Innenleben eines Museums

Johannes Holzhausen blickt in seinem Dokumentarfilm «Das grosse Museum» kommentarlos hinter die Kulissen des Kunsthistorischen Museums in Wien. Ein ebenso facettenreiches wie witziges Porträt.

Walter Gasperi
Drucken
Teilen
Pieter Bruegels «Turmbau zu Babel»: Umsicht ist angesagt beim Hängen dieses Meisterwerks im Kunsthistorischen Museum in Wien. (Bild: pd)

Pieter Bruegels «Turmbau zu Babel»: Umsicht ist angesagt beim Hängen dieses Meisterwerks im Kunsthistorischen Museum in Wien. (Bild: pd)

Rund 1,3 Millionen Besucher zählt das 1891 eröffnete Kunsthistorische Museum in Wien jährlich, über 400 Menschen arbeiten hier. Ein Koloss ist diese Institution, die Kunstschätze aus dem alten Ägypten ebenso beherbergt wie die weltweit grösste Sammlung an Bildern von Pieter Bruegel d. Ä. oder die legendäre Saliera, die 2003 gestohlen und 2006 wieder gefunden wurde.

Bruegel und das Kino

Hier hängt Bruegels «Die Kreuztragung Christi», über dessen Entstehung und zeitgeschichtlichen Hintergrund Lech Majewski in seinem faszinierenden Spielfilm «Die Mühle und das Kreuz» spekulierte. Im Bruegel-Saal beginnt auch die leise Beziehung zwischen einem Museumswärter und einer Kanadierin in Jem Cohens «Museum Hours», der 2012 im Wettbewerb von Locarno lief, aber nie in die Schweizer Kinos kam.

Bruegels «Der Turmbau zu Babel» ist auch eines der wenigen Gemälde, denen sich Johannes Holzhausen ausführlicher widmet. Wie alle anderen Kunstwerke zeigt er aber auch dieses nicht als ruhendes Ausstellungsobjekt, sondern wie es am Beginn des Films aufgehängt und am Ende abtransportiert wird.

In seiner Personenfülle und in der Baustelle «Babel» verweist dieses Bild dabei auch auf den Film, denn wie Bruegel wechselt auch Holzhausen zwischen zahlreichen Personen und Aspekten und präsentiert das Museum nicht als etwas Statisches, sondern als eine im Umbau befindliche Einrichtung.

Zwei Jahre schauten der Regisseur und seine Kameraleute Joerg Burger und Attila Boa den Museumsangestellten von der Direktorin Sabine Haag und dem kaufmännischen Geschäftsführer Paul Frey über Restauratoren bis zum Reinigungsdienst bei der Arbeit zu. Den zeitlichen Rahmen des Films steckt die Sanierung der Kunstkammer ab: Am Beginn steht eine Szene, in der mit einem Pickel brachial der Parkettboden aufgerissen wird, am Ende die feierliche Eröffnung im März 2013.

Habsburger Selbstverständnis

Ausser beim Festakt bekommt man keine Museumsbesucher zu Gesicht, der Fokus liegt ganz auf den unterschiedlichen Arbeitsbereichen und der Rolle und dem Selbstverständnis des in der Kaiserzeit erbauten Museums im 21. Jahrhundert. In klassischer Direct-Cinema-Manier verzichtet Holzhausen auf Kommentar und Interviews ebenso wie auf Musik und beschränkt sich ganz auf die begleitende Beobachtung. Dem Zuschauer wird so überlassen zu beurteilen, was es für das demokratische Österreich bedeutet, wenn der Bundespräsident ausgerechnet ein Gemälde von Kaiserin Maria Theresia in seiner Kanzlei aufhängen lässt.

Mit dem Scooter zum Kopierer

Aber nicht nur informativ ist dieser Dokumentarfilm, sondern er verfügt auch über eine gehörige Portion Humor: Da verfolgt die Kamera in langer Steadycam-Fahrt einen Angestellten auf seinem Scooter durch den Verwaltungstrakt, bis er vor einem Kopierer stoppt, und nicht nur akribische Restaurationen sind nötig, sondern auch der Penis einer Herkules-Statue muss gesäubert werden.

Bei Budgetsitzungen ist Holzhausen ebenso dabei wie bei Diskussionen über Logo und Marketing, macht auch strenge Hierarchien und fehlende Kommunikation zwischen den Abteilungen sichtbar und regt mit dem Faktum, dass man mit dem anachronistischen Label «kaiserlich» das Zuschauerinteresse deutlich erhöht, zum Nachdenken an.

Ein Schüler Frederick Wisemans

Ganz in der Tradition der Filme von Frederick Wiseman, der in seinem jüngsten Film «National Gallery» den Zuschauer hinter die Kulissen des berühmten Londoner Museums blicken lässt, steht «Das grosse Museum». Während der 84jährige Amerikaner in seinen überlangen Filmen – auch «National Gallery» ist drei Stunden lang – sich und dem Zuschauer aber immer viel Zeit lässt, ist Holzhausens Blick weniger insistierend. Szenen werden so weniger verdichtet, dafür bietet der Österreicher in 90 sehr unterhaltsamen Minuten einen äusserst facettenreichen Einblick in den Museumsbetrieb.

Aktuell im Kinok St. Gallen; weitere Kinos folgen