In weiter Ferne so nah

Drohnen Friedensnobelpreisträger Barack Obama setzt mehr als seine Vorgänger auf den Krieg mit Drohnen. Der ist viel billiger, und der US-Präsident kann vermeiden, dass Soldaten in Särgen in die Heimat zurückkehren. Doch die neue Art des Krieges birgt andere Risiken und ist nicht so ungefährlich wie sie scheint. Valeria Heintges

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Eine Drohne wie ein Modellflugzeug: Amerikanischer Soldat mit einer unbewaffneten Drohne Typ Raven. (Bild: ky/Todd Pitman)

Eine Drohne wie ein Modellflugzeug: Amerikanischer Soldat mit einer unbewaffneten Drohne Typ Raven. (Bild: ky/Todd Pitman)

Immer dienstags ist «Terror Tuesday»: Da legt Terrorberater John Brennan US-Präsident Barack Obama die Liste mit Namen von Menschen vor, die von bewaffneten Drohnen abgeschossen werden sollen. Das gehört zu Brennans Job als «Assistent des Präsidenten und Stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater für Innere Sicherheit und Anti-Terrorismus». Dann geht die Liste mit zum Abschuss freigegebenen Menschen an die Soldaten einer Spezialeinheit der Luftwaffe. Die lenken Drohnen und lösen die Raketen aus.

Drohnenpapst wird CIA-Chef

Demnächst wird Obama die Listen von jemand anderem bekommen, denn Brennan wurde am 7. Januar zum neuen CIA-Direktor nominiert. Damit bliebe der sogenannte «Drohnenpapst» aber Herr über die Drohnen. Doch während die Öffentlichkeit über das Programm der Luftwaffe noch relativ gut informiert ist, weiss sie über das der CIA und des «Joint Special Operations Command», das Spezialeinsätze mit verschiedenen Einheiten leitet, fast nichts. Aber auch die arbeiten mit Drohnen, den neuen Wunderwaffen.

Die USA besitzen rund 7500 Drohnen. Auch Israel operiert damit. 50 Länder besitzen unbewaffnete Drohnen für Aufklärungsflüge. Der Einsatz von bewaffneten Modellen wie dem Reaper, dem Sensenmann, hingegen ist heftig umstritten, wie die aktuelle Debatte in Deutschland zeigt.

Fensterloser Container

Dabei klingt doch alles so sauber, rein und harmlos: Da sitzt ein amerikanischer Soldat der Luftwaffe mit einem Kollegen in einem fensterlosen Container zum Beispiel in Creech, eine Stunde von Las Vegas entfernt. Über vierzehn Bildschirme und vier Tastaturen steuern die beiden Drohnen. Wenn einer von ihnen einen Knopf drückt – stirbt ein Mensch im 10 000 Kilometer entfernten Afghanistan.

Nach Dienstschluss geht der Soldat zu seinem Auto, fährt auf dem Heimweg noch am Supermarkt vorbei und ist dann pünktlich zum Abendessen bei seinen Lieben daheim. Die Frau könnte ihn fragen: «Darling, wie war dein Tag?» Und er könnte antworten: «Gut, wir haben ihn gekriegt, den Terroristen.»

Soldaten, die in der Wüste von Nevada auf Knöpfe drücken, riskieren bei ihrem Einsatz nicht ihr Leben. Ein Präsident, der auf den Einsatz mit Drohnen setzt und das nicht einmal Krieg nennen will, weil ja keine US-Truppen gefährdet werden, muss nicht vor mit Sternenbannern bedeckten Soldatensärgen salutieren. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass der Drohneneinsatz zwar unter George W. Bush begonnen wurde, aber unter Friedensnobelpreisträger Barack Obama exponentiell gestiegen ist. Zudem sind Drohnen billiger als herkömmliche Kriegsmittel, auch die Ausbildung der Soldaten in den «Cockpits» ist günstiger.

«Drohnen scheinen die perfekte Waffe für das postheroische Zeitalter und die perfekte Waffe für einen Friedensnobelpreisträger als Oberkommandierenden der Streitkräfte», schrieb die «NZZ am Sonntag». Obama selbst aber scheint zu wissen, dass die Sache so einfach nicht ist. «Die grosse Distanz macht es verführerisch anzunehmen, dass wir verzwickte Sicherheitsprobleme lösen können, ohne uns die Hände dreckig zu machen», sagte er dem Autor Mark Bowden für dessen Buch «The Finish: The Killing of Osama bin Laden».

Nein, dreckige Hände haben diese modernen Soldaten nicht, wenn sie abends nach Hause kommen. Aber immer mehr leiden an denselben Symptomen wie die heimkehrenden Kollegen aus den Kriegsgebieten: Schweissausbrüche, massive Schlafstörungen, Lähmungserscheinungen und grundloses Zittern.

Tagelanges Beobachten

Denn wenn die neue Technik es möglich macht, dass die Soldaten im heimischen Amerika auf den Auslöseknopf drücken, so nur, weil dieselbe Technik es auch ermöglicht, dass sie ihre Opfer von Nevada aus beobachten. Und zwar sehr genau, tagelang. Sie sehen sie auf ihren Monitoren in ihren Dörfern, beim Plausch mit dem Nachbarn am Brunnen, im Auto mit Freunden. Weil Afghanen auf dem Dach schlafen, können die Soldaten sogar sehen, wann sie Sex haben. Und sie sehen auch, wie ihre Opfer von der Rakete zerrissen werden.

Das Paradox ist: Nur weil die Soldaten mit der neuen Technik ihren Opfern so nah kommen, können sie sie von so weit weg erschiessen, ohne ihr eigenes Leben zu riskieren. Früher standen sich im Nahkampf zwei Fremde gegenüber, die sich zu verletzen oder zu töten versuchten. Hatten die Gegner mit dem Messer noch unmittelbaren Hautkontakt, erlaubte ihnen jede neue Waffe – Speer, Langbogen, Gewehr, Maschinengewehr, Bombe –, sich mehr voneinander zu entfernen. Und mit der ferngesteuerten Drohne kann jede beliebige Distanz zwischen ihnen sein.

Aber in den sogenannten asymmetrischen Kriegen der USA muss der Soldat seine Opfer viel länger verfolgen, weil er sie überhaupt erst aufgrund ihrer verdächtigen Taten zum Opfer erklärt. Diese sogenannten «Signature Strikes» werden ausgelöst, weil sich ein Mensch einem bestimmten Verhaltensmuster entsprechend verhält und sich dadurch verdächtig macht.

Zusätzliches Problem: Der Soldat, der aus einem Drohnen-Container nach Hause kommt, scheint einer ganz normalen Arbeit nachzugehen. Kaum einer in seinem privaten Umfeld kann daher nachvollziehen, wie ihm zumute ist, wenn er tagsüber Menschen willentlich und wissentlich erschossen hat.

Zudem gibt es trotz aller gegenteiligen Beteuerungen immer wieder Opfer unter Zivilisten. Das amerikanische Büro für investigativen Journalismus erfasst 475 bis 891 getötete Zivilisten allein in Pakistan, davon 176 Kinder. Die Zahlen halten auch Forscher der New Yorker und der Stanford University für glaubwürdig.

Menschen bleiben in Häusern

In ihrem Bericht «Living under drones» zitieren die Uniforscher Menschen, die erzählen, wie es ist, rund um die Uhr von im Himmel kreisenden Drohnen überwacht zu werden, die jederzeit töten können. Die Leute seien verängstigt und traumatisiert; in ganzen Regionen würde das öffentliche Leben zum Erliegen kommen.

Ein Grund für die hohe Zahl von toten Zivilisten: Mehrere Sekunden liegen zwischen dem Druck auf den Knopf in den USA und dem Auslösen der Rakete am Bauch der Drohne im Himmel über Afghanistan. War das Opfer 17 Sekunden vorher noch allein am Auto, am Brunnen oder wo auch immer, kann sich die Situation in dieser kurzen Zeit grundlegend ändern – aber der Soldat die Rakete nicht mehr stoppen.

Man kann argumentieren, dass Krieg eben Krieg ist und der Nutzen trotzdem grösser als der Schaden. Aber es sollte sich niemand einbilden, die Menschheit könne je einen sauberen und ungefährlichen Krieg führen. Krieg bleibt ein schmutziges Geschäft, egal, ob der Mensch, der tötet, seinem Opfer gegenübersteht oder ob sie mehrere Kontinente voneinander trennen.

Im Cockpit: Soldaten in den USA steuern eine bewaffnete Reaper-Drohne. (Bild: ap/US-Verteidigungsdepartement)

Im Cockpit: Soldaten in den USA steuern eine bewaffnete Reaper-Drohne. (Bild: ap/US-Verteidigungsdepartement)