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In Trance ohne Drogen

Inspiriert von Schamanen: Der Rorschacher Musiker Heinz Lieb hat sich eine «Zeitmaschine» bauen lassen. Mit ihr will der Trommler sein Publikum in Trance versetzen und neue Türen zum Bewusstsein aufstossen.
Melissa Müller
Heinz Lieb und seine Zeitmaschine: Die Stahlrohre sollen an die «heilige Geometrie im Kosmos» erinnern. (Bild: Urs Bucher)

Heinz Lieb und seine Zeitmaschine: Die Stahlrohre sollen an die «heilige Geometrie im Kosmos» erinnern. (Bild: Urs Bucher)

Seit jeher sehnt sich der Mensch nach Ekstase. Auch Heinz Lieb. Der Rorschacher Musiker ist auf der Suche nach einem Trancezustand ohne Drogen. Dazu hat sich der 54-Jährige eine «Zeitmaschine» bauen lassen: Eine sechs Meter hohe futuristische Konstruktion aus Metall, die an ein UFO oder eine versunkene Stadt erinnert.

«Als Kind war ich fasziniert von den Visionen des Schriftstellers Jules Verne», erklärt Heinz Lieb und enthüllt die Skulptur in seinem Atelier in einer Fabrik in Rorschach. In der TV-Sendung «Aeschbacher» hat er seine Maschine bereits vorgeführt. «Sie ist das Ergebnis meines langjährigen Experimentierens.» Das Instrument ist mit verschieden grossen transparenten Trommeln bestückt. Mittendrin ist ein Hocker. Heinz Lieb klettert hinauf und drischt mit blauen Raschelbürsten auf die Trommeln ein. Stahlrohre umringen ihn wie Planetenbahnen. Er spürt die Kraft der Musik mit Haut und Haar. Konzentriert spielt er mehrere Rhythmen gleichzeitig – und gerät dadurch in einen hypnotischen Sog. Klänge und Rhythmen dienen ihm als Medium, um meditative Zustände zu erreichen. Schamanen bedienen sich bereits seit Jahrtausenden dieser Methode.

Bald will er damit an die Öffentlichkeit. Eine Show mit Videoprojektionen und Tänzerinnen soll es werden. Dazu hat er auch den ehemaligen Bubble-Beats-Trommler Christian Gschwend und eine Sufi-Tänzerin angefragt. «Das Theaterspektakel Zürich wäre der ideale Event zur Uraufführung der <Zeitmaschine>.» Noch aber fehlt es ihm für sein Projekt an Geld.

Tellerwäscher in New York

Der gebürtige Konstanzer, der in Kreuzlingen aufgewachsen ist, hat sich als virtuoser Jazz-Perkussionist schon früh einen Namen gemacht. Sein erstes Schlagzeug bastelt er als Bub aus einem Christbaumständer und ein paar Kartonschachteln. Mit 15 Jahren spielt er mit einer Jimi-Hendrix-Coverband an einem Rockfestival. Nach der Berner Jazzschule versucht er in den Achtzigern sein Glück in New York. Der Sohn eines Schuhmachers schlägt sich als Tellerwäscher durch und improvisiert nachts in den Jazzclubs, um von den Besten zu lernen. Danach tourt er mit dem japanischen Jazzstar Ryo Kawasaki durch Japan und Europa.

Tänzern das Trommeln gezeigt

Zurück in der Ostschweiz musiziert er unter anderem mit dem Violinisten Paul Giger und dem Pianisten Peter Waters. Schlagzeuger spielen meist im Hintergrund. Doch verspürt Heinz Lieb den Drang, selber im Mittelpunkt der Bühne zu stehen. 2013 wirkt er bei «Impronte» mit, einem Tanzstück von Marco Santi in der Kathedrale. «Die Arbeit mit Heinz Lieb war inspirierend», sagt Santi. Es sei eine seiner erfolgreichsten Produktionen geworden. Die Tänzer mussten dafür trommeln lernen. «Heinz Lieb hat sie geduldig, liebevoll und mit Hingabe gecoacht», sagt der ehemalige Chef der Tanzkompagnie. Aus dieser Performance aus Klang, Rhythmus und Bewegung entwickelte Lieb dann sein Programm «Trommeltanz», mit dem er bereits im Eisenwerk in Frauenfeld und in der St. Galler Lokremise aufgetreten ist.

Rosenblätter und Kristallkugel

In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden um ihn. Er lebt zurückgezogen in einem Fabrikgebäude am Bodensee. Der Mann mit den leuchtend blauen Augen öffnet die Tür zu seinem Loft, der über dem Atelier liegt. Auf der Hand eines Buddhas brennt eine Kerze; in der anderen verdorren Rosenblütenblätter. Auf dem Tisch liegt ein «Buch der Geheimnisse». Das aufgeschlagene Kapitel handelt von «Tantrischer Meditation». In einem anderen Zimmer leuchtet eine Kristallkugel. Lieb drückt dem Besuch ein Glas Roten in die Hand – «Musikerwein» von «Yello» Dieter Meier. In der Küche brutzelt ein Süsskartoffel-Curry. Der Vegetarier ist auch als Kundalini-Yoga-Lehrer tätig.

Die Sinne schärfen

Eine Trance ist für den Trommler nichts Abgehobenes, sondern eine Verfeinerung der Wahrnehmung: Achtsam werden für das Vogelgezwitscher, den Geschmack der Schokolade, die Blautöne des Bodensees. Auch darum gehe es bei seiner «Zeitmaschine», die in einem abgedunkelten Raum stehen wird. Das Publikum soll im Dunkeln den Trommelklängen lauschen. «Das Arbeiten mit Rhythmus kann auf natürliche Art Trancezustände erzeugen.» Der Musiker will die Zuhörer dazu bringen, in «parallele Realitäten» zu reisen, fernab von Alltagsstress. Jeder soll sich tief entspannt fühlen, im Einklang mit sich selber. «Die Arbeit mit der <Zeitmaschine> stösst in mir neue Türen zum Bewusstsein auf.»

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