Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Innehalten am Flämmchentisch

Wie gross ist das Bedürfnis nach Gedenken? Der St. Galler Künstler Jan Kaeser will diesem Bedürfnis nachspüren. Nächste Woche richtet er in St.Gallen eine temporäre «freie Gedenkstätte» ein.
Martin Preisser
Aus diesem Tisch züngelt eine Flamme: Jan Kaeser zeigt ein Modell seiner Installation. (Bild: Ralph Ribi)

Aus diesem Tisch züngelt eine Flamme: Jan Kaeser zeigt ein Modell seiner Installation. (Bild: Ralph Ribi)

Aus einem Holztisch flackert ein Flämmchen – eine prekäre Situation. Das Feuer ist eine offensichtliche Gefahr für den Tisch. Tisch und Flamme gehen eine Verbindung ein. Aber etwas passt nicht zusammen. Unvereinbares zusammenbringen mit dem Ziel, dass etwas Drittes, Neues, vielleicht Poetisches oder einfach Überraschendes entsteht, ist ein roter Faden in den Arbeiten des St. Galler Künstlers Jan Kaeser. Und doch gehören Tisch und Flämmchen auch irgendwie wieder zusammen, wenn man den Tisch als Symbol für Kommunikation und das Licht als Symbol für Hoffnung betrachten mag.

Den Flämmchentisch wird Kaeser ab 25. Oktober im Kunstschaufenster «Hiltibold» in der St. Galler Goliathgasse zeigen. Wo sonst Kunstschaffende meist einfach bloss ein Kunstwerk zum Betrachten hineinstellen, will Jan Kaeser mehr.

«Ich möchte nicht nur etwas zur Schau stellen, sondern einen Ort zum Innehalten anbieten.»

Eine «freie Gedenkstätte» stellt er zur Verfügung, mit der Idee, dass jeder dort Blumen niederlegen kann. Man kann eines verstorbenen Menschen gedenken, eines Tieres oder eines Ereignisses. Der Inhalt des zu Gedenkenden ist frei. Vielleicht könne das sogar ein zukünftiges Geschehnis sein, sinniert Kaeser.

Keine Kunst ohne Kommunikation

Mit der Flamme interpretiert er nicht nur so etwas Alltägliches wie einen Tisch neu, sondern will mit der Installation auch Verbindung suchen zum Betrachter, ihn in die Idee miteinbeziehen, ihm Raum geben, seinerseits Verbindung zu schaffen. «Ein Kunstwerk ist erst dann fertig, wenn es ausgesetzt ist, wenn es sich stellt. Kunst ohne Kommunikation funktioniert nicht», meint Jan Kaeser, der in den letzten Jahren einige Wettbewerbe für Kunst auf Friedhöfen gewonnen hat.

Wenn er sagt, er sei kein Marketingkünstler, dann stimmt das. Eine Aktion wie die freie Gedenkstätte ist weit entfernt von einem schnellen Kunstgag. Auf überraschende Weise wandelt Kaeser, dessen Kunst stark an den Moment gebunden ist und der stets situationsbezogen arbeitet, das in Anschauliches um, was ihn innerlich beschäftigt. Seine Erfahrung mit der künstlerischen Gestaltung von Friedhöfen, der sichtbaren Ausformung von Gedanken im Grenzbereich von Tod und Leben, fliesst natürlich auch in die Gedenkstättenidee mit ein.

Ein Flämmchen, das aus einem Tisch züngelt, scheint auf den ersten Blick eine einfache Idee. Aber das täuscht. Drei Monate hat sich der Künstler mit dem richtigen Material auseinandergesetzt, mit der Funktionalität des Tisches, die er nun umdeutet und entfremdet. Viel Gedankenarbeit im Vorfeld und auch viel ganz konkrete Tüftelei stehen hinter dieser Kunstaktion.

Ein dreiwöchiger Versuch

Ein Flämmchen in St. Gallens Zentrum als Symbol zum Innehalten: Jan Kaeser will das nicht religiös verstanden wissen, aber durchaus als Experiment. Ihn interessiert auch die Wirkung seiner Kunst, die Frage, wie ein künstlerisch neu definiertes Objekt wahrgenommen wird, was es vielleicht auszulösen vermag. Mit dem dreiwöchigen Versuch will Kaeser auch herausspüren, ob ein Bedürfnis nach Gedenken da ist, welche Reaktionen sein Tisch im Fenster auslöst. Die freie Gedenkstätte könne als Kunst vielleicht dem etwas entgegenhalten, was durchaus in der digitalen Realität unserer Selfie-Kultur schon stark durchscheine, überlegt Jan Kaeser: «Vielleicht ist das Selfie ja heute eine Form des Sich-selbst-Gedenkens.»

Einweihung: Do, 25. 10., 18 Uhr, Hiltibold, Goliathgasse 15, St. Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.