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Kein Märchen Sie hatte mit der im vergangenen März freiwillig aus dem Leben geschiedenen Künstlerin Ghislaine Ayer die Wohnung geteilt. Betroffen und berührt, wie sie gewesen war, hatte sie erzählt, ruhig, sachlich, besonnen.

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Die Kunst in Schubladen bei Corinne Borasio. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Die Kunst in Schubladen bei Corinne Borasio. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Kein Märchen

Sie hatte mit der im vergangenen März freiwillig aus dem Leben geschiedenen Künstlerin Ghislaine Ayer die Wohnung geteilt. Betroffen und berührt, wie sie gewesen war, hatte sie erzählt, ruhig, sachlich, besonnen. Und wie alle anderen aus ihrem näheren Umfeld, zu verstehen versucht. Sich selber liess sie dabei aus, sie war zurückhaltend, beinahe scheu – so, wie sie sich auch später im persönlichen Gespräch gibt: kein Aufhebens über ihre eigene Person, auch nicht, nachdem ein Nachfragen ergibt, dass sich hier abenteuerliche, märchenhafte Welten auftun von Okzident bis Orient, als wären's Geschichten aus tausendundeiner Nacht. Gesäumt von Höhen und Tiefschlägen und immer auch von einem künstlerischen Antrieb.

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Corinne Borasio kam in London auf die Welt. Ihre Mutter war, nicht zuletzt aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, für die es hier in den 50er-Jahren kaum Verständnis gab, nach London «geflohen», dort lernte sie einen türkischstämmigen Wissenschafter aus Sudan kennen, Borasios Vater. Das Kleinkind wurde zurück in die Schweiz gebracht, wo es bei einer Tante aufgenommen wurde, die heiratete, als Corinne Borasio zehn Jahre alt war und sie mitnahm auf den Bauernhof ihres Gemahls.

Diese Jahre, die sie als «sehr schwierig» bezeichnet, verarbeitete sie zeichnerisch; sie besuchte später den Vorkurs in Zürich, wohin ihre Mutter inzwischen gezogen war, die beiden lebten für kurze Zeit zusammen. Durch eine Kette von Zufällen lernte sie einen Cousin ihres Vaters kennen, der ihr nach weiteren zwei Jahren die Reise über Bulgarien nach Sudan ermöglichte. Nach zwei Monaten Aufenthalt mit den Mitgliedern des weitverzweigten Clans schickte man die junge Frau zurück nach Europa. Sie blieb in Bulgarien, reiste von dort weiter in die Türkei und Pakistan.

Bereits in Zürich hatte sie begonnen, Arabisch zu lernen, und konnte sich nun mit ihren Sprachkenntnissen durchschlagen. Mit einer kurdischen Sippe reiste sie nach Afghanistan, dann nach Indien. Sie lernte ihre Bräuche, Riten und Tänze – bis sie zwei Jahre später mittellos und ohne Ausbildung wieder in der Schweiz landete.

Sie wurde das erste Mal Mutter, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, füllte wie bis anhin Bücher und Papierbögen mit Tusche- und Bleistiftzeichnungen und kleineren Malereien.

Kunstsachverständigen, die ihr Talent erkannten und sie ermutigten – eine erste Ausstellung in der Zürcher Galerie Bollag war vorausgegangen – konnte sie nur immer ihr fehlendes Selbstwertgefühl entgegenhalten.

Doch sie lernte kämpfen: Für sich und ihre Tochter, die man der jungen Frau am liebsten weggenommen hätte. Und wie es so ist im Märchen, geschah es dann auch Corinne Borasio: Sie erbte, inzwischen Mutter von zwei Kindern und wieder Single, ein Haus in Muolen, zog dort ein, renovierte die Liegenschaft bis unters Dach selber, belegte daneben die FFR-Klasse der Schule für Gestaltung – bis sich ihr erstes und einziges «Schloss» in einen Albtraum verwandelte und sie erneut alles verlor, was sie besass. «Etwas in mir will und kann sich einfach nicht festlegen», kommentiert die heute 57-Jährige ihre wechselvolle Biographie.

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Seit einem Jahr hat sie die erste feste Stelle in ihrem Leben. In ihrer originell eingerichteten Wohnung direkt gegenüber der Reithalle schlummert ihre Kunst einmal mehr in Schachteln und Schubladen: Gussobjekte aus Gips und Latex, Radierungen, Zeichnungen, Illustrationen, Malereien.

Und an der einen Wand hängt – sehr filigran und fast schwebend – ein dreidimensionales Drahtobjekt, bestehend aus lauter lose ineinander geflochtenen Kringeln – als wär's ein erforschtes Stück ihres Selbst.

Brigitte Schmid-Gugler