Gedankenspiel
In Zeiten von fehlendem Toilettenpapier: Was für einen Wert hat Papier als Wertstoff noch? Ein Gedankenspiel

Unser Autor macht sich Überlegungen zum postkulinarischen Gebrauch von Büchern.

Florian Bissig
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Das E-Book kostet deutlich mehr als ein Papierbuch. Aber ist es auch nützlicher?

Das E-Book kostet deutlich mehr als ein Papierbuch. Aber ist es auch nützlicher?

Keystone

Das Papier, aus dem unsere Romane und Gedichtbände hergestellt sind, gilt uns heutzutage als wertloser Träger des Inhalts. Seine Produktionskosten sind fast unerheblich in der Gegenüberstellung mit den Aufwendungen für Satz, Korrektur, Vertrieb, Werbung, und sogar mit des Urhebers Obolus, wie mickrig er auch ausfallen möge.

Teure Kunst, wertvolle Gedanken veredeln hier die schnöde Materie. Und wenn Papier mehrfach verwendet oder rezykliert wird, dann nicht, um Kosten zu sparen, sondern, um die Umwelt zu schonen.

Das war nicht immer so. Vor der Industrialisierung war das Papier mit Abstand der grösste Kostenfaktor bei der Buchherstellung.

Das Papier von Büchern und Zeitschriften blieb auch jenseits der Verwendung als Schriftträger ein knapper Wertstoff, mit dem man haushälterisch umging. Koffermacher brauchten Altpapier, um ihre Koffer zu füttern; Mägde und Köchinnen brauchten es zum Anfeuern; und jedermann brauchte es am stillen Örtchen.

Wanderschuhe stopfen oder Cheminée anfeuern

Solche Verwendungen des materiellen Teils von Büchern stehen in Konkurrenz zu deren Gebrauch und Wertschätzung als Schriftträger. Liest diese Zeitung noch jemand, oder kann ich meine Wanderschuhe damit stopfen? Nehme ich diesen Roman jemals wieder zur Hand, oder kann man das Cheminée damit anfeuern?

Die Umnutzung des Schriftträgers zu derart profanen Zwecken hat für die Urheber der darauf gedruckten geistigen Erzeugnisse etwas Erniedrigendes. Das Knistern im Herd ist kaum die Resonanz, die sich ein Schriftsteller für seine Werke wünscht.

Mit einer Mischung aus masochistischer Lust und grimmigem Sarkasmus hatte der englische Autor Samuel Taylor Coleridge die Zweckentfremdung seiner Werke immer aufs Neue imaginiert. Als er seine Haushaltshilfe eines frühen Morgens dabei erwischte, eine extravagante Menge Papier in den Ofen zu stopfen, soll sie sich gewehrt haben: Es seien ja nur «Watchmen» – die gestapelten ­Exemplare von Coleridges radikaldemokratischer Zeitschrift. Ein «amüsantes Memento» der Unverkäuflichkeit seiner Schriften nannte er die Anekdote.

Dass seine Übersetzung von Schillers «Wallenstein», über der er fast verzweifelt war, nach ein paar Jahren überhaupt noch existierte, schrieb Cole­ridge der «freundlichen Vorliebe der Koffermacher» zu. Und zu welchem Behuf der Earl of Cork wohl gleich achtzehn Abonnements seines Journals «The Friend» bestellt hatte? «Vielleicht für den kulinarischen oder postkulinarischen Gebrauch seiner Diener», mutmasste Coleridge. Also um Pfannen zu putzen – oder Hintern.

Das sind Geschichten aus einer fernen Epoche. Und auch in Zeiten des E-Papers, mit dem man keinen Schuh ausstopfen kann, und von Toilettenpapier-Hamsterei wird bestimmt nicht so bald eine Knappheit an Makulatur entstehen.

Dennoch könnte eine erneute Gegenüberstellung des materiellen Werts unserer Privatbibliotheken mit deren intellektuellem Wert eine erhellende, ja reinigende Wirkung haben. Natürlich als blosses Gedankenspiel (das zum Ausmisten gespielt werden kann). Wenn der Wert des Papiers stiege: Welche Romane und Gedichte wären es auch dann noch wert?

Natürlich wird niemand auch nur auf die blasphemischen Gedanken kommen, den grossen Barden oder unseren Dichterfürsten mit der schlimmsten vorstellbaren Erniedrigung zu besudeln. Aber wer müsste zuerst gehen? Wer kommt in den nassen Schuh, wer ins Cheminée?

Und wer war das noch, der uns kürzlich beim Lesen fast dazu gebracht hätte, unser ästhetisches Urteil in Fäkalsprache zu artikulieren – und böte sich somit in der Not zum postkulinarischen Gebrauch an?