erstes habe er wissen wollen, ob dies bedeute, dass sein Sohn niemals Velofahren lernen könne. Da war die schlimmste Einschränkung, die er sich für Jonas’ Leben vorstellen konnte. Caroline Ubieto erinnerte diese Szene an ihre eigenen Vorstellungen für Vivianes Zukunft. «Ich dachte: Mein Kind muss Lesen und Schreiben lernen, sonst kann es in dieser Welt nicht bestehen.» Dieser Gedanke sei mittlerweile weit weg:

«Heute wünsche ich mir, dass Viviane möglichst lange in guter Verfassung mit uns leben kann, dass sie glücklich ist und Freude hat am Leben.»

Aktuell im Kinok St.Gallen, Kino Passerelle, Wattwil und Cinema Luna, Frauenfeld; dort am 20.2. Gespräch mit dem Regisseur.